Bielefelder Landgericht stellt Verfahren wegen angeblicher Vergewaltigung im Bürgerpark ein
Prozess endet nach 25 Jahren

Bielefeld (WB). Kam es vor 26 Jahren im Bürgerpark an der Oetkerhalle zu einer Vergewaltigung oder nicht? Obwohl am Montag vor dem Bielefelder Landgericht der 1995 erstmals in Gang gebrachte Prozess gegen den 47-jährigen Angeklagten gut zweieinhalb Jahrzehnte nach der vermeintlichen Tat abgeschlossen wurde, blieb die Antwort auf diese Frage offen. Die 2. Große Strafkammer stellte das Verfahren per Urteil und mit Zustimmung der Beteiligten ein.

Dienstag, 27.10.2020, 00:05 Uhr aktualisiert: 27.10.2020, 00:10 Uhr
Symbolbild Foto: dpa

Vorsitzender Richter Carsten Wahlmann fasste die lange Verfahrenszeit seit 1995, über die zwei Richter inzwischen pensioniert wurden, noch einmal zusammen, berichtete von verschiedenen Anläufen des Prozesses, bei dem es immer wieder zu Zwangspausen kam. So hatte sich der aus dem Kosovo stammende Angeklagte 1995 die Aussetzung der Untersuchungshaft zunutze gemacht und sich in seine Heimat abgesetzt. Als er 2007 in Griechenland auf Grundlage eines europäischen Haftbefehls festgenommen und von Bielefelder Polizeibeamten per Flugzeug abgeholt wurde, wurde der Prozess fortgesetzt – und am zweiten Tag wieder unterbrochen, weil sich die Erarbeitung eines Glaubwürdigkeitsgutachtens über das mutmaßliche Opfer hinzog.

Deutsche Botschaft behindert Justiz

Der Angeklagte durfte ins Kosovo zurückreisen, wollte zum neuerlichen Verhandlungstermin und auf Ladung des Gerichts 2008 wieder nach Deutschland einreisen, scheiterte aber an der deutschen Botschaft, die kein Visum erteilte – „gegen die Absprache mit dem Gericht und ohne jeden Grund“, stellte der Vorsitzende fest. Dieses „staatliche Fehlverhalten“ gehe nun zu Lasten der Justiz.

Als am Montag das Verfahren erneut startete, war der Angeklagte, der inzwischen in der Schweiz lebt, anwesend, schwieg aber zu den Vorwürfen. Das mutmaßliche Opfer indes fehlte, ließ mitteilen, dass es weder an einem Verfahren noch an einer Verurteilung des Beschuldigten Interesse habe.

Zur Einstellung kam es aber auch, weil der 47-Jährige schon fast ein Jahr in Untersuchungs- und Auslieferungshaft gesessen habe. Selbst wenn es zu einem Schuldspruch käme, gäbe es keine vollstreckbare Haftstrafe mehr, sagte der Vorsitzende.

Dem stimmte auch die Staatsanwaltschaft zu, die dem Angeklagten zu Beginn der Verhandlung vorwarf, das mutmaßliche Opfer am 5. August 1994 gegen 21.30 Uhr im Bürgerpark in ein Gebüsch gedrängt und den Geschlechtsverkehr erzwungen zu haben. Eine Polizistin, die den Fall damals aufnahm, schilderte als Zeugin, dass sie nachts von einer psychiatrischen Einrichtung über den Vorfall informiert worden sei, in der das mutmaßliche Opfer seinerzeit betreut wurde.

Urteil ist rechtskräftig

Der Zufall führte schon am nächsten Tag zur Festnahme des Angeklagten, als die Beamtin am Bürgerpark einen Mann sah, auf den die Beschreibung des Verdächtigen passte. Er habe gleich eingeräumt, am Vortag dort gewesen zu sein und einvernehmlich Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Er sei nur deswegen wieder im Park, weil sich der Beschuldigte und das mutmaßliche Opfer für diesen Tag erneut verabredet hätten.

Auch mit Blick auf die aktuelle Situation des mutmaßlichen Opfers, das kein Interesse mehr am Verfahren habe und dem seine „geistige Gesundheit“ wichtiger sei, erschien der Strafkammer die Einstellung geboten. Carsten Wahlmann: „Wir täten der Zeugin keinen Gefallen durch eine Verurteilung.“ Das Urteil ist bereits rechtskräftig.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7649275?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Dramatische Zahlen: Ab Samstag strengere Corona-Regeln für Espelkamp
Die Coronazahlen in Espelkamp sind unverändert hoch. Aus dem Rathaus kam daher zum Wochenende ein erneuter, eindringlicher Appell, die privaten Kontakte auf den eigenen Haushalt zu minimieren.
Nachrichten-Ticker