Nach 5000 Zuschauern macht der Live-Stream von Radio Bielefeld schlapp
Hotzenplotz als „Trostpflaster“-Premiere

Bielefeld -

Sonntag, 15 Uhr. Beginn der coronabedingt ungewöhnlichen Premiere des Theatermärchens „Der Räuber Hotzenplotz“ als Live-Stream. Eigentlich. Denn nur die, die Glück hatten, waren von der ersten Minute an virtuell im Stadttheater mit dabei. Nachdem rund 5000 den Link aufgerufen hatten, ging zunächst nichts mehr.

Sonntag, 22.11.2020, 18:29 Uhr aktualisiert: 23.11.2020, 14:36 Uhr
Überfall: Hotzenplotz (Thomas Wolff), Seppel (Cornelius Gebert) und Kasperl (Susanne Schieffer, von links) Foto: Joseph Ruben/Theater

Das Theater reagierte schnell, die Vorstellung begann etwa 15 Minuten später. Und, so versuchte Intendant Michael Heicks, der auch Regisseur des Hotzenplotz war, zu trösten, die Aufzeichnung sei schließlich noch bis Dienstagnachmittag abrufbar (www.radiobielefeld.de)

Das Familienstück nach dem Buch von Otfried Preußler soll, so das Versprechen des Theaters, auf jeden Fall noch mit Publikum gespielt werden – selbst, wenn das erst im Januar oder noch später im Jahr 2021 sein sollte. Denn der Stream kann kein Ersatz für den echten Theaterbesuch sein, sondern nur ein Trostpflaster.

Die lustige, aber auch unheimliche Geschichte um Großmutters Geburtstag, den Diebstahl der Kaffeemühle, die sie von Kasperl und Seppel bekommen hat, durch den Räuber Hotzenplotz mit seiner sehr strengen Berufsauffassung („Ich bin ein Räuber, das liegt mir im Blut, meine Überfälle, die sind wirklich gut..“) brilliert mit zauberhaften Effekten und fantasievoll-urkomischen Kostümen (Julia Hattstein).

Thomas Wolff als Räuber mit Bart, Pfefferpistole und Rauschebart (und später im rüschigen Flanellnachthemd) führt Wachtmeister Dimpfelmoser (Lukas Graser, der in dieser Rolle seiner Muttersprache Schwytzerdeutsch frönen kann) seit Jahren an der Nase herum. Kasperl (Susanne Schieffer) und Seppel (Cornelius Gebert) wiederum führen den Hotzenplotz an der Nase herum – und das, ohne irgendwie albern zu wirken. Im Gegenteil: Beide spielen in schöner Selbstverständlichkeit die Schlauberger und wenn sie die Namen verdrehen (Plotzenhotz, Lotzenplotz), ja, dann fehlt im Saal das Lachen der kleinen Zuschauer. Was erst Recht gilt, wenn Kasperl den großen und bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann (auch Lukas Graser) mit der Namensdreherei mit Zeprodilius Wackelzahn, Spektrofilius Zwackelschwan, Reprozilius Fackelspan oder Zeleprilius Padelkahn schier in den Wahnsinn treibt. Aufregend: Wenn Kasperl die schluchzende Unke (Nicole Lippold) mit dem Feenkraut zurück in die Fee Amaryllis verwandelt. Und als Dankeschön drei Wünsche frei hat.

Zwackelmann mit seinem langen Blondhaar und dem weiten Zaubermantel wähnt sich schier unbesiegbar: „Die Welt liegt mir zu Füßen und ihr hockt in der Bude“. Was für die Stream-Zuschauerschaft passte...

Das Happyend gibt es bei Kaffee und Pflaumenkuchen mit Schlagsahne. Großmutter (auch Nicole Lippold), Wachtmeister, Kasperl und Seppel bekehren den Hotzenplotz sogar – zumindest zu Höflichkeit: „Also, wenn Du uns freundlich fragst und das Zauberwort uns sagst, laden wir Dich zu Kaffee und Kuchen ein“. Und wie heißt es, das Zauberwort? Bitte natürlich. Der Hotzenplotz weiß es – und die Kinder, wären sie denn im Saal gewesen, hätten ihm sicher souffliert.

Schön. Eigentlich. Denn im Stream fehlt die Unmittelbarkeit eines echten Theaterbesuchs, das Berührende, Emotionale. Aber wie heißt es in jedem Märchen: Es war einmal eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat. Vielleicht gilt das ja auch jetzt.

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