Ein Bielefelder zwischen Lindner und Elton John
Mit Pommes aus dem 2. Weltkrieg „weltberühmt“

Bielefeld -

Eine Vorahnung von dem, was „Medienrummel“ bedeuten kann, hat der Bielefelder Jungunternehmer Marius Rügge in den vergangenen Tagen bekommen: Die Entdeckung eines Stapels 76 Jahre alter Holzkisten mit Blechdosen voller getrockneter Kartoffelstreifen aus dem Zweiten Weltkrieg – mehr als 700 Kilogramm - verschaffte dem 24-Jährigen vorübergehend bundesweite Aufmerksamkeit – und vereinzelt sogar über die Landesgrenzen hinaus.

Donnerstag, 05.11.2020, 10:26 Uhr aktualisiert: 05.11.2020, 10:36 Uhr
Das professionelle Kommissionieren und Versenden von Produkten aller Art ist das Geschäftsfeld der Bielefelder Firma Rügge Solutions. Neben Katzenstreu, Streusalz oder Geschirr-Reiniger verschickt Marius Rügge (24) auch schon mal Holzkisten mit 76 Jahre alten Pommes Frites. Foto: Markus Poch

 

Nachdem das WESTFALEN-BLATT am 22. Oktober exklusiv von dem seltenen Lebensmittelfund auf dem vernachlässigten Spitzboden der Bielefelder Firma Johann Oppenhäuser berichtet hatte und auch davon, dass Marius Rügge die Pommes aus australischen Armeebeständen tatsächlich probierte, war zunächst die Deutsche Presseagentur (dpa) hellhörig geworden. Sie interviewte den Finder erneut, jagte Auszüge des Gesprächs zusammen mit einer Fotoauswahl durch ihren Verteiler.

Fortan veröffentlichen alle nennenswerten Zeitungen zwischen Hamburg und München in ihren Print- oder Online-Ausgaben die wundersame Geschichte aus Bielefeld; darunter Bild-Zeitung, Spiegel, Focus, Kölner Express, Die Zeit, Frankfurter Neue Presse, Abendzeitung, Berliner Morgenpost, Badische Zeitung und viele mehr. Dazu läuft die Meldung bei etlichen Radiosendern von Kiel bis Zwickau. „Ich war anfangs skeptisch und hätte niemals damit gerechnet, dass die Nachricht dermaßen durch die Decke geht“, gesteht der Groß- und Außenhandelskaufmann. Fand er zuvor bei Google kaum Einträge unter seinem Namen, so sind es inzwischen mehr als 14.000.

Sein liebster Kartoffel-Artikel ist ein ganz kurzer aus der Süddeutschen Zeitung: „Da steht mein Name in einer Leute-Box zwischen Christian Lindner und Elton John. Das ist schon toll“, sagt der Bielefelder. Rügges unerwartete Omnipräsenz in Print und Online hat deutlich spürbare Auswirkungen: Zum Beispiel kommt der WDR mit einem Kamerateam zu Besuch, lässt sich von ihm noch einmal besagten Spitzboden und die Kartoffeldosen von 1944 zeigen. Abends läuft der Beitrag in der Bielefelder Lokalzeit. Einige Tage später realisiert Rügge, dass das Filmchen bereits mehr als 1,5 Millionen Mal angeklickt wurde.

Interessenten aus verschiedenen Teilen Deutschlands, aber auch aus Holland und Belgien, melden sich plötzlich. Es sind private Sammler, es sind aber auch Museen. So steht Marius Rügge aktuell in Verhandlungen mit dem Garnisonmuseum Nürnberg, dem Weltkriegsmuseum Amsterdam, einem Dosenmuseum in Rotterdam und dem Pommesmuseum in Brügge. Viele wollen eine Kiste Weltkriegs-Pommes geschenkt haben, „doch das entspricht nicht meiner Mentalität als Kaufmann“, sagt der Unternehmer, der sich als Logistik-Dienstleister Rügge Solutions am Queller Bahnhof bei seinem früheren Chef Johann Oppenhäuser eingemietet hat.

Rügge und seine fünf Mitarbeiter, die im Kundenauftrag schon mal bis zu 1500 Pakete pro Tag kommissionieren und fachgerecht versenden, haben nämlich nichts zu verschenken. Dennoch will Rügge dem einen oder anderen namhaften Museum gerne eine Kiste oder Dose Trockenfritten als Dauerleihgabe zur Verfügung stellen. Über die konkreten Anfragen hinaus rufen sich bei ihm gute Geschäftspartner in Erinnerung und Menschen aus seiner Vergangenheit, die ihn irgendwo in einem Medium wiedererkannt haben, darunter ein Schulfreund, der jetzt als Polizist in Magdeburg tätig ist, sein Großonkel Wilhelm aus Dortmund und sein früherer Fahrlehrer aus Bielefeld.

Oder es melden sich Zeitzeugen wie die Paderbornerin Suse Ziegler: Die 78-Jährige war in Esslingen am Neckar aufgewachsen und hatte dort 1947/48 als Vorschulkind Trockenkartoffeln probieren müssen, die ihr Vater als Bonus von seinem sozial eingestellten Arbeitgeber geschenkt bekommen hatte. „Die schmeckten schon damals absolut scheußlich. Das fanden auch meine Eltern“, berichtet die Organistin und langjährige Pädagogin . „Bei aller Not - wir haben sie dann weggeschmissen.“

Einen Hinweis darauf, wie und warum die einstmals als Verpflegung der australischen Streitkräfte in Ballarat bei Melbourne hergestellten Kartoffeln ausgerechnet in Bielefeld-Quelle auf dem Spitzboden der früheren Kohlenhandlung Schmitt gelandet sein könnten, liefert Reinhard Dieter Wolf, Seniorchef der gleichnamigen Bielefelder Parfümerie: „Nach dem Krieg gab es in Quelle die Großküche Wenge“, erzählt der 83-Jährige. „Von dort aus wurden alle Schulen und viele Betriebe der Stadt mit warmen Mahlzeiten versorgt.“ Er selbst, Jahrgang 1937, habe als Schüler der Jakobusschule davon gegessen und die Dosen nun wiedererkannt. „Die Nahrung stammte von Hilfsorganisationen oder aus Armeebeständen und kam oft in solchen Dosen“, erzählt Wolf weiter. „Wahrscheinlich sind die getrockneten Kartoffeln in der Kohlenhandlung gelagert gewesen und dort später in Vergessenheit geraten.“

Quelles Heimatpfleger Horst-Hermann Lümkemann und Horst Brück, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins, halten diese These für durchaus nachvollziehbar – zumal die Großküche Wenge, in der 50 Köche damals bis zu 35.000 Mittagessen täglich anrichteten, nur einen Steinwurf weit von Kohlen-Schmitt entfernt lag, nämlich im Gebiet der heutigen Wohnsiedlung Fortunastraße.

Fasziniert saugt Marius Rügge alle Details aus der Vergangenheit seiner Fundstücke auf, damit er an diesem Donnerstag Spannendes zu erzählen hat. Denn dann sitzt er in Köln als Studiogast der WDR-Livesendung „Hier und heute“ (16.15 bis 18 Uhr), wo noch einmal mit den Weltkriegs-Pommes gekocht werden soll. Es ist sein erster TV-Auftritt unter Live-Bedingungen und entsprechend groß sein Lampenfieber. „Da ist alles möglich, zum Beispiel dass ich lang hinschlage oder vor Aufregung den Kochtopf vom Herd schlage“, befürchtet er.

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