DGB-Jugend fordert mehr Einsatz für attraktive Lehrstellen
Sorge um die Berufsausbildung

Bielefeld/Paderborn -

Weniger Lehrstellen in OWL – aber auch weniger junge Menschen, die sich um einen Ausbildungsplatz bewerben. Die Jugend im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) sieht die Situation mit Sorge. „Die duale Ausbildung ist in Gefahr, der Fachkräftemangel könnte sich weiter verschärfen“, warnt Vahit Uyar, Jugendbildungsreferent des DGB in OWL. Es müsse mehr für die Attraktivität der Berufsausbildung getan werden – gerade jetzt.

Montag, 23.11.2020, 21:26 Uhr aktualisiert: 23.11.2020, 21:36 Uhr
Eine Auszubildende arbeitet an einem Werkstück. Gewerkschafter sorgen sich auch in OWL um die Zukunft der dualen Ausbildung. Foto: Marcus Brandt

„Schon vor Corona gab es Probleme. Wir befürchten, dass sie sich durch die Pandemie noch verschärfen und sich weitere Unternehmen dauerhaft aus der Berufsausbildung verabschieden“, sagt Uyar. Schon jetzt bilde nur noch etwa jeder fünfte Betrieb aus. Und selbst bei Leuchttürmen wie dem Autozulieferer Benteler in Paderborn oder dem Gütersloher Hausgerätehersteller Miele gebe es bedenkliche Tendenzen.

In OWL habe die Zahl der angebotenen Lehrstellen bis Ende August bei 13.246 gelegen – ein Minus von fast elf Prozent zum Vorjahr. Auf der anderen Seite seien es mit 14.317 Bewerbern aber ebenfalls rund 10,6 Prozent weniger gewesen als im Ausbildungsjahr 2019. Uyar: „Der Rückgang bei den Bewerberzahlen passt nicht zu den demografischen Daten in diesem Jahrgang. Wir befürchten, dass – auch wegen Corona – viele junge Leute in schulische Warteschleifen gegangen sind und vielleicht ganz ohne Berufsausbildung bleiben.“ Schon jetzt könne fast jeder Fünfte zwischen 20 und 34 Jahren hierzulande keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen.

Es sei wichtig, die Chancen und Möglichkeiten der dualen Ausbildung sichtbar zu machen, sagt Uyar. Auch wenn das gerade in Corona-Zeiten ohne Präsenzveranstaltungen eine besondere Herausforderung sei.

Die Azubis jedenfalls seien deutlich flexibler als landläufig dargestellt. Das zeige der DGB-Ausbildungsreport 2020. Nur knapp ein Drittel der in NRW kurz vor Ausbruch der Corona-Krise befragten 5427 Azubis gab an, sich im absoluten Wunschberuf ausbilden zu lassen. 40 Prozent sprechen bei ihrer Wahl von einem von mehreren interessanten Berufen, fast jeder vierte von einer Alternativlösung.

Mit ihrer Ausbildung zufrieden zeigten sich – wie in den Vorjahren – rund 70 Prozent der Azubis. „Das bedeutet aber auch, dass 30 Prozent unzufrieden sind“, sagt Uyar. Als Gründe werden etwa ausbildungsfremde Tätigkeiten angeführt oder auch Überstunden, die weder finanziell noch zeitlich ausgeglichen werden. Der DGB fordert die Handwerkskammer und die Industrie- und Handelskammer auf, die Einhaltung der Vorgaben sicherzustellen. Unter den 25 Berufen mit den meisten Auszubildenden gebe es Beschwerden vor allem von Köchen, Friseuren, Kfz-Mechatronikern und zahnmedizinischen Fachangestellten.

Initiative für Azubi-Wohnheime

Wunsch und Wirklichkeit klaffen für viele Azubis vor allem beim Thema Wohnen auseinander: Während fast 68 Prozent gerne in den eigenen vier Wänden leben würden, wohnen rund 73 Prozent noch im Elternhaus. Damit verbunden sind oft auch weite Wege zur Ausbildungsstelle oder Berufsschule, sagt Jana Ramme, Gewerkschaftssekretärin der IG Metall Gütersloh-Oelde. Angesichts von Mängeln im ÖPNV in ländlichen Bereichen von OWL ist auch das Azubi-Ticket für 62 Euro im Monat nicht immer eine echte Hilfe. Auch deshalb wurde ein Bündnis gegründet mit dem Ziel, in OWL Azubi-Wohnheime zu etablieren. In Gütersloh gebe es positive Signale aus der Politik, sagt Ramme. „Wir müssen aber noch dicke Bretter bohren.“ In Hamburg habe der Kampf um ein Azubi-Wohnheim zehn Jahre gedauert. „Wir hoffen, dass wir es schneller schaffen.“ Dafür brauche es Unterstützung von Unternehmen.

...

Ein Problempunkt bleibt auch die Bezahlung: Im Schnitt erhalten Azubis in NRW laut der Studie 865 Euro im Monat. „Bei Tarifbindung müssten es aber 941 Euro sein“, sagt Uyar. Es gebe auch bei der Ausbildungsqualität mehr Zufriedenheit in Betrieben mit Tarifbindung und Mitbestimmung.

„Wir müssen um jeden Ausbildungsplatz und die Zukunft der jungen Leute kämpfen“, sagt Uyar. Konkret ist dies gerade bei Benteler der Fall. Nachdem die Zahl der neuen Azubis in diesem Jahr von sonst rund 80 auf noch 14 gesunken ist, haben Jugend- und Ausbildungsvertreter (JAV) eine Petition gestartet. 1940 Unterschriften wurden binnen eines Monats gesammelt. „Mehrere Politiker haben sich bereits angeschlossen“, sagt der JAV-Vorsitzende Georg Somi.

Bei Miele sind nach Angaben der Gewerkschafter vor allem die Übernahmechancen für ausgelernte Azubis zuletzt massiv gesunken – auch angesichts des Stellenabbaus im Gerätewerk Gütersloh.

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