Landesjugendorchester NRW spielt Beethoven in der Rudolf-Oetker-Halle
Mira Foron imponiert

Bielefeld (WB). Unter dem Titel „Liberté“ spielte das Landesju-gendorchester mit der Geigerin Mira Foron und dem Dirigenten Sebastian Tewinkel das Violin-konzert in D-Dur und die dritte Sinfonie in Es-Dur (Eroica) von Ludwig van Beethoven. Als Besonderheit darf man die Aufführung der eigens für dieses Projekt komponierten Kadenzen zum Violinkonzert betrachten, die der Pianist und Komponist Fazil Say schuf.

Freitag, 02.10.2020, 18:52 Uhr aktualisiert: 02.10.2020, 18:56 Uhr
Dass Mira Foron mithilfe der neuesten Urtextausgaben ihren eigenen Worten nach „das Konzert wirklich von Grund auf erarbeitet“ hat, bestätigte praktisch jeder Ton. Foto: Davis Ausserhofer

Die beiden Kompositionen unter den gemeinsamen Nenner „Liberté“ zu bringen, stellt eine kaum zu lösende Aufgabe dar. So, wie wir sie gehört haben, waren sie denn auch zu Recht Gegensätze. Die im Programmheft einer „Revolution“ zugeordneten leisen „Paukenschläge“ zu Beginn des Violinkonzertes hätten gewiss nicht einmal einen Sturm im Wasserglas ausgelöst.

Eigene Erarbeitung, keine Kopie

Dass die 18-jährige Bielefelderin Mira Foron mithilfe der neuesten Urtextausgaben ihren eigenen Worten nach „das Konzert wirklich von Grund auf erarbeitet und nicht von irgendjemandem kopiert“ hat, bestätigte praktisch jeder Ton. Zu ihren Mentoren gehört auch Frank Peter Zimmermann, dessen großartige Interpretation die Geigerin vor zwei Jahren hier vielleicht gehört hat. Ihre Wiedergabe ist, wohl auch altersbedingt, ganz anders. Soviel Be-scheidenheit vor dem Werk bei völliger technischer Souveräni-tät, so viel Intimität und persön-liche Ausstrahlung in allen De-tails, besonders bei Übergängen zwischen einzelnen Abschnitten und so viel Leuchtkraft an ex-ponierten Stellen haben wir selten gehört. Auch dem Dirigenten und dem Orchester muss diese junge Persönlichkeit imponiert haben, denn die Zusammenarbeit aller Musiker ging bis in kleinste Feinheiten. Sebastian Tewinkel zerlegte nicht nur das Konzert in seine Einzelteile, er zeigte auch auf, wie sie harmonisch zusammengehören. Das gab viele Möglichkeiten, das Werk ungewohnt plastisch zu hören. Inspiriert von der Solistin führte der Dirigent mit einer vorbildlichen Zeichengebung seine jungen Musiker so präzise, dass er trotz der älteren Orchesteraufstellung und der coronabedingt breiteren Fächerung kammermusikalische Genauigkeit erreichte. Das war hoch professionell ohne Rou-tineverschleiß.

Die insgesamt drei Kadenzen Fazil Says muss man von zwei verschiedenen Positionen aus betrachten. Hinsichtlich der motivischen Arbeit und der klanglichen Gestaltung bis hin zur Imitation von Vogelgezwitscher sind sie genial, hinsichtlich ihrer Funktion im Gesamtwerk sind sie natürlich Stilbrüche, die Assoziationen zu anderen Komponisten wecken.

Zügige Tempi

Was war passiert, dass nach der kurzen Umbaupause Orchester und Dirigent nicht zum gleichen Niveau zurück fanden? Die sich häufenden Ungenauigkeiten im Zusammenspiel besonders bei den Streichern wären kein echtes Problem gewesen, denn Konzentrationsschwächen nach fast 50 Minuten Spielzeit sind nicht überraschend. Schwerer wiegt da, dass der Dirigent stets Tempi wählte, die ein wenig zu zügig waren. Ein über Jahre hinweg eingespieltes Berufsorchester kann durch Hör- und Blickkontakte intuitiv ausgleichen, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Ein in der Besetzung ständig wechselndes Jugendorchester braucht mehr Raum, damit alle Details ausgespielt werden können, die Spannung erhalten bleibt und nicht durch Tempo und Nervosität ersetzt wird. Dann können zum Beispiel auch die berühmten Orchesterschläge im 1. Satz, bei denen der 3/4-Takt mit Betonungen auf wechselnden Taktzeiten scheinbar einem 2/4-Takt mit gleichbleibenden Betonungen auf gleichen Taktzeiten weicht, in ihrer ungeheuren Spannung zwischen Metrum und Rhythmus erhalten bleiben.

Trotz dieser von manchen Zuhörern vielleicht als kleinlich angesehenen Kritikpunkte bleibt die Freude darüber, dass jugendliche Musiker heute Leistungen vollbringen, die vor wenigen Jahrzehnten kaum Profis erreicht haben. Was für ein Glück muss es sein, da mitspielen zu dürfen!

Das Publikum in der Rudolf-Oetker-Halle tat, was es konnte, um möglichst eindrucksvollen Beifall zustande zu bringen.

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