Uni Bielefeld: Prof. Sebastian Kuhn ist Fachmann für Digitale Medizin
Covid: Wenn die App Alarm schlägt

Bielefeld (WB/sas). Das Coronavirus kann heimtückisch sein, der Krankheitsverlauf sprunghaft. Wer als Covid-Patient daheim versorgt wird – was für 94 Prozent der Erkrankten gilt – , kann morgens im Telefonat mit seinem betreuenden Arzt sein Befinden als unproblematisch bewerten und doch am späten Abend auf der Intensivstation landen. Ein kleines „Paket“ an Messgeräten für Zuhause und eine App für das Smartphone könnten solche plötzliche Zuspitzungen vermeiden, sagt Prof. Dr. Sebastian Kuhn.

Montag, 26.10.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 26.10.2020, 10:14 Uhr
Prof. Dr. Sebastian Kuhn leitet an der neuen Medizinfakultät die Arbeitsgruppe Digitale Medizin. Er will Medizinstudenten darauf vorbereiten, die digitale Medizin kompetent in der Praxis anzuwenden, ihren Nutzen, aber auch Risiken abschätzen zu können. Der 45-jährige Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie studierte und promovierte in Mainz und habilitierte sich 2016. Er hat ein amerikanisches Staatsexamen und einen „Master of Medical Education“ der Uni Heidelberg. Foto: Thomas F. Starke

Kuhn ist Unfallchirurg, Orthopäde und Notfallmediziner. Und er ist nicht nur ein Befürworter der Telemedizin, sondern ein Treiber der Entwicklung. Bislang war er an der Universitätsmedizin in Mainz tätig und hat dort 2017 deutschlandweit erstmals in der Lehre das Fach „Medizin im digitalen Zeitalter“ eingeführt. Die Universität Bielefeld konnte ihn für die Medizinische Fakultät OWL gewinnen. Kuhn wiederum freut sich, dass die Medizin 4.0 hier im Curriculum verankert ist. Denn das Wissen um die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen und die kluge Handhabung betrachtet der 45-Jährige als grundlegend für künftiges ärztliches Handeln.

Chancen nutzen, Risiken kennen

Ein Beispiel für eine solche kluge Anwendung ist die Corona-App zur Behandlung ambulanter Covid-Patienten, die er mit einem Softwarehersteller entwickelt hat. „Die Verschlechterung des Gesundheitszustandes wird vom Patienten oft gar nicht wahrgenommen. Tatsächlich gibt es aber früh Veränderungen der Vitalparameter“, erklärt Kuhn. Herzfrequenz und Körpertemperatur steigen, die Sauerstoffsättigung wird schlechter, der Blutdruck verändert sich. Dinge, die dem Arzt am Telefon entgehen. „Das ist im ambulanten Bereich ein riesiger blinder Fleck“, sagt Kuhn.

Ein Blutdruckmessgerät, ein Fieberthermometer und ein Messclip für die Fingerspitze zur Erfassung der Sauerstoffsättigung, deren Werte drahtlos auf ein Smartphone übermittelt werden, können die Lösung sein: „Schon 48 Stunden, bevor das Geschehen dramatisch wird, kann der Arzt, der die Daten über eine gesicherte Leitung bekommt, ablesen, welchen Verlauf die Krankheit nimmt. Und er kann früh reagieren“, sagt Kuhn. Das kleine digitale Paket und die Analyse-App für das Smartphone gibt es auf Rezept, lediglich das Mobiltelefon muss der Patient selbst haben.

Datenmengen bringen Erkenntnisse

Den Vorteil der digitalen Medizin verdeutlicht Kuhn auch gerne am Beispiel der seltenen Krankheiten. Tatsächlich sind sie in der Summe nicht selten, sondern betreffen vier Millionen Menschen allein in Deutschland. Aber es sind eben 8000 dieser Erkrankungen, die mancher Arzt womöglich in 30 Jahren kaum sieht und daher auch nur schwer erkennt. „Achteinhalb Jahre vergehen für die Betroffenen im Schnitt bis zur Diagnose, sieben bis acht Fachärzte haben sie bis dahin aufgesucht und 22 Arztkontakte gehabt“, sagt Kuhn.

Das Problem seien fragmentierte Informationen, begrenzte Zeit, unklare Verläufe, unterschiedliche Leidensgeschichten. Wenn aber der Patient eine Zeit lang strukturiert Tagebuch führt und diese Schilderungen um Laborergebnisse ergänzt werden, wenn dies alles dann in einer Datenbank zusammen getragen wird, kann der Computer womöglich die Diagnose liefern. „Und der Arzt hat Zeit für das Gespräch, für das Fühlen, Hören, Sehen und Tasten“, betont Kuhn.

Künstliche Intelligenz für den „Schulterblick“

Denn auch wenn er sich für die digitale Medizin stark macht und sie in der Lehre verankern will, heißt das nicht, dass er das basale ärztliche Handeln ersetzen will. Im Gegenteil. Fehler entstünden in der Medizin, wenn Informationen übersehen und Daten falsch interpretiert würden, sagt Kuhn. Die Künstliche Intelligenz kann hier unterstützen und die zweite Meinung sein, quasi der Blick über die Schulter. „Und natürlich kann sie entlasten bei repetitiven Aufgaben.“ Ermüdungsfrei und vorurteilsfrei kann die „gut gefütterte“ KI etwa Bilder auswerten und jede Auffälligkeit aufspüren, die der Arzt dann genauer analysiert. Immerhin 2000 Bilder liefert der Computertomograph binnen weniger Sekunden, das ist eine Flut an Informationen. „Und nicht alle werden erkannt und befundet“, sagt Kuhn und betont: „Der Computer stellt keineswegs die Diagnose für den Arzt, er ist sein Hilfsmittel, ein Werkzeug.“

Er weiß, dass es bei Kollegen durchaus Vorbehalte gegen die Digitalisierung in der Medizin gibt. „Wer sich bislang schon gerne mit Kollegen beriet, wird aber auch diese Chance gerne nutzen. Das ist eine Frage des Selbstverständnisses“, sagt Kuhn und ist sicher: „Die Anwendung in der Breite haben wir noch vor uns.“ Damit einhergehen werde ein anderes Verhältnis zum Patienten. Denn der muss zuweilen zum Akteur werden und Hilfsmittel kompetent anwenden – was, wie Kuhn zugibt, nicht jedem gegeben ist und bei chronisch Erkrankten eben auch für Unsicherheit sorgen kann.

Aber es gibt gute Beispiele, wie Patienten durch die digitale Medizin entlastet werden. Ein Diabetiker hat vor Jahren noch bis zu 90 Minuten am Tag mit dem „Management“ seiner Krankheit zugebracht. „Heute kostet ihn seine Krankheit etwa fünf Minuten, was eine enorme psychische und zeitliche Entlastung bedeutet“. Smarte Technologien erlauben es auch, Extremsport wie dem Triathlon nachzugehen, weil sie Aktivitätslevel und zu erwartende Stoffwechselprozesse einkalkulieren.

Medizin 4.0 in der Lehre verankern

Mit Studenten simuliert Kuhn gerne die moderne Betreuung einer anderen chronischen Krankheit: Asthma. Betroffene pusten in ein Plastikröhrchen, das per Bluetooth mit ihrem Smartphone verbunden ist. Sofort können sie selbst die Lungenfunktion auf dem Display ablesen. Ist sie abgesackt – und das vielleicht wegen einer Infektion oder verstärkten Pollenflugs am dritten Tag hintereinander –, könnte das auf eine Verengung der Bronchien hinweisen. Mittels „Kontakt-Button“ auf dem Bildschirm kann der Patient sich mit seinem Lungenfacharzt verbinden, um Rat zu erhalten. Im Seminar allerdings diskutieren Medizinstudenten beim Blick auf den Bildschirm die Messwerte und die nötigen nächsten Schritte.

Für Kuhn ist wichtig, dass die digitale Medizin sinnvoll in einen Behandlungsablauf integriert wird. Das verlangt neue Kompetenzen vom Arzt und ist eine Herausforderung für die Kommunikation. „Aber diese Digitalisierung kommt. Die Einführung neuer Technologien ist in der Medizin schließlich etwas ganz Normales.“

Datensicherheit ist elementar

Elementar ist für den Mediziner die Datensicherheit. Unbegreiflich ist für ihn, dass an den meisten deutschen Krankenhäusern der Austausch unter den Kollegen und die Diskussion über Befunde per Whatsapp läuft. „Das ist eine Fehlentwicklung.“ Die Rechte an diesen sensiblen Informationen, betont er, lägen schließlich bei Whatsapp.

Gleichwohl hat er in den vergangenen Jahren seine schwer verletzten Patienten um eine Datespende gebeten – die dann allerdings anonymisiert wurde und datenschutzkonform war. Ein Ergebnis dessen: Die Behandlungskonzepte für Schwerverletzte am Unfallort wurden dank neuer Erkenntnisse geändert – zu ihrem Nutzen.

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