Inzidenzwert könnte in Bielefeld auf 300 steigen – dennoch keine Ausgangsbeschränkungen und kein 15-Kilometer-Radius
Corona-Zahlen in der Statistik-Falle

Bielefeld -

Nicht erschrecken: Der Inzidenzwert, also die Zahl von Corona-Ansteckungen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen, könnte in Bielefeld bald an die 300er-Marke heranreichen. „Die Lage ist ernst, aber nicht so dramatisch wie sie bei solch einem Wert erscheinen mag“, sagt Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger am Freitag dazu.

Samstag, 09.01.2021, 07:31 Uhr aktualisiert: 09.01.2021, 07:40 Uhr
Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger (links) und Oberbürgermeister Pit Clausen informieren am Freitag über die Corona-Lage. Foto: Thomas F. Starke

Dass die Zahlen augenscheinlich durch die Decke schießen, habe noch immer mit dem Bearbeitungsstau nach den Feiertagen zu tun. Oberbürgermeister Pit Clausen betont unterdessen, dass es auch nach Vorlage der neuen Corona-Schutzverordnung des Landes Ausgangsbeschränkungen oder einen 15-Kilometer-Bewegungsradius für Bielefeld nicht geben werde.

 

Das Zahlen-Dilemma

Allein zwischen dem 23. und dem 27. Dezember sind 400 positive Corona-Befunde bei der Stadt eingegangen. Weitere kamen über den Jahreswechsel hinzu. Seit Mittwoch arbeitet das Gesundheitsamt den Stau, der zu diesem Zeitpunkt noch bei 250 Meldungen lag, ab. Hinzu kommen 331 neue Fälle allein von Dienstag bis Donnerstag dieser Woche. „Wir haben uns während der Feiertage auf die Kontaktverfolgung konzentriert“, sagt Ingo Nürnberger dazu. Er verweist darauf, dass Meldungen ans Robert-Koch-Institut kompliziert seien, dabei zahlreiche Daten übertragen werden müssten. Die Erfassungssysteme seien außerdem nicht kompatibel.

 

Keine Beschränkungen

Trotz der „Dynamik bei den Zahlen“ lehnt Oberbürgermeister Pit Clausen Ausgangsbeschränkungen und einen 15-Kilometer-Bewegungsradius um Bielefeld ab. „In der Stadt liegen die Infektionsschwerpunkte aktuell in den Alten- und Pflegeheimen“, so der OB. Dagegen würden keine allgemeinen Ausgangsbeschränkungen helfen. Bei der Einschränkung der Bewegungsfreiheit auf 15 Kilometer um die Stadt herum sieht Clausen erhebliche rechtliche Probleme und will deshalb darauf verzichten.

 

Die Haushalts-Regel

Auch in Bielefeld gilt ab kommenden Montag: Treffen dürfen sich nur die Personen eines Haushaltes mit einer weiteren Person (und deren minderjährigen Kinder). Das gilt aber nur im öffentlichen Raum, nicht zu Hause. Hier unterscheidet sich die NRW-Regelung von den Verordnungen in anderen Bundesländern und von der der Absprache in der Ministerpräsidenten-Konferenz. „Zu Hause könnten wir ohnehin nicht kontrollieren“, sagt Clausen dazu. Gleichzeitig richtet er aber den eindringlichen Appell an alle, sich auch im privaten Bereich an die Kontaktbeschränkungen zu halten.

 

Taxi-Gutscheine

Ab Ende kommender Woche wird die Stadt Impf-Einladungen an die mehr als 20.000 Bielefelderinnen und Bielefelder über 80 verschicken. Damit sie ins Impfzentrum an der Bielefelder Stadthalle kommen können, will die Stadt Taxi-Gutscheine anbieten. Diese Gutscheine können von Menschen in Anspruch genommen werden, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, keine Angehörigen haben, die sie bringen könnten, einen Schwerbehindertenausweis besitzen oder einer Pflegestufe zugerechnet sind. Geplant ist eine Dringlichkeitsentscheidung der Politik, weil ein Beschluss dafür in einer regulären Ratssitzung zu spät käme. Die Kosten seien nicht exakt vorhersehbar, so Nürnberger. Erste Kalkulationen gingen von 250.000 Euro aus. „Wir gehen in Vorleistung“, so Clausen, der auf eine Finanzierung durch das Land setzt. Erste Gespräche dazu seien jedoch zäh verlaufen.

 

Impfungen angelaufen

„Eine relativ gute Impfbereitschaft“, stellt der Oberbürgermeister bei Bewohnern und Personal in Bielefelds Alten- und Pflegeheimen fest. Sie liege leicht über dem Durchschnitt. Kritik übt Clausen aber am schleppenden Anlaufen der Impfungen. Im November und Dezember sei die Stadt bedrängt worden, möglichst schnell ein Impfzentrum einzurichten. „Das ist passiert, aber jetzt wird es wohl erst im Februar zum Einsatz kommen.“ Alle zur Verfügung gestellten Impfdosen seien bisher direkt in den Heimen verimpft worden. Mitte der Woche sprach Impfzentrums-Leiter Theo Windhorst von 3800 angelieferten Impf-Portionen. Künftig soll es wöchentlich exakte Zahlen zur Impfquote in der Stadt geben.

Keine Kita-Gebühren

Gute Nachricht für die rund 14.000 Kita-Eltern in Bielefeld: Ihnen sollen die Kita-Gebühren für den Monat Januar erlassen werden. Dies gilt auch für den offenen Ganztag an Grundschulen. Die Eltern sollen ihre Kinder bis Ende des Monats möglichst daheim betreuen, in den Kitas gibt es nur einen verkürzten Betrieb für Notfälle. Weil die Januar-Gebühren schon abgebucht sind, erfolgt die Verrechnung im Februar. Hier will das Land mit der Hälfte der entstehenden Kosten einspringen.

10.000 Tablets

An alle Bielefelder Schulen sind inzwischen insgesamt 10.000 Tablets ausgeliefert werden. Ab Montag gehen die Schulen in den Distanzunterricht. Dafür können die Geräte jetzt genutzt werden. Für die Lehrer sind 4000 Dienstgeräte angeschafft worden. Fünf Millionen Euro hat das zusammen gekostet, zum großen Teil finanziert von Bund und Land. Clausen lobt sein Amt für Schule und die Beschaffungsstelle für eine „großartige, kurzfristige Leistung“. Er begrüßt auch, dass die Schüler jetzt in den Distanzunterricht gehen: „Dadurch werden viele Kontakte vermieden.“ In Richtung Schulministerium mahnt er aber eine weitergehende Strategie an. Schon jetzt müsse überlegt werden, wie es im Februar weitergehen könnte.

 

Bundeswehr hilft

Die 20 Bundeswehr-Angehörigen, die aktuell im Gesundheitsamt vor allem bei der Kontakterfassung im Einsatz sind, werden noch einen weiteren Monat zur Verfügung stehen. „Eine wichtige Unterstützung“, betont Ingo Nürnberger. Die städtischen 70 Containment-Scout-Stellen würden Ende März auslaufen. Sie sollen vorsorglich bis Ende Juni verlängert werden.

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