Junge (2) wurde in Bielefelder Kita mehrfach auf den Flur abgeschoben, weil er beim Mittagessen störte
Gericht stellt Verfahren gegen Erzieherinnen ein

Bielefeld -

Mit der Einstellung des Verfahrens unter der Auflage, 1200 Euro an den Kinderschutzbund zu zahlen, endete am Dienstag der Prozess gegen eine Erzieherin (50) der DRK-Kita Lummerland. Die Staatsanwaltschaft hatte ihr die Misshandlung eines Schutzbefohlenen vorgeworfen.

Mittwoch, 02.12.2020, 05:55 Uhr aktualisiert: 02.12.2020, 06:01 Uhr
In der Kita Lummerland in Heepen wurde ein zweijähriger Junge auf den Flur verbannt. Der Vorfall landete nun vor Gericht. Foto: Bernhard Pierel

Mit auf der Anklagebank im Bielefelder Amtsgericht saß die Leiterin (47) der Kita, die die Erziehungsmethoden gebilligt haben soll. Auch dieses Verfahren wurde – ohne Auflagen – eingestellt. Damit endete der Prozess aufgrund von Geringfügigkeit ohne Urteil – und damit ohne Klärung, ob die Vorgehensweise gegenüber einem damals zweieinhalbjährigen Jungen juristisch als Misshandlung einzuordnen ist.

Wie auch die angeklagte 50-jährige Erzieherin einräumte, wurde der Junge im November 2018 während des Mittagessens aus dem Gruppenraum auf den Flur geschickt, weil er nicht aufhören wollte zu schreien und zu weinen. Aus Sicht der Anklage, die sich auf die Aussagen anderer Mitarbeiterinnen der Kita stützte, eine „gängige Erziehungsmethode“ in dieser Gruppe – aber eine unangemessene, weil der Flur dunkel gewesen sein, sich die Maßnahme über eine halbe Stunde hingezogen haben soll und eine andere Erzieherin daran gehindert worden sein soll, den Jungen zur Pause ins Bett zu bringen.

Die angeklagte Erzieherin indes sprach von einer im Kollegenkreis abgesprochenen pädagogische Maßnahme: Der Zweieinhalbjährige, der nach Angaben der Mutter kein Deutsch verstand, soll sich „in einer Trotzphase“ befunden haben. „Es war für ihn schwer zu akzeptieren, mit der Gruppe in Ruhe zu essen“, sagte die Angeklagte. Der Junge habe nicht aufgehört zu weinen und zu schreien, habe sich auf den Boden geworfen, was die anderen Kinder sehr verunsichert habe. „Da waren wohl zu viele Reize für ihn“, mutmaßte die Erzieherin.

Der Junge sei auf den Flur gebracht worden, hätte aber wieder hineinkommen können, wenn er sich beruhigt hätte. Durch zwei Fenster sei Licht aus anderen Räumen in den Flur gefallen, der den Kindern auch nicht fremd sei, „weil sie dort oft spielen“, so die Angeklagte, die einräumte, mehrfach so mit dem Jungen umgegangen zu sein. Nach ihrer Einschätzung soll der Vorfall etwa zehn Minuten gedauert haben. Dieses Vorgehen sei „nicht als Strafe“ gedacht gewesen, sondern sollte Ruhe in die Situation bringen.

Verärgert zeigte sich die Mutter, die als Zeugin geladen war und erklärte, dass diese Vorgehensweise mit den Eltern nie besprochen worden sei, sie erst Wochen später von einer anderen Mutter von den Vorfällen erfahren habe – obwohl die Erzieherin auf Anfrage von Richterin Judith Walter erklärte, Eltern würden „in der Regel einbezogen“.

Ungeklärt blieb im Verfahren, inwieweit auch die Leiterin der Kita von den Methoden gewusst hat. „Es gab nie die Anweisung, Kinder zu separieren“, sagte sie. An Absprachen, im konkreten Fall so vorzugehen und den Jungen auf den Flur zu schicken, könne sie sich nicht erinnern. Richterin Judith Walter verwies auf Zeugen, die bei der Polizei „etwas anderes ausgesagt“ hätten.

Zu einer Klärung kam es am Dienstag nicht mehr, weil sich die Beteiligten auf eine Einstellung des Verfahrens verständigten. Auch Oberamtsanwalt Markus Ehresmann von der Staatsanwaltschaft hatte Bedenken, dass in dem Aussperren des Kindes ein „Quälen“ zu sehen ist, wie es das Gesetz für eine Misshandlung von Schutzbefohlenen vorsieht. Das Gericht ging zumindest von einer nur geringen Schuld aus. „Über Erziehungsmethoden kann man sicher viel streiten“, sagte Ehresmann, der die Zweifel an einer Strafbarkeit mit Verteidiger Andreas Chlosta teilte. Gleichwohl sei das Verhalten der Erzieherin nicht zu billigen, sagte auch Chlosta, der aber auch betonte, seine Mandantin sei durch das Verfahren „schon bestraft genug“. Die Erzieherin ist derzeit mit anderen Tätigkeiten beim DRK betraut, die Leiterin arbeitet im Homeoffice ohne Kontakt zu Kindern.

Ehresmann betonte, im pädagogischen Sinne hätte man „vieles besser machen“ können, „wir sind aber nicht der Kontrollausschuss für die Kita“. Auch Richterin Judith Walter mahnte: Die interne Aufarbeitung des Vorfalls sei „in höchstem Maße problematisch“ gewesen.

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