Was Heike Wemhöner beim „Aufbau Ost“ erlebte
Als alle Einheit lernen mussten

Bielefeld (WB). Fast drei Jahrzehnte liegen zwischen den beiden Aufnahmen: Heike Wemhöner, Leiterin des städtischen Amtes für Finanzen, heute an ihrem Schreibtisch im Bielefelder Rathaus, und Heike Wemhöner Anfang der 90er Jahre im Landratsamt von Anklam in Mecklenburg-Vorpommern.

Samstag, 03.10.2020, 06:12 Uhr aktualisiert: 03.10.2020, 21:26 Uhr

Die gemusterte Tapete, die grellfarbene Schreibtischlampe, schwere Gardinen an den Fenstern: typischer DDR-Charme. Doch über den Schreibtisch der damals 28-jährigen Stadtoberinspektorin im sechs Autostunden von Bielefeld entfernten Anklam gingen Fälle, die es in sich hatten und die für die Zerrissenheit standen in dem Land, das doch gerade erst Wiedervereinigung gefeiert hatte.

Neue Erfahrung

„Ich war für ein halbes Jahr in das Amt für offene Vermögensfragen des Kreises Anklam abgeordnet worden“, erzählt Heike Wemhöner. Dort meldeten sich in jenen Tagen zuhauf Wessis, die im Osten verloren gegangene Häuser oder Grundstücke zurückhaben wollten. Und auf der anderen Seite waren verunsicherte Ossis, die die Welt nicht mehr verstanden, weil sie befürchten mussten, die Wohnungen verlassen zu müssen, in denen sie teils schon Jahrzehnte gelebt hatten.

Heike Wemhöner mittendrin. Es sollte ein kleines Abenteuer werden, der Abstecher aus dem Bielefelder Rathaus nach Anklam. Sie wollte die Chance nutzen, die Menschen näher kennenzulernen, die über Jahrzehnte durch eine unüberwindbare Grenze abgetrennt waren. Und jetzt erlebte sie hautnah mit, was Wiedervereinigung auch bedeutete.

Damals sollten die alten Bundesländer den neuen beim Aufbau einer modernen Verwaltung behilflich sein. Eigentlich war Schleswig-Holstein für Mecklenburg-Vorpommeren zuständig. Doch weil dort die Kapazitäten nicht reichten, sprang auch NRW ein. Der ziemlich einsame Nordosten an der polnischen Grenze war noch frei.

Kritisch beäugt

So machte sich Heike Wemhöner auf den Weg nach Anklam. Ihr erstes Quartier: ein Zimmer in einem Wohnhaus, in dem ein weiterer Raum als „Erotik-Shop“ abgezweigt worden war. „Die gab es dort damals sehr häufig“, erinnert sich Heike Wemhöner. Auch das habe wohl zu den neuen Freiheiten gehört.

Mit offenen Armen wurden Heike Wemhöner, ein weiterer Bielefelder Kollege, der im Ordnungsamt tätig war, und eine Kollegin, die im Jungendamt Dienst tat, nicht unbedingt aufgenommen. „Man wurde schon kritisch beäugt“, erinnert sich die heutige Stadtverwaltungsdirektorin. Heike Wemhöner bemühte sich, nicht als Besser-Wessi aufzutreten, versuchte sich anzupassen.

Und manchmal schämte sie sich auch ein bisschen für das nassforsche Auftreten ihrer Landsleute aus dem Westen, wenn sie in den Anklamer Amtsstuben vorsprachen. Ihren damaligen Kollegen, eigentlich allen Menschen dort sei in jener Zeit das Gefühl gegeben worden, alles falsch gemacht zu haben und froh sein zu müssen, die DDR-Diktatur hinter sich gelassen zu haben. „Aber die Menschen haben das gar nicht so empfunden. Es war ihr Leben, und sie fanden es richtig.“

Am Ende ein Lob

Dass 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer so etwas wie unsichtbare Mauern zwischen West und Ost stehen, habe seine Ursachen auch in dem, was damals passierte, ist Heike Wemhöner überzeugt.

Sie ging in den sechs Monaten in Anklam ihren ganz eigenen Weg der „Völkerverständigung“, nutzte die Gelegenheit, „Meck-Pomm“ besser kennezulernen, besuchte die nahen Inseln Usedom und Rügen, die umliegenden Städte, genoss die Natur und Weite der Landschaft. Die begeisterte Reiterin fand auch dort Gelegenheit, ihrem Sport zu frönen. Als sie einmal vom Pferd gestürzt war, sich aber nichts anmerken ließ, wurde sie auch von den Reiterfreunden vor Ort anerkannt.

„Die Verwaltungshilfe von Frau Wemhöner ist als nutzbringend zu bezeichnen“, heißt es ein wenig nüchtern in dem Zeugnis, das der Landrat des Kreises Anklam ihr am Ende ausstellte. Aber eigentlich ist sie noch ein bisschen mehr stolz auf das, was ihr die Ost-Kollegin mit auf den Weg gab, die ihr am kritischsten gegenüber gestanden hatte: „Wir haben wirklich gut zusammengearbeitet“, verabschiedete sie sich damals. Der Kontakt zu einer weiteren Kollegin aus jener Zeit ist bis heute geblieben. „Du musst bald mal wieder zu Besuch kommen“, hat sie sich gerade neulich gemeldet. „Bei uns hat sich so viel verändert.“ Im Frühjahr will sich Heike Wemhöner auf den Weg machen.

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