Wie sich die Pandemie auf die Bielefelder Chorlandschaft auswirkt
Singen: Vom Heilmittel zum Gesundheitsrisiko

Bielefeld -

Vor der Pandemie gab es in Bielefeld eine reiche Chorlandschaft mit großen Konzertchören, respektablen Kirchenchören und -ensembles sowie zahlreichen Gospel-, Pop- und Volkschören. Coronabedingt mussten die meisten Konzerte abgesagt werden. Hinzu kommt, dass die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln einen geregelten Probenbetrieb nahezu unmöglich machen. Wie wirkt sich die monatelange Abstinenz vom Singen langfristig aus? Das WESTFALEN-BLATT hat nachgefragt.

Freitag, 08.01.2021, 05:55 Uhr aktualisiert: 08.01.2021, 06:02 Uhr
Das waren noch Zeiten: Der Musikverein unter Bernd Wilden bei der Aufführung der Sea Symphony von Ralph Vaughan Williams in der Oetkerhalle. Foto: Bernhard Pierel

Den Musikverein hat die Pandemie besonders hart getroffen: 2020 hätte der Chor eigentlich sein 200-jähriges Bestehen mit hochkarätigen Konzerten und Ausstellungen feiern wollen. „Das Jubiläumsjahr ist komplett ausgefallen“, bedauert Bernd Wilden, künstlerischer Leiter und Dirigent des Musikvereins. Kurze Hoffnungsschimmer im Spätsommer und Herbst wurden durch den zweiten Lockdown erneut zunichte gemacht.

Denn im September wurden die Abstandsregeln für Sängerinnen und Sänger gelockert, so dass Proben in kleineren Gruppen oder einzelnen Stimmgruppen wieder möglich wurden. Hingearbeitet wurde auf den ersten Advent. Der Konzerttermin in der Oetkerhalle stand lange vorher fest.

Ursprünglich sollte das Jubiläumsjahr mit der Aufführung der Bachschen h-Moll-Messe dann seinen krönenden Abschluss finden. „Wir haben an dem Termin festgehalten, einfach um mal ein Lebenszeichen von uns zu geben“, sagt Bernd Wilden, der an Stelle der monumentalen h-Moll-Messe eine coronataugliche Fassung des Weihnachtsteils aus dem „Messias“ von Georg Friedrich Händel erstellte und diesen mit Brittens zarten Liedkreationen „A ceremony of carols“ kombinierte.

„Ich habe die Bühne der Oetkerhalle mit einem Zollstock ausgemessen. Neben einem reduzierten Orchester und zwei statt vier Solisten hätte ich einen Chor von 30 Mann präsentieren können“, verdeutlicht Wilden. Hätte, denn nach sechswöchiger Probenzeit kam der zweite Lockdown.

Die Erkenntnis aus kurzer gemeinsamer Probenzeit in vielen kleinen Gruppen: „Der Chor hat sehr schnell wieder zu seinem hohen Niveau zurückgefunden. Und ich habe für mich persönlich festgestellt, dass Musik die Quelle ist, aus der ich meine Kraft und Kreativität schöpfe“, betont Bernd Wilden, der nunmehr auf den nächsten Konzerttermin im Mai hofft – sofern das Infektionsgeschehen es zulässt. Indes: „Um den Termin zu halten, müssten wir spätestens im März mit den Proben beginnen“, schränkt Wilden ein.

Inzwischen überlegen einige Chorleiter, auf digitale Proben umzusatteln. Der Chor can carmina mit seinem technikaffinen Chorleiter Stefan Pollpeter setzt bereits seit dem ersten Lockdown im Frühjahr auf Onlineproben und offene Sing-Angebote. Übertragen werden sie mittels Radio-Stream, was – anders als bei Zoomkonferenzen – für eine hohe Klangqualität sorgt.

„Ich werde mich diesbezüglich mal schlau machen, muss zuvor aber noch abklären, ob der Chor das mitträgt“, sagt Markus Landwehr. Der Leiter des Leineweberchores überlegt ernsthaft, die Chorgemeinschaft auf digitaler Ebene zusammenzuhalten.

„Zum einen, um weiterhin soziale Kontakte zu ermöglichen, zum anderen, damit die Leute wieder ans Singen kommen. Es ist ja geradezu verrückt, dass etwas, das vor Corona als gesundheitsfördernd galt, inzwischen gesundheitsschädlich geworden ist“, sagt Landwehr, der inständig hofft, dass der Leineweberchor im Mai sein traditionelles Open-Air-Konzert im Botanischen Garten wieder live geben kann.

Landwehr: „Alle im Chor sind versessen darauf, dass es endlich weiter geht. Es gibt nicht ein Mitglied, das sich aufgrund von Corona ausgeklinkt hat. Im Gegenteil: Sie wissen erst jetzt so richtig zu schätzen, was sie am Chor haben.“

Über digitale Chorproben denkt auch Hagen Enke, Leiter des Oratorienchores und Chordirektor am Theater Bielefeld (Opernchor) nach. „Das funktioniert zwar nicht mit dem großen Oratorienchor. Aber für die einzelnen Stimmgruppen kann ich mir das vorstellen“, sagt Enke. Es käme dabei nicht so sehr auf das Ergebnis an, sondern auf das Gemeinschaftserlebnis.

Zwar sind dem Oratorienchor im vergangenen Jahr drei große Konzerte weggebrochen, untätig waren die Chormitglieder gleichwohl nicht. „Ich habe im Frühjahr bei mir im Garten solistische Einsingübungen mitgeschnitten und den Sängerinnen und Sängern zugesandt, damit sie sich zuhause auf das nächste Konzert im Juni vorbereiten konnten. Wir haben damals ja noch gedacht, dass es nach dem Lockdown normal weitergeht“, erklärt Hagen Enke.

Sehr schnell rein virtuell unterwegs war der Opernkinderchor (Junos) des Theaters Bielefeld. „Die Leiterin Felicitas Jacobsen ist fit auf diesem Gebiet. Sie hat seit März die Chorproben digital abgehalten und die Kinder sind über die ganze Zeit bei der Stange geblieben“, freut sich Hagen Enke.

Dessen Opernchor am Theater konnte unter Auflagen weiterproben. „Für Berufsmusiker gelten andere Regeln“, verdeutlicht Enke. Schließlich müssten Produktionen vorbereitet werden für die Zeit nach dem Lockdown. „Das Publikum erwartet, dass wir dann sofort professionelle Leistungen anbieten“, so der Bielefelder Chordirektor.

Auch ohne Corona war die Situation bei den Männergesangvereinen fragil. Doch der Zusammenhalt hat durch die Pandemie nicht gelitten. „Bei uns gab es keine Austritte. Und als wir im Sommer in einem großen Garten der AWO mit weitem Abstand wieder proben konnten, sind 90 Prozent unserer Sangesbrüder zu den Proben gekommen“, erläutert Ulrich Wehrmann, Sprecher des MGV Germania Sieker.

Er hofft indes, dass über die lange Durststrecke, die Corona den Chören abverlangt, die Freunde am Singen nicht verloren geht.

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