Die Bielefelder Auszubildenden im Bereich Veranstaltungstechnik leiden derzeit besonders stark unter der Pandemie
„Recht auf Bildung wird verwehrt“

Bielefeld -

Die gesamte Veranstaltungsbranche ist besonders hart von der Corona-Krise betroffen. Während andere Betriebe wieder arbeiten, steht dort die Arbeitswelt weitgehend still. Für die Auszubildenden im Bereich Veranstaltungstechnik bedeutet dies, dass sie seit neun Monaten kaum Praxiserfahrungen sammeln konnten. Lange Zeit fiel auch der Theorieunterricht in der Berufsschule aus. Dennoch fordert die IHK OWL die jungen Leute auf, sich zu Zwischen- und Abschlussprüfungen im kommenden Frühjahr zu melden.

Donnerstag, 03.12.2020, 06:00 Uhr
Die praxisbezogene Ausbildung ist für Kevin Sprotte und Foto: Bernhard Pierel

„Das ist völlig realitätsfern. Der praktische Teil sieht vor, eine Bühnensituation aufzubauen und zu verkabeln. Auch die Berufsschulgrundlage gibt das nicht her“, verdeutlicht Sarah Stücker, Mitinhaberin der Bielefelder Firma Provisuell, die im Bereich Licht, Projektion und Spezialeffekte tätig ist.

Stücker und ihr Ehemann bilden selbst zwei Veranstaltungstechniker aus. Kevin Brotte und Peter Dettmar sind beide im zweiten Ausbildungsjahr und sollen im Frühjahr 2021 ihre Zwischenprüfung ablegen. „Wir sind seit Mai zu 100 Prozent in Kurzarbeit – das ist wegen der Pandemie ausnahmsweise möglich. In der Berufsschule konnte der Lernstoff des ersten Lehrjahres nicht abgeschlossen werden“, erklärt Kevin Brotte. Zudem seien immer wieder Vertretungsstunden ausgefallen und Lehrer nicht zum Unterricht erschienen, betont der 21-Jährige. Jetzt laufe es in der Berufsschule zwar besser, gleichwohl mangele es an praktischer Berufserfahrung.

Bezogen auf den Prüfungsdruck erklärt Mechthild F. Teupen, Interims-Geschäftsführerin Berufliche Bildung bei der IHK, auf Anfrage: „Solange keine Entscheidungen über Ausbildungserleicherungen oder -Flexibilisierungen getroffen sind, ist die IHK formal dazu verpflichtet, Auszubildende zu Zwischen- und Abschlussprüfungen einzuladen, um einen ordnungsgemäßen Prüfungsablauf und damit auch die Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu anderen Jahrgängen zu gewährleisten.“

An der Vergleichbarkeit zweifeln Brotte und Dettmar indes. „Wir befürchten, dass wir als Jahrgänge abgestempelt werden, die coronabedingt während ihrer Ausbildungszeit nichts gelernt haben und deshalb später auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben“, sagt Peter Dettmar.

Hinzu komme die prekäre wirtschaftliche Situation. „Von dem Kurzarbeitergeld, die ein Auszubildender bekommt, kann niemand leben. Wir haben Glück und werden aktuell von unseren Eltern unterstützt“, erklärt der 26-Jährige.

Seit mehreren Monaten versucht Sarah Stücker sich bei verschiedenen Ministerien Gehör zu verschaffen und bei den Politikern ein Problembewusstsein für die spezielle Situation der Azubis in der Veranstaltungs- und Eventbranche zu erzeugen. „Bislang liefen alle Gespräche ins Leere“, sagt Stücker, die einen umfangreichen E-Mail-Verkehr nachweisen kann.

Ihre Idee, einen Fördertopf des Bundesministeriums für Bildung und Forschung anzuzapfen und einen Ausbildungsverbund verschiedener Bielefelder Firmen zu gründen, in dem die Azubis im Rotationsprinzip verschiedene Berufserfahrungen hätten sammeln können, scheiterte am Geld. „Wir hätten pro Azubi 4000 Euro erhalten. Das Geld hätten sich alle Betriebe teilen müssen. Die Berechnung ergab, dass das Geld dann gerade einmal für 1,37 Monate gereicht hätte. Bindend ist aber eine Laufzeit von sechs Monaten“, erklärt die Unternehmerin, deren Betrieb seit März keine Einnahmen generiert. „Das hätten wir uns nicht leisten können. Ein Auszubildender kostet den Betrieb etwa 1200 Euro im Monat“, verdeutlicht Stücker.

Auf der anderen Seite seien die Fördertöpfe gut gefüllt, weil viele durchs Raster fielen. Niemand habe bisher die Situation der Auszubildenden in den Fokus genommen.

Und so hängen Brotte und Dettmar sowie 28 weitere Azubis allein aus ihrem Lehrjahr weiterhin in der Luft.

„Abgesehen davon, dass unsere Azubis derzeit keine Praxiserfahrungen sammeln können, hat sich noch niemand Gedanken darüber gemacht, wie der praktische Teil einer Prüfung unter Pandemiebedingungen überhaupt durchgeführt werden kann“, kritisiert Sarah Stücker und fügt an: „Das Recht auf Bildung wird unseren Jungs derzeit verwehrt.“

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