Professur für Klösterchen-Chefarzt Heiko Schotte in Münster
Abwägen, wo die Gefahr droht

Bielefeld -

Covid und zugleich eine Nierenerkrankung – das ist nicht so selten. Dabei kann die Nierenerkrankung den Patienten verletzlich, vulnerabel, gemacht haben. Sie kann aber auch eine Folge der Infektion mit dem Coronavirus sein. Bei schweren Verläufen, sagt Prof. Dr. Heiko Schotte, Chefarzt der Allgemeinen Inneren Medizin, müsse man immer entscheiden, was den Patienten bedroht. Es ist wichtig, Herz, Lunge, Niere, Leber, Magen-Darm im Blick zu haben“, zählt er auf.

Samstag, 07.11.2020, 05:10 Uhr
Im Krankenhaus, betont Schotte, werde bei jedem Patienten ein Abstrich vorgenommen. Foto: dpa

Schotte ist dafür gewissermaßen prädestiniert. Der Internist, soeben von der Medizinfakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum Professor ernannt, hat weiterführende Qualifikationen als Rheumatologe, Gastroenterologe, Endokrinologe und Diabetologe.

Sieben positiv auf das Coronavirus getestete Patienten sind derzeit auf einer Isolierstation des „Klösterchens“, bei fünf Verdachtsfällen stand gestern Mittag die Klärung noch aus. Ein Patient wird auf der Intensivstation beamtet. Nach den bisherigen Erfahrungen, so Schotte, müsse man damit rechnen, dass etwa zehn Prozent derer, die auf der Iso-Station behandelt werden, auf die Intensivstation verlegt werden müssen, weil der Krankheitsverlauf gravierender wird.

„Die schweren Fälle therapieren wir derzeit mit Remdesivir, Cortison und Blutverdünnern“, erklärt Schotte. Bei den leichten und mittelschweren Verläufen setze man hingegen auf die Selbstheilungskräfte des Körpers. Wichtig sei allerdings, bei diesen Patienten rechtzeitig zu erkennen, ob sich noch eine bakterielle Infektion „oben drauf“ setzt. Dann nämlich müssen Antibiotika eingesetzt werden. Und natürlich müssen die Covid-Patienten, die noch andere Grunderkrankungen haben, genau beobachtet werden.

Nicht so einfach ist die Unterscheidung von Erkältung, Grippe oder eben Covid nach klinischem Befund, schließlich kann alles mit Husten und Heiserkeit einhergehen. Im Krankenhaus, betont Schotte, werde bei jedem Patienten ein Abstrich vorgenommen. Tatsächlich hatte er just aber einen Fall, in dem der Patient mit gleich drei negativen Abstrich-Befunden ins Franziskus Hospital kam. „Aber es ging ihm wirklich schlecht, und vor allem hatte er Fieber ohne Erklärung und seinen Geruchs- und Geschmackssinn verloren“, schildert Schotte. Er veranlasste den vierten Test – der nun positiv war. „Entscheidend ist, begründete Verdachtsfälle zu identifizieren“, sagt der Chefarzt. Das allerdings ist bei der weiten Verbreitung – zum Teil eben auch ohne Symptomatik – schwierig.

„Kinder und Jugendliche werden kaum schwer krank, bei den meisten verläuft die Krankheit ungefährlich. Aber wir haben schon einen 50-Jährigen nach Hannover an eine künstliche Lunge verlegen lassen müssen“, sagt Schotte. Er setzt auf die Vernunft und die Solidarität der Menschen, die Vulnerablen zu schützen. „Und es gibt eine klare Beziehung von Alter, schwerem Verlauf und Sterblichkeit.“

Die ergriffenen Maßnahmen hält der Mediziner für vernünftig: „Es ist gut, die Schulen offen zu halten und nicht das Wirtschaftsleben lahmzulegen. Aber da, wo statistisch gesehen die Übertragungswahrscheinlichkeit hoch ist, muss man eben Kontakte erschweren. Denn jeder Kontakt ist mit einem Risiko verbunden.“ Als Vater von drei Kindern weiß der 52-Jährige, wie schwer es vor allem jungen Menschen fällt, auf Treffen und Feiern zu verzichten.

Dass irgendwann wegen etwaiger Engpässe droht, entscheiden zu müssen, welchem Patienten eine Intensivtherapie zuteil wird, sieht er nicht: „Davon sind wir noch weit entfernt.“ Im Klösterchen etwa liegen zwölf Patienten auf der Iso-Station, 30 Betten stehen zur Verfügung. Und auch die Beatmungsplätze sind nur zur Hälfte belegt – und nur einer der Patienten ist ein Covid-Patient.

Aber, mahnt Schotte, damit es so bleibt, müssten die Regeln eingehalten werden. Zudem appelliert er an die Bielefelder, im Krankheitsfall – denn es gibt noch mehr als Covid – nicht zu zögern und ein Krankenhaus aufzusuchen. „Ansonsten können auch Komplikationen und schwere Verläufe drohen.“

Heiko Schotte, 52, studierte in Münster, Montpellier (Frankreich) und Göttingen. Lange Jahre arbeitete er am Uniklinikum Münster, habilitierte sich dort und wurde Chefarzt des Franziskus Hospitals Harderberg in Osnabrück, wo er 2016 Ärztlicher Direktor wurde. Seit Juli 2019 ist er Chefarzt am Bielefelder Franziskus Hospital. Schotte ist mit Überzeugung breit aufgestellter Internist. Die Spezialisierung in Sub- und Subsubdisziplinen, sagt er, sei durchaus dem medizinischen Fortschritt geschuldet. Aber zum Beispiel bei multimorbiden Patienten sei es auch notwendig, nicht nur ein Organ zu sehen, sondern gewichten zu können undZusammenhänge zu erkennen.

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