Biologie-Studenten spüren im Stadtgebiet Schadstoffen nach und nehmen den Bewuchs an Baumrinden unter die Lupe
Diese Flechten lieben dicke Luft

Bielefeld -

Studenten der Uni Bielefeld nehmen in diesen Tagen einige Bäume in der Innenstadt und in Außenbezirken im wahrsten Wortsinn unter die Lupe. Sie suchen Hinweise auf die Luftqualität an den verschiedenen Standorten, haben dabei allerdings nicht die Bäume selbst im Blick, sond

ern das, was an ihren Stämmen wächst.

Dienstag, 10.11.2020, 05:14 Uhr aktualisiert: 10.11.2020, 05:20 Uhr
Frederike Haafs (links) und Max Frühling haben sich für ihre Untersuchung eine Linde am Jahnplatz ausgesucht, um Flechten-Arten zu bestimmen. Foto: Bernhard Pierel

In rund einem Meter Höhe haben Frederike Haafs (25) und Max Frühling (22) an einer Linde mit roten Bändern ein Raster abgesteckt. Fünf Felder à zehn mal zehn Zentimeter übereinander markieren den Bereich, in dem die Studenten der Fakultät für Biologie nach Flechten suchen – diesen flachen, oft bunten Lebensgemeinschaften von Pilzen mit Algen oder Bakterien. Mit der Lupe suchen sie das Raster ab, gleichen mit einem Bestimmungsbuch ab, was sie sehen und erfassen im Laptop, welche Arten sie gefunden haben.

Das jeweilige Vorkommen „lässt Rückschlüsse auf die Luftqualität zu“, weiß Frederike Haafs. Denn manche Flechten fühlen sich dort besonderes wohl, wo die für Menschen schädlichen Stickoxide in größerer Menge vorkommen. Andere Arten zeigen dagegen an, wo die Luft besonders sauber ist, weil sie sich gar nicht erst ansiedeln, wenn die Luft voller Schadstoffe ist.

Die Linde, die die Studenten ausgewählt haben, steht dort, wo zumindest aus Sicht der Politik und der Deutschen Umwelthilfe mit Blick auf amtliche Messungen die Stickoxid-Belastung so hoch ist, dass der Verkehr als einer der Verursacher reduziert werden soll: am Jahnplatz unweit der Buchhandlung Thalia – und somit neben der Baustelle, die wesentlich zur Verringerung des Verkehrs beitragen soll.

Xanthoria parietina, so der wissenschaftliche Name, hat Max Frühling an der Jahnplatz-Linde ausgemacht. Eine Blattflechte, die Stickoxid mag – und somit auf eine eher mäßige Luftqualität hindeutet. Strauchflechten, die eine gute Qualität der Umgebungsluft anzeigen, haben sie an dieser Stelle bislang nicht gesehen.

Untersucht wird aber nicht nur hier. Im Rahmen des Projektes unter der Leitung von Dr. Stefanie Boltersdorf wurden Teile des Stadtgebietes in insgesamt 36 Areale zu je einem Quadratkilometer aufgeteilt. In jedem Areal werden einige Bäume untersucht, um so ein Bild über die Qualität der Luft in den verschiedenen Teilen Bielefelds zu erhalten.

In jedem Wintersemester seit 2015 sind in dem Projekt der Dozentin Studenten unterwegs, um das Flechtenvorkommen zu erfassen. Die Areale seien immer die gleichen, die einzelnen Bäume als Untersuchungsobjekt innerhalb der Areale seien aber unterschiedlich. Das Projekt diene den Biologiestudenten dazu, sich mit den Flechten zu befassen, soll langfristig aber auch ein Bild von der Luftgüte zeichnen und Entwicklungen aufzeigen.

Insgesamt sei die Luftqualität in Bielefeld „mittel bis schlecht“, sagt Dr. Stefanie Boltersdorf. In den einzelnen überprüften Arealen sei sie aber auch „sehr flexibel“, also in einem Jahr mal besser, im anderen mal schlechter. Eine Tendenz, dass sich die Luftgüte im Laufe der Jahre seit Projektbeginn verschlechtert oder verbessert habe, sei nicht erkennbar. Auch sei die Qualität in den Außenbezirken nicht unbedingt besser als in der Innenstadt, weil auch der Einfluss der Landwirtschaft auf die Luftgüte groß sei. „Aber es gibt Hotspots“ mit hohen Schadstoffwerten, sagt die Dozentin. So vor allem an den Verkehrsachsen wie Stapenhorststraße und Eckendorfer Straße, aber eben auch am Jahnplatz.

Das Projekt hat einen besonderen Charme, wie Dr. Stefanie Boltersdorf deutlich macht. Während Messstationen eher aufwendig zu betreiben sind und daher nur an wenigen Stellen im Stadtgebiet eingesetzt werden, sind Flechten eigentlich überall zu finden.

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