„Ein Tag vor dem Winter“: Neue Ausstellung in der Bielefelder Samuelis Baumgarte Galerie
Zuversicht aus dem Blick zurück schöpfen

Bielefeld -

Kunst kann trösten, kann versichern, „dass der Frühling mit allen Chancen für den Neuanfang sicher kommt, wenn der Winter erst vorbei ist“, ist der Kunsthistoriker Rouven Lotz überzeugt. Das darf man in Corona-Zeiten auch als Aufmunterung verstehen: Irgendwann kommen wieder andere Tage.

Freitag, 06.11.2020, 05:06 Uhr aktualisiert: 06.11.2020, 05:10 Uhr
Galerist Baumgarte inmitten der Ausstellung. Alle Werke – von Bargheer bis Ury – sind zu kaufen. Foto: Thomas F. Starke

Insofern ist der Titel der neuen Ausstellung der Samuelis Baumgarte Galerie auch Programm: „Ein Tag vor dem Winter“ soll durchaus einen Kontrapunkt zu dem omnipräsenten Thema Corona setzen“, sagt Petra Schreiner, Assistentin der Galerieleitung. Die Ausstellung vereint große Namen von Max Liebermann über Gabriele Münter, Eduard Bargheer und Karl Schmidt-Rottluff bis zu Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde.

Und sie umspannt einige Jahrzehnte: Das älteste gezeigte Werk ist von 1915, das jüngste von 1968. „Dazwischen“, so Schreiner, „lagen zwei Weltkriege.“ Verheerende Zeiten, verstörende Erfahrungen, neue politische und kulturelle Strömungen, Wandel und Umbrüche – das haben alle diese Künstler, die Galerist Alexander Baumgarte ausstellt, erlebt. Und sie haben darauf kreativ reagiert. Aus dem Blick zurück, schreibt Rouven Lotz im Ausstellungskatalog, sei auch Zuversicht zu schöpfen: „Eine Generation, die zwei Weltkriege erlebt hat, prägte die Moderne. In ihren Bildern spiegelt und reflektiert sie das Weltgeschehen, verarbeitet eigene Erlebnisse und schöpft neue Kraft nicht zuletzt aus der Konzentration auf Sujets, die von den Katastrophen der Weltpolitik unberührt zu sein scheinen.“

Mit anderen Worten: Auch in schwierigen Zeiten kann Schönes, Bedeutendes entstehen, „die Kunst bietet das Mittel, sich zu entziehen“, sagt Schreiner. Und sie bietet die Möglichkeit, sich auszuprobieren: „Den einen Akademiestil gab es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Selbst wer einer der künstlerischen Vereinigungen angehörte und dann vielleicht das ‚Label‘ Brücke trug, wahrte doch seine Individualität“, ergänzt Mitarbeiter Tobias Linden.

Wie die Künstler des Heute die Coronakrise reflektieren und verarbeiten, was sie schaffen, werde sich zeigen, meint Galerist Baumgarte. Aktuell fehle ihnen angesichts geschlossener Museen und Theater die Plattform, die Bühne. Um so schöner, dass die Samuelis Baumgarte Galerie das Bedürfnis nach Kunst stillt.

Gleich beim Betreten fällt der Blick auf ein großes Ölgemälde von Schmidt-Rottluff in expressiven Gelb-Blau-Lila-Grün-Tönen: „Weg in Ascona“, 1950 entstanden und garantiert ein Stimmungsaufheller. Im Hauptraum dann geht es weiter mit den großen Namen, beeindrucken eine ausdrucksstarke abendliche Marschlandschaft, ein Sonnenblumen-Aquarell und eine kostbare, kleine frühe Arbeit in Öl (Vase mit Blumen von 1915) von Nolde ebenso wie zwei weibliche Akte (Farbige Kreide) oder Stillleben in Öl von Kirchner. Krüge und Kerze sind das Motiv, expressionistisch zwar, aber schon auf dem Weg zum Kubismus, findet Schreiner.

Eine Sichtachse bezieht das Kirchner-Stillleben auf ein ähnliches, expressionistisches Motiv von Schmidt-Rottluff im Nebenraum.

Natürlich müssen hier auch Lesser Ury und Max Liebermann erwähnt werden mit ihren impressionistischen Arbeiten. „Liebermann war oft in Paris, dort hielt sich der Impressionismus länger; und Lebensräume haben Einfluss“, sagt Baumgarte.

Bewunderung verdient hier auch ein Sonnenuntergang am Lago Maggiore, von Christian Rohlfs in Wassertempera auf Bütten ausgeführt oder eine fast blasse Päonie auf Blau, ebenfalls von Rohlfs. Leicht und transparent sind die Bilder von Bargheer, inspiriert von Ischia, wohin der homosexuelle Künstler vor den Nazis flüchtete.

Die Ausstellung „Ein Tag vor dem Winter“ wird an diesem Samstag eröffnet eine Vernissage findet um 17 und um 19 Uhr statt, zur Einführung spricht Rouven Lotz, Leiter des Emil Schumacher Museums Hagen. Eine Anmeldung zur Vernissage mit Angabe der bevorzugten Uhrzeit ist dringend erforderlich – zur Steuerung und Kontaktnachverfolgung (info@samuelis-baumgarte.com) Darüber hinaus ist die Ausstellung bis zum 31. Januar zu sehen: montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr.

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