Stefan Prystawik von der FH Bielefeld vertrat einst die US-Republikaner im Ausland – wegen Trump verließ er die Partei
„Wie in einer Bananen-Republik“

Bielefeld WB -

Einst war er das Sprachrohr der US-Republikaner in Deutschland, gefragter Gast in Talkshows, hatte als Mitglied des Republican National Committees (RNC) Kontakt bis in die Spitze der „Grand old Party“. Dann kam Donald Trump. „Am Morgen nach der Wahl im November 2016 bin ich aus der Partei ausgetreten“, sagt Stefan Prystawik.

Freitag, 08.01.2021, 06:41 Uhr aktualisiert: 08.01.2021, 06:50 Uhr
Stefan Prystawik hat die Republikanische Partei verlassen, weil er mit Donald Trumps Verhalten nicht einverstanden ist. Foto: Daniela Dembert

Nach vier Jahren Trump und vor allem den Ereignissen vom Mittwoch im und am Kapitol in Washington sieht sich der 55-Jährige, der mit Frau und Sohn in Spenge lebt, in seinem Urteil bestätigt. „Dieser Mann ist absolut unberechenbar. Ich bin nur noch entsetzt.“

Die Erstürmung des Kapitols nach einer anstachelnden Trump-Rede – so etwas hätte er sich als Albtraum nicht ausmalen können. Dass es beim widerspenstigen Abgang des US-Präsidenten zu Reibereien und Verzögerungen kommen könne, damit habe er schon gerechnet. „Für derartige Ereignisse hat mir die Fantasie gefehlt“, sagt Prystawik, der in Bad Godesberg und Arlington (Virginia) aufgewachsen ist.

Am Fernseher und im Internet hat der Dozent für Wirtschaftsenglisch an der Fachhochschule Bielefeld den Aufruhr auf dem Capitol Hill verfolgt. „Das war wie ein Putschversuch in einer Bananen-Republik.“

Dazu müsse man wissen, dass in den USA das Kapitol wie auch das Weiße Haus oder die Stars-and-Stripes-Flagge als nationale Heiligtümer mit einer nahezu sakralen Aura gelten. „Das verlangt einen entsprechend hochachtungsvollen Umgang, der uns in Europa vielleicht antiquiert erscheinen mag.“ Deshalb sei die Erstürmung des mächtigsten Zeichens der fast 250 Jahre alten Demokratie durch einen zügellosen Mob ein Tabubruch gewesen. Andererseits habe er sich gewundert, wie die Trump-Anhänger so leicht in das Allerheiligste der US-Demokratie haben eindringen können. „Und dann rannten sie drinnen sogar mit der Südstaatenflagge herum, das ist absolut unanständig.“ Er sei einst wegen der staatsmännischen Werte eines Abraham Lincoln, erster Präsident der Republikaner, in die Partei eingetreten. Davon sei unter Trump nicht viel übrig geblieben.

Wie geht es in den USA jetzt weiter? „Sein Kabinett könnte Trump absetzen.“ Möglicherweise müsse er sich wegen der Rede im Vorfeld und die Folgen rechtlich verantworten. „Eine rasche Begnadigung durch den Vizepräsidenten Pence wäre dann noch möglich“, sagt der Verwaltungsjurist und Soziologe.

Auf Staatenebene lägen aber bereits mehrere Strafverfahren in anderen Angelegenheiten in der Schublade, die den Privat- und Geschäftsmann Trump und seine Anwälte wohl demnächst beschäftigen würden. „Die Justiz in den USA ist da nicht zimperlich.“

Der künftige US-Präsident, der Demokrat Joe Biden, sei in der jetzigen Situation ein Glücksfall. Als alter Politstratege kenne er „jeden Schalter“ im Weißen Haus. „Und in seiner Ansprache am Mittwochabend hat er alles Notwendige gesagt.“ Es sei wichtig, dass er nach der Wahl in Georgia jetzt die Mehrheit in beiden Kammern habe, um die gewaltigen Herausforderungen – allen voran die Corona-Pandemie – anzugehen.

Trotz seines Parteiaustritts hat Prystawik noch immer Kontakt in die USA, nicht nur zu Republikanern. Dass er die Mitgliedschaft aufgegeben habe, „war aber letztlich eine der weisen Entscheidungen in meinem Leben“.

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