Corona-Risikogebiet Bielefeld: Ein Kommentar von André Best
Jetzt müssen sich ALLE vernünftig verhalten

Der neue Angst- und Schreckensbegriff in Bielefeld heißt Risikogebiet. Auch Inzidenzwert ist so ein Wort zum Fürchten. Ein Fachterminus der Epidemiologie beschreibt, ob es gerade gut oder schlecht ist bei uns in der Stadt. 50 ist richtig doof. 49 gerade noch so okay. So haben es die Experten festgelegt. Die Pandemie wird in Skalen eingeteilt. Bielefeld steht jetzt auf der richtigen Alarmliste, nicht mehr nur auf der Lightversion, die ab Kennziffer 35 gilt. Die Stadt ist Corona-Risikogebiet. Plus 50.

Freitag, 16.10.2020, 10:10 Uhr aktualisiert: 16.10.2020, 10:14 Uhr
Bielefeld ist Corona-Risikogebiet. Foto: Bernhard Pierel

Das alles klingt wie aus einem schlechten Film. 35: erste Stufe. 50: zweite Stufe – dann ist die rote Lampe an. Vergleichsweise erinnert das an den Abstiegskampf im Fußball. Geht der Ball rein, ist man gerettet und der Trainer ist der Größte, weil er alles richtig gemacht hat. Landet der Ball am Innenpfosten und springt wieder raus, war alles falsch, und der Trainer wird vom Hof gejagt.

Ähnlich ist es mit dem Inzidenzwert. Es ist zu einfach, ausschließlich auf diese eine Kennziffer zu blicken. Da muss es mehr Möglichkeiten geben. In den Niederlanden sind die Zahlen so hoch, dass die Kontaktnachverfolgung nicht mehr möglich ist. Das darf in Bielefeld nicht passieren. Sonst würde man das Virus sich selbst überlassen. Daher müssen die Infektionszahlen im Blick bleiben. Aber sie müssen in ein Verhältnis gesetzt werden zu der Anzahl der erfolgten Tests. Wir brauchen mehr Wissen darüber, wer sich infiziert hat, möglichst wo er sich infiziert haben könnte und wie er sich zuletzt verhalten hat. Aus diesen Erkenntnissen müssen detailliert die richtigen Schlüsse gezogen werden. Das ist harte Arbeit. Aber das ist eine sinnvolle Tätigkeit, die der wirklichen Bekämpfung des Virus dienen kann. Nur dann bekommen wir ein vollständigeres Bild von der Pandemie als zuletzt.

Entsteht ein Hotspot, beispielsweise nach einer Hochzeitsfeier, dann wird genau ermittelt, wer neben wem saß, wer mit wem getanzt hat und wie nah sich die Gäste gekommen sind. Über diese Hotspots wissen die Gesundheitsämter sehr viel. Von den restlichen etwa 150 bis 170 Infektionen pro Woche derzeit in Bielefeld sind dagegen zu wenig Details bekannt.

Niemand möchte die Persönlichkeitsrechte außer Kraft setzen. Aber wir brauchen mehr Informationen, um das Virus mit ganz konkreten Maßnahmen bekämpfen zu können. Maßnahmen, die dem Gießkannenprinzip gleichen oder allein von Werten und Kennziffern getrieben sind, können nicht die einzige Lösung sein.

Spätestens jetzt, da die Alarmstufe 50 der Neuinfektionen erreicht ist, muss es ein anderes Stufensystem geben. Neue Schwellenwerte, etwa 75 oder 100, festzulegen, macht wenig Sinn. Bei der Betrachtung sollten alle vier Bereiche einbezogen werden: die Infektionszahlen, die Anzahl der Tests, die stationäre und auch die intensivmedizinische Belegung. Diese Angaben müssten in einer Art verständlichem Ampelsystem gebündelt werden, das dann Auskunft über die zu erfolgenden Coronamaßnahmen gibt.

Höhere Strafen und mehr Kontrollen sind ebenso sinvoll. Die strengere Maskenpflicht und die Einschränkungen von Feiern sind wichtige pädagogische Maßnahmen. Ob sie zu sinkenden Zahlen führen wird, wissen wir in zwei Wochen. Genauso ist es mit den Maßnahmen zur Einschränkung von Feiern. Über diese Verschärfungen hinaus brauchen wir sieben Monate nach Beginn der Pandemie endlich Corona-Schnelltests, damit die Labore entlastet werden und Ergebnisse schneller vorliegen als zuletzt.

Das alles kann helfen, aber reicht natürlich nicht. Wenn der Inzidenzwert sinken soll – und das wollen ja alle, damit es keine weiteren größeren Einschnitte gibt – müssen sich alle – ALLE ! – endlich vernünftig verhalten.

Das Gute ist, dass die Zahl der infizierten Menschen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, bislang in Bielefeld gering ist. Aber das kann sich schnell ändern. Und daraus zu schließen, das Virus sei ungefährlich und man könne es einfach laufen lassen, ist ein fataler Irrtum.

Unklar bleibt, ob ein Schulbetrieb nach den Herbstferien im Winter überhaupt funktionieren kann. Mehr als 15 Schulen in Bielefeld waren zuletzt von Corona oder Verdachtsfällen betroffen, hundere Schüler und Lehrer mussten in Quarantäne.

Unklar ist auch, ob an Weihnachten Gottesdienste möglich sein werden, ganz gleich, ob sie in der Kirche oder unter freiem Himmel geplant sind.

Wir wissen es eben nicht, wie es weitergeht mit Corona. Selbst wenn ein Impfstoff gefunden werden sollte, wird es lange dauern, bis jeder ihn erhält.

Solange müssen wir uns darum bemühen, die Infektionsrate zu senken – so, wie es uns schon einmal gelungen ist. Bielefeld darf nicht dauerhaft Corona-Risikogebiet bleiben. Dafür muss nur jeder seinen Beitrag leisten. Das kann doch eigentlich nicht so schwer sein. Oder?

 

Kommentare

Stefan  wrote: 16.10.2020 11:17
Ach so.....
.......JETZT erst müssen sich ALLE vernünftig verhalten. Okay, dann werden die Zahlen sicher bald zurückgehen.....
Total 1 comments
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