Missbrauch im Evangelischen Klinikum Bethel: was über das Mittel Propofol bekannt ist
Vergewaltigte Frauen werden erst auf Nachfrage informiert

Bielefeld (WB). Die Staatsanwaltschaft Bielefeld wird die Öffentlichkeit nicht über das Ausmaß der Vergewaltigungsserie im Evangelischen Klinikum Bethel informieren. Das geschehe aus Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte des beschuldigten Arztes, der sich in der Untersuchungshaft das Leben genommen hatte, sagte ein Sprecher. Ob die verschlüsselten Dateien, die im April bei dem Assistenzarzt gefunden worden waren, weiter ausgewertet werden, ließ die Behörde offen.

Mittwoch, 07.10.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 07.10.2020, 06:23 Uhr
Propofol wird seit mehr als 30 Jahren eingesetzt, um Patienten zu narkotisieren. Foto: imago

Bereits decodierte Videos zeigen die Vergewaltigung betäubter Patientinnen. Außerdem soll der Arzt eine Art Tagebuch über seine Verbrechen geführt haben, in dem sich nach unbestätigten Informationen Dutzende Namen finden sollen. Einige Opfer wurden informiert. Sollten weitere Frauen identifiziert werden, werden man ihnen das aber nicht mitteilen, hieß es bei der Staatsanwaltschaft. Auch Opferschützer halten es für sinnvoll, ahnungslose Frauen nicht mit einer Vergewaltigung zu konfrontieren. „Wenn eine Frau befürchtet, Opfer geworden zu sein, kann sie bei der Kripo nachfragen“, sagte Staatsanwalt Moritz Kutkuhn.

Tagebuch mit Dutzenden Opfernamen?

„Dazu müssten Frauen aber erst mal wissen, von wann bis wann der Arzt in Bethel gearbeitet hat“, sagt Opferanwältin Stefanie Höke. Sie hat Anzeige gegen den Chefarzt und einen Oberarzt erstattet. Ihr Verdacht: Sie sollen Hinweise von Frauen auf den Arzt nicht ernstgenommen und damit Beihilfe geleistet haben.

Das Propofol, mit dem der Neurologe die Patientinnen betäubt hat, war auch das Mittel, an dem Michael Jackson 2009 starb. Der Künstler hatte es sich von seinem Arzt lange Zeit gegen Schlaflosigkeit geben lassen, und die letzte Dosis war zu hoch.

Was ist das für ein Stoff, von dem nach Angaben des Klinikums Bethel alleine dort 44.000 Ampullen pro Jahr verbraucht werden und über den nicht Buch geführt werden muss, weil er nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt?

An dem Mittel Propofol starb auch Michael Jackson

„Propofol wurde 1989 eingeführt. Es ist in der Anästhesie seit Jahrzehnten das zentrale Medikament und gilt laut WHO als unverzichtbares Arzneimittel“, sagt ein Narkosearzt, der wegen des aktuellen Falls nicht namentlich genannt werden möchte. „Es wird in den meisten Krankenhäusern für die Einleitung und oft auch zur Aufrechterhaltung von Narkosen verwendet.“ Propofol wirke in Sekunden, und die Narkose halte, wenn man keine weitere Dosis gebe, fünf bis acht Minuten an. „Das reicht für einen kurzen Eingriff. Danach sind die Patienten wieder wach und ansprechbar.“

Bei größeren Operationen werde, wenn der Patient weggetreten sei, auf Narkosegas umgeschaltet – vor allem, weil das billiger sei. Zusammen mit einem Schmerzmittel werde Propofol aber auch zur Durchführung kompletter Narkosen eingesetzt, etwa bei Patienten mit einer Neigung zu Übelkeit nach der OP, bei Kindern oder bei Patienten mit bestimmten Allergien. „Ist eine schwangere Krankenschwester im OP, die das Gas nicht atmen soll, kann ebenfalls während der gesamten Operation Propofol gegeben werden.“ Die milchige Flüssigkeit werde über einen Spritzenautomaten dosiert. Weil Propofol weder Schmerzen noch ausreichend Reflexe unterdrücke, würden zusätzliche Mittel gegeben. Die Propofol-Dosis werde nach dem Körpergewicht berechnet, aber man müsse bei stark übergewichtigen Menschen vorsichtig sein. „Fett braucht nicht betäubt zu werden.“

In der Hand von Anästhesisten sei Propofol ein sicheres Narkosemittel, sagt der Arzt. „Es hat aber auch eine Kehrseite. Wenn man die Dosis nicht genau berechnet oder zu viel nachspritzt, weil der Patient vielleicht eine Regung zeigt, kann es zum Atemstillstand und zum Tod kommen.“ Diese Nebenwirkungen seien bei Narkosemitteln wie Ketanest nicht so ausgeprägt. „Deshalb ist es wichtig, dass sich auch Ärzte, die keine Anästhesisten sind, gut mit Propofol auskennen und Notfallmaßnahmen wie die Sicherung der Atemwege und die Beatmung beherrschen.“ Das Mittel werde zum Beispiel im ambulanten Bereich oft von Gastroenterologen benutzt, um Patienten bei Darmspiegelungen schlafen zu lassen.

Der euphorisierende Stoff dient manchen auch als Droge

Nach einer Studie des Forschers Joseph Salerno ist Propofol nach einer Anästhesie bis zu 15 Stunden im Blut nachweisbar, sein Stoffwechselprodukt Propofol-Glucuronid in Blut und Urin bis zu 60 Stunden. In Haaren konnte das Abbauprodukt laut einer Untersuchung der Bonner Rechtsmedizinerin Dr. Alexandra Maas in Einzelfällen noch nach Wochen gefunden werden.

Weil Propofol für Mitarbeiter in Krankenhäusern verfügbar ist, dient der abhängig machende, euphorisierende Stoff manchen als Droge. Eine Auswertung der Obduktionen von 39 verstorbenen Ärzten und Pflegekräften in Deutschland, Österreich und der Schweiz ergab 2017, dass in 85 Prozent der Fälle Propofol die Haupttodesursache war. Dabei soll es sich sowohl um Unfälle als auch um Suizide gehandelt haben.

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