Corona bremst Ausbildungsmarkt – Bangen um Fachkräfte von morgen
Massiv weniger Azubi-Verträge

Bielefeld (WB). Die Folgen der Corona-Pandemie haben den Ausbildungsmarkt auch in Ostwestfalen-Lippe gehörig ausgebremst. „Bei der Besetzung von Ausbildungsstellen ist es im Schnitt zu einer Verzögerung von rund zwei Monaten gekommen“, erklärten die Arbeitsagentur Bielefeld, die Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen und die Handwerkskammer OWL am Donnerstag bei einer gemeinsamen Online-Pressekonferenz. Die Experten haben die Sorge, dass sich dadurch der Fachkräftemangel in drei Jahren stärker als bisher bereits bemerkbar machen könnte.

Freitag, 30.10.2020, 04:00 Uhr
Blick in einen Zimmerei-Betrieb: Gerade für diesen Beruf wurden in der Region zuletzt überdurchschnittlich viele Auszubildende eingestellt. Ein Grund dürfte der aktuelle Bauboom sein. Insgesamt hat gerade das Handwerk gut zu tun. Foto: dpa

Im gesamten Ausbildungsjahr 2019/2020 haben sich aktuell rund 4500 junge Leute um einen Ausbildungsplatz bemüht – das sind 744 Jugendliche oder 14,2 Prozent weniger als im Vorjahr, sagt Thomas Richter, Leiter der Agentur für Arbeit Bielefeld. „Viele Jugendliche gehen derzeit andere Wege“, bedauerte er die Entwicklung.

Im gleichen Zeitraum hätten aber auch Unternehmen und Verwaltungen weniger Azubi-Stellen gemeldet, nämlich rund 4450. „Das sind 829 Stellen weniger als noch vor einem Jahr oder minus 15,7 Prozent,“ sagt Richter.

Mit einer Lehrstelle bereits „versorgt“ seien bislang 4175 Bewerber. Gut 300 Jugendliche suchten noch. Richter: „Rechnerisch hat momentan im Agenturbezirk jeder noch unversorgte Ausbildungssuchende die Wahl unter 1,55 unbesetzten Berufsausbildungsstellen.“ Das Problem aber sei, dass Bewerber und Unternehmen oft nicht zueinander finden würden. Entweder weil eine angebotene Lehrstelle nicht zu dem Wunschberuf des Bewerbers passt, die räumliche Distanz zu groß ist, oder die Jugendlichen noch keinen Führerschein hätten.

„Ausbildung geht auch in Corona-Zeiten“, betont die Hauptgeschäftsführerin der IHK Ostwestfalen, Petra Pigerl-Radtke. Im gewerblichen und kaufmännischen Bereich gebe es derzeit 6537 registrierte Ausbildungsverträge in Ostwestfalen – ein Minus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Wir konnten den Jugendlichen wegen Corona weniger Beratungsmöglichkeiten bieten. Zudem waren Praktika, die viele junge Leute zur Berufsfindung nutzen wollten, kaum möglich.“ Noch aber gebe es ausreichend Ausbildungsplätze. „Die Situation ist angespannt, aber nicht dramatisch.“

Auch im Bereich des derzeit boomenden Handwerks gibt es weniger abgeschlossene Ausbildungsverträge. Waren es zum 30. September 2019 noch 3840 Abschlüsse, so liege die Zahl ein Jahr später bei 3518 – ein Rückgang von 322 oder 8,4 Prozent, sagt Marwin Schadwill, Leiter Ausbildungsberatung, Lehrlingsrolle und Fachkräftesicherung bei der Handwerkkammer OWL. Schadwill betont, dass es je nach Branche deutliche Unterschiede gebe. In Bielefeld etwa seien mehr angehende Zimmerer, Maler/Lackierer und Elektroniker eingestellt worden. Rückgänge habe es in den Bereichen Automobilkaufmann/frau, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk sowie Kraftfahrzeugmechatroniker gegeben. Und auch regional gebe es eine Besonderheit: Bis auf den Kreis Paderborn habe es in allen anderen Kreisen von OWL und der Stadt Bielefeld weniger Neuabschlüsse gegeben.

Fachkräftemangel werde sich verschärfen

Beide Wirtschaftskammern und die Agentur für Arbeit betonen, dass das Ausbildungsjahr in die Verlängerung gehe – die sogenannte „fünfte Jahreszeit“ oder das „fünfte Quartal“. Soll heißen: Unternehmen stellen Auszubildende länger als sonst üblich ein. Das „fünfte Quartal“ gehe bis Ende Januar 2021 – bis dahin werden die Kammern Ausbildungsverhältnisse eintragen, heißt es. Schadwill: „Eine Ausbildung kann zu jedem Zeitpunkt beginnen – das wissen viele Jugendliche und Eltern nicht.“

Neuesten Zahlen zufolge suchten in der Region (Stichtag 30. September) noch 323 Jugendliche eine Lehrstelle. In Unternehmen und Verwaltungen seien noch 500 Ausbildungsstellen frei. Der Rückgang bei den Ausbildungsstellen und Bewerbern lasse sich aber nicht allein auf die Corona-Krise zurückführen. Schon vor der Pandemie in Deutschland entwickelte sich der Ausbildungsmarkt rückläufig. Der Fachkräftemangel werde sich verschärfen.

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