Firma Biogon in Bünde entwickelt ein neues hautschonendes Waschpräparat
Seife für die Pandemie

Bünde/Riesa/Bielefeld (WB). EU-Kommissionspräsidentin Ur­sula von der Leyen hat es zu Beginn der Pandemie vorgemacht, indem sie sich beim ausführlichen Händewaschen sogar filmen ließ: Hygiene gehört neben Abstand halten und Atemschutzmaske zu den grundlegenden Vorsichtsmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Zusammen bilden sie die sogenannte „AHA-Regel“.

Mittwoch, 30.09.2020, 03:00 Uhr
Die neue Seife, der Grundstoff in der Plastiktüte, etwas Hydrolysat aus Molkeproteinen und darunter ein Blick auf die Aufzeichnungen, mit deren Hilfe der Bielefelder Chemieprofessor Lothar Weber die Funktion der Peptide erläutert. Foto: Hertlein

Doch Hygiene hat Nebenwirkungen. Die einen leiden darunter mehr, andere weniger, aber seit vielen Jahren steht fest: Häufiges Waschen kann die Haut schädigen, indem dadurch beschützende Bestandteile entfernt oder austrocknet werden.

Drei Ostwestfalen allerdings, ein Unternehmer aus Bünde, sein Marketing- und Vertriebschef aus Lübbecke sowie ein Chemieprofessor aus Bielefeld, sind sich neuerdings sicher, dass die Schädigungen vermeidbar sind – mit Hilfe ihrer neuen „Vielwasch-Wunder-Seife”.

Den Namen verdient sich die Seife nach Ansicht ihrer Erfinder durch einen hohen Anteil an Peptiden und deren Wirkung. Diese Peptide entstehen bei der Aufspaltung von Molkenprotein im Hydrolyse-Verfahren. Molkenproteine werden ihrerseits bereits seit längerem als Nahrungszusatz insbesondere von Kraftsportlern oder nach Operationen zum Muskelaufbau eingesetzt.

2017 erste Hautmilchseife von Biogon

Biogon, so heißt die Firma des Unternehmers Dr. Wolfgang Priemer in Bünde, hat sich seit gut zehn Jahren auf die Aufspaltung von Proteinen – umgangssprachlich Eiweiß – in Peptide und Aminosäuren spezialisiert. Abnehmer sind vor allem Hersteller von Lebensmitteln, Tiernahrungsmitteln und in kleinerem Umfang auch bisher schon von Kosmetika.

Priemer produziert indessen nicht nur für andere, sondern experimentiert auch selbst. 2017 brachte Biogon eine von ihm entwickelte Hautmilchseife auf den Markt. Im Weiteren experimentierte Priemer mit einem deutlich erhöhten Anteil von Peptiden. Mit Erfolg. Am überzeugendsten war die Wirkung bei einer mittlerweile in den USA lebenden Bekannten seines Marketing- und Vertriebschefs Robert Finke. Die 41-jährige litt ihr Leben lang unter schwerer Neurodermitis, möchte deshalb auch ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, wohl aber das Ergebnis ihrer „Waschtherapie“: Mit Hilfe der Seife aus der ostwestfälischen Heimat verschwand der Juckreiz – „und zwar nachhaltig“, berichtet Finke. Sie selbst schreibt in einer E-Mail: „Es ist für mich wie ein Wunder.”

Gutachten vom Bielefelder Chemieprofessor Lothar Weber

Scheinbare Wunder wollen wissenschaftlich erklärt sein. So wandte sich Finke im April 2020 an den inzwischen emeritierten Bielefelder Chemiker Prof. Lothar Weber. Beide kannten sich aus der Zeit, in der Finke bei Melitta gearbeitet hatte. Damals suchte er einen Stoff, der Kaffeemaschinen gefahrlos entkalkt. Die vorher verwendete Amidosulfonsäure hatte vereinzelt immer wieder Verätzungen hervorgerufen, weil die Verbraucher nicht gründlich genug nachspülten.

Weber gefiel der Auftrag. Ihm war bekannt, dass die in jeder Seife enthaltenen Tenside der Haut auch schaden, weil sie tiefer eindringen. So nehmen sie beim Händewaschen nicht nur das oberflächige Schmutzfett mit, sondern auch den Talg, der in einer etwas tiefer gelegenen Schicht die natürliche Feuchtigkeit abschirmen soll. Folge: Die Haut trocknet aus, bildet Schuppen. Das ist unter normalen Umständen nicht tragisch, weil sich die Haut innerhalb von Stunden regeneriert. Innerhalb von 28 Tagen wird sie sogar komplett ersetzt.

Prof. Lothar Weber

Prof. Lothar Weber Foto: Hertlein

Das Problem beginnt da, wo – etwa durch häufiges Waschen, wie jetzt in der Pandemie empfohlen – vermehrt Tenside in die Haut eindringen. Hier beginnt die „Vielwasch-Wunder-Seife“ ihr Werk.

Weber zufolge lagern sich die Peptide aus der Seife auf der Haut an die dort befindlichen Proteine nach vorgegebenen Regeln an. Gemeinsam legen sie sich in einer dünnen Schicht über die winzigen Öffnungen in der Haut, in denen die kleinen feuchten Fettbestandteile – körpereigene Lipide – ihre schützende Wirkung entfalten. Die Peptide machen das bei jedem Waschvorgang neu. Die Tenside aber werden an der Peptidschicht unschädlich gemacht. Das, so Weber, reicht, um nicht nur Schmutz abzuwaschen, sondern auch um schädliche Bakterien und Viren bis hin zu Corona am Eindringen in die Haut zu hindern.

Dermatologische Überprüfung im kontrollierten Selbsttest

Um diese Erkenntnis zu untermauern, unternahm Finke in Absprache mit dem Biologen Dr. Lars Rüther vom dermatologischen Institut Dermatest in Münster im Juli 2020 einen Selbstversuch. Er tauchte tagelang zu bestimmten Zeiten die eine Hand in „Viel-Wasch-Wunderseifen“-Lauge, die andere in normale Kernseifenlauge. Das Ergebnis: Die Feuchtigkeit auf der Haut nach dem Waschvorgang war, so Finke, bei der eigenen Seife viermal so hoch wie bei der Kernseife.

Robert

Robert Foto: Hertlein

Die negativen Folgen von hochalkalischen Seifen für die menschliche Haut sind nicht neu. Anfang der 90err Jahre kamen mit Sebamed und ähnlichen Produkten schon ein Mal Waschpräparate auf den Markt, die nach Herstellerangaben die Feuchtigkeit in der Haut halten. Einer der damals führenden Dermatologen, der 2012 verstorbene Münchener Prof. Hans Christian Korting, winkte allerdings 1991 in einem Aufsehen erregenden „Spiegel“-Artikel ab. Eine Art Wunderseife werde es nicht geben: „Eine gewisse Schädigung wird mit dem Waschvorgang immer verbunden sein.”

Produktion bei Kappus in Riesa

„Da hat sich Prof. Korting eben getäuscht”, sagt Finke selbstbewusst. Priemer steht in dieser Sache seit einiger Zeit in engem Austausch mit Patricia Kappus-Becker, der Vertreterin der fünften Generation der größten deutschen Seifen-Dynastie. Folge: Biogon kann die neue Seife in großer Stückzahl im Kappus-Werk im sächsischen Riesa herstellen lassen. Verhandlungen mit Handelsketten sind gerade angelaufen.

Dabei kommt Priemer zugute, dass er inzwischen auch ein Verfahren entwickelt hat, mit dem sich die Produktion von Peptiden durch Fermentation in größerem Maßstab und damit deutlich kostengünstiger als bisher üblich durchführen lässt.

Das Verfahren wurde in den USA bereits patentiert. Zugleich hat Biogon den Antrag auch beim Europäischen Patentamt in München eingereicht.

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