Umjubelte Uraufführung von „Dunkel ist die Nacht, Rigoletto“ am Theater Bielefeld
Der traurige Possenreißer

Bielefeld (WB). An einer weißen Lilie, im Allgemeinen das Symbol für Liebe und Unschuld schlechthin, hat Rigoletto schwer zu würgen. War er doch blind für die reine Liebe seiner Tochter Gilda zu seinem ungeliebten adeligen Dienstherrn. Nun ist Gilda tot und der einstmals zynische Possenreißer kotzt Lilien.

Montag, 05.10.2020, 02:00 Uhr
Bariton Evgueniy Alexiev (links) und Schauspieler Stefan Imholz verleihen Rigoletto in der Inszenierung von Nadja Loschky zwei Stimmen. Sie teilen sich das verhasste Narrenkostüm (Katharina Schlipf) ebenso wie die liebende Vaterrolle. Foto: Sarah Jonek

Wer in den vergangenen Jahren am Theater Bielefeld die Opernproduktionen von Nadja Loschky besuchte, kennt die starken, symbolträchtigen Bilder, mit denen die Regisseurin das Innerste ihrer Protagonisten sichtbar macht. Ein weiterer Regiekniff ist die Doppelung des Hauptdarstellers beziehungsweise der Hauptdarstellerin durch einen Schauspieler oder Tänzer. In „Dunkel ist die Nacht, Rigoletto“ treibt Loschky dieses Spiel auf die Spitze. Die Uraufführung dieser spartenübergreifenden Produktion wurde vom Premierenpublikum mit Ovationen im Stehen bedacht.

Aus den Beschränkungen der Pandemie geboren und in größter Eile „zusammengeklöppelt“, gelingt einem jungen Team dennoch eine hoch emotionale, kammerspielartige Neubefragung des Rigoletto-Stoffes. Die Verschlankung der personellen und musikalischen Mittel geht nicht zu Lasten der Intensität, führt indes zu einer stärkeren Fokussierung des sprachlichen Ausdrucks. Loschky und Musikdramaturgin Anne Oppermann haben aus Texten von Victor Hugo (Der König amüsiert sich und Der lachende Mann) und William Shakespears King Lear einen Text destilliert, der stark auf die seelischen Abgründe und die Zerrissenheit des Hofnarren Rigoletto schaut.

Dem Schauspieler Stefan Imholz gelingt es gleichberechtigt neben dem Bariton Evgueniy Alexiev, diese Seelenqualen spürbar werden zu lassen – besonders eindringlich in der Rolle des liebenden Vaters.

Manchmal muss Verdi einiges aushalten

Ansonsten bedarf es weniger plakativer Schlaglichter, den tragischen Plot zu skizzieren. Manchmal muss dazu auch Verdi her- und einiges aushalten. Wird zu dessen leicht verfremdetem Gassenhauer „La donna è mobile“ doch eine Frau von den sadistischen Höflingen lustvoll gequält. Brutale Grausamkeit statt erotischer Ausschweifung – immer hübsch in Zeitlupe inszeniert. Aber womöglich ist es anders ohnehin nicht möglich, sich auf diesem abschüssigen, blutgetränkten Plankenboden zu halten und zu bewegen (Bühne: Anna Schöttl).

Somit dürfte es auch der Tänzer Christopher Basile, der hier den Herzog gibt, der die zur Heiligen erklärte Gilda mit einer verschwenderischen Charmeoffensive an sich fesselt, auch nicht leicht gehabt haben. Gleichwohl aalt er sich genüsslich an Gilda heran. Veronika Lee strahlt in dieser Rolle eine überzeugende Unschuld aus. Stimmlich mit zu Herzen gehendem glockenreinen Sopran und glänzender Koloraturenpolitur in den Verdischen Original-Arien, darstellerisch mit scheuer Zurückhaltung und mutiger Entschlossenheit.

Berührt mit glockenreinem Sopran: Veronika Lee.

Berührt mit glockenreinem Sopran: Veronika Lee. Foto: Sarah Jonek

Bariton Evgueniy Alexiev gibt gekonnt den zwischen innerer Verblendung und eigener Verstrickung zerrissenen Titelhelden. Lange lässt er es in der Schwebe, ob sein teuflisches Lachen nicht ein schreckliches Weinen ist.

Schlank instrumentiert, mit unheilverkündenden Klängen

Michael Wilhelmi, der das Werk in schlanker Instrumentierung neu vertont hat und der den bewährten Verdi-Melodien neue, unheilverkündende Klänge hinzu fügt, stellt Rigoletto leitmotivisch das Fluchthema zur Seite, gespielt von einem Akkordeonisten (Valentin Butt), der als Spielmann seine Runden über die Bühne zieht.

Der insgesamt schlankere Wilhelmi-Klang wird von den Herren des Bielefelder Opernchores zeitweilig verdichtet, wobei der Chor unsichtbar bleibt und via Liveübertragung zugeschaltet wird.

Musikalisch obliegt es der neuen Kapellmeisterin Anne Hinrichsen, die Fäden zwischen Tradition und Moderne, Graben, Bühne und Fernschaltung zusammen zu halten. Keine leichte Aufgabe, die Hinrichsen souverän bewältigt und dabei dem kleinen Ensemble der Bielefelder Philharmoniker größte Klangsinnlichkeit entlockt.

Die nächsten Aufführungen finden am 7., 17., 20., 25. und 30. Oktober im Stadttheater statt. Karten unter Telefon 0521/515454.

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