Musikschulen beklagen Umsatzeinbußen und setzen auf neue digitale Unterrichtsformate
Die zwei Seiten einer Medaille

Bielefeld (WB) -

Der Kreativ- und Kultursektor leidet besonders unter der Corona-Krise. Auch im Bereich der Musikschulen hinterlässt die Pandemie gravierende Spuren. Gemäß der aktuellen Coronaschutzverordnung bleiben diese bis mindestens zum 31. Januar geschlossen.

Dienstag, 19.01.2021, 12:24 Uhr aktualisiert: 19.01.2021, 13:44 Uhr
Einzelunterricht wird an den Bielefelder Musikschulen derzeit online erteilt. Foto: Jens Büttner (dpa)

Ein Lockdown darüber hinaus erscheint angesichts der aktuellen Infektionslage sehr wahrscheinlich. Kann man ein Instrument auch im Distanzunterricht erlernen?

„Wir haben schon im ersten Lockdown von einem Tag auf den anderen auf Onlineunterricht umgestellt und uns langsam in dieses Terrain eingearbeitet. Allerdings funktioniert das nur beim Einzelunterricht. Gruppenangebote sind von März bis Sommer 2020 komplett weggebrochen.“, verdeutlicht Andreas Gummersbach, einer von drei Leitern der privaten Musikschule „Pow!“.

Erst im Sommer konnte konnte „Pow!“ zumindest die musikalische Früherziehung in halbierten Gruppen wieder aufnehmen. Seit dem 16. Dezember ruht dieser Zweig auch wieder. „Wir haben über das Jahr gesehen Umsatzeinbußen von knapp 20 Prozent“, sagt Gummersbach. Zu wenig, um staatliche Fördermittel in Anspruch zu nehmen, die erst bei 50 Prozent Ausfall gewährt werden. Zu viel, um Honorarkräfte weiter zu beschäftigen, so der Geschäftsführer.

Der Onlineunterricht funktioniere mehr oder weniger gut – je nach technischer Ausstattung der beteiligten Personen. „Zudem hängt viel davon ab, wo man wohnt. In manchen Fällen sind die Online-Sitzungen immer wieder unterbrochen worden, weil die Leitungen überlastet waren. Einige Eltern und Schüler haben uns daraufhin mitgeteilt, dass sie auf unbestimmte Zeit mit dem Unterricht pausieren möchten. Das können wir uns aber eigentlich nicht leisten. Wir können den Kopf vielleicht noch bis zum Sommer über Wasser halten. Dies aber nur, wenn nicht zu viele Schüler abspringen“, betont Andreas Gummersbach.

Auch in der städtischen Musik- und Kunstschule haben sich Schüler vom Unterricht abgemeldet. „Zwar bieten wir Einzelunterricht online an, aber einige mögen den Online-Unterricht nicht“, sagt MuKu-Leiter Johannes Strzyzewski. Gruppenangebote haben an der MuKu seit März nicht mehr stattgefunden. Gerade im Bereich der Früherziehung sieht Strzyzewski Probleme auf die Branche zukommen: „Wir können derzeit keine Nachwuchsarbeit leisten. Ich schätze, dass wir nach der Pandemie an einem Neuaufbau werden arbeiten müssen.“

Strzyzewski sieht in digitalen Unterrichtsformaten indes auch eine große Chance: „Noch vor einem Dreivierteljahr hatten wir davon keine Ahnung. Mir persönlich bereitet es großen Spaß, etwas Neues zu entwickeln“, sagt der MuKu-Direktor, der künftig auch unabhängig von Corona Online-Unterricht für Einzelpersonen fest im Angebot der Musik- und Kunstschule verankern möchte.

„Viele Schüler absolvieren ein Auslandsjahr. Die konnten wir früher nicht unterrichten. Online ist dies jetzt möglich. Darüber hinaus könnten wir künftig Schüler, die zum Beispiel in Hamburg leben, aber nur von einem speziellen Lehrer, der in Bielefeld lebt, unterrichtet werden möchten, erreichen“, verdeutlicht Johannes Strzyzewski.

Komplett online wird in diesem Frühjahr auch erstmals der Wettbewerb Jugend musiziert durchgeführt werden. „Die Jury wird alle eingereichten Beiträge wohlwollend betrachten. Deshalb war es noch nie so leicht, eine Weiterleitung zum Landeswettbewerb zu erhalten. Nicht zuletzt, weil es viel weniger Teilnehmer als in den Vorjahren gibt und somit der Konkurrenzkampf nicht so hoch ist“, ermutigt Strzyzewski zur Teilnahme.

An manch geplantem Live-Ereignis will die MuKu vorerst festhalten. So soll die von Juni 2020 in den Juni 2021 verschobene Pop-Oper van Beethoven tatsächlich über die Bühne gehen. „Wir möchten nach den Osterferien mit eng getakteten Proben beginnen. Einige Sparten wie zum Beispiel das Schauspiel proben bereits online“, sagt Strzyzewski.

Auch Andreas Gummersbach hält mit seinem Chor Chit-Chat-Company an einem getroffenen Auftrittstermin Ende März in der Neuen Schmiede fest: „Wir proben online für den Auftritt. Das ist wichtig, damit wir ein Ziel haben“, sagt der Chorleiter, der komplizierte und arbeitsaufwendige Online-Proben abhält, bei dennen die Chormitglieder Kopfhörer tragen und ihre Chorstimme wie beim Karaoke einsingen.

„Wenn Corona zu etwas Positivem geführt hat, dann dazu, die Wertschätzung von Kultur zu erhöhen. Man merkt erst, wie wichtig einem die Dinge sind, wenn sie fehlen“, betont Johannes Strzyzewski.

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