Bielefelder Hotels und Gaststätten sollen Mitarbeiter weiterbilden – Branche ist skeptisch
Gastro-Gewerkschaft sieht Corona-Krise als Chance

Bielefeld (WB). Für die Hotels und Pensionen in Bielefeld bleibt die wirtschaftliche Lage in der Corona-Krise angespannt, weil Urlauber und Geschäftsreisende als Gäste weiter ausbleiben. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) will die Krise als Chance nutzen und fordert die Unternehmen auf, Mitarbeiter weiterzubilden. Die Branche sieht das aber eher kritisch.

Mittwoch, 23.09.2020, 04:08 Uhr aktualisiert: 23.09.2020, 04:10 Uhr
Mitarbeiter in Hotels und Pensionen haben derzeit weniger zu tun, viele sind in Kurzarbeit. Die Gewerkschaft NGG appelliert an die Betriebe, ihre Beschäftigten fortzubilden, auch um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Archivfoto: Bernhard Pierel

Die Gewerkschaft verweist auf Zahlen des Statistischen Landesamtes, um aufzuzeigen, wie sehr Corona den Tourismus ausgebremst hat. Im ersten Halbjahr haben demnach rund 86.400 Gäste Bielefeld besucht – das sind 53 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die Zahl der Übernachtungen sank um 52 Prozent auf etwa 162.000. „Die Pandemie hat zu einer beispiellosen Krise im heimischen Gastgewerbe geführt. Erst mussten Hotels, Pensionen, Kneipen und Restaurants über viele Wochen ganz schließen. Und nach dem Lockdown läuft der Betrieb unter Auflagen nur langsam wieder an“, sagt Gaby Böhm, Geschäftsführerin der NGG-Region Bielefeld-Herford.

Viele Betten bleiben leer

Regine Tönsing, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Ostwestfalen, schätzt, dass sich jetzt im zweiten Halbjahr die Lage zwar leicht verbessert habe, die Zahl der Übernachtungen aber immer noch rund 40 Prozent unter der des Vorjahres liege. Es fehlten vor allem auch die Geschäftsreisenden, weil Firmen auf Tagungen verzichteten, lieber auf Videokonferenzen setzten, und auch Besuchermagnete wie die Möbel-Order-Messe in Bad Salzuflen diesmal mit weniger Publikum auskommen müssten. Vielfach seien es auch Festgesellschaften, die Gäste nicht nur in Restaurants, sondern auch in die Hotels brächten. „Aber so wie vor Corona wird jetzt nicht mehr gefeiert“, stellt Tönsing fest. „Die Lage hat sich stabilisiert, ist aber immer noch schlecht“ – auch weil unter Hygienegesichtspunkten viele Betten leer bleiben müssten. Manch kleinerer Betrieb habe daher erst spät wieder geöffnet.

Die NGG betont, dass nicht nur die Unternehmen, sondern auch Beschäftigte wie Köche, Kellner und Hotelangestellte litten. „Als Kurzarbeiter mussten sie deutliche Lohneinbußen in Kauf nehmen – in einer Branche, die ohnehin nur geringe Löhne zahlt“, sagt Gaby Böhm. Nach dieser Durststrecke blickten viele Beschäftigte mit Sorge auf die Herbst- und Wintersaison. Immerhin habe das Mittel der Kurzarbeit einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindern können. Dank staatlicher Hilfen sei eine Pleitewelle im Gastgewerbe ausgeblieben.

Jeder Dritte in Kurzarbeit

Die Gewerkschaft NGG appelliert nun an die Gastronomie-Unternehmen, die Kurzarbeit für die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter zu nutzen. „Wer wegen Corona nicht arbeiten kann, sollte die Möglichkeit einer beruflichen Weiterbildung bekommen. Das ist ein Beitrag gegen den Fachkräftemangel, der in Hotels und Restaurants unabhängig von der Pandemie eklatant ist. Und Beschäftigte können einen Schritt auf der Karriereleiter machen – etwa von der Küchenhilfe zur Köchin, vom Restaurantfachmann zum Hotelfachmann“, unterstreicht Böhm. Zudem müssten Beschäftigte auch im Gastgewerbe für die Digitalisierung fit gemacht werden.

Dieser Vorschlag verkennt aus Sicht von Regine Tönsing den Ernst der Lage. Die Kurzarbeit sei dazu da, die Unternehmen finanziell zu schonen, denen die Umsätze weggebrochen seien. „Viele stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Tönsing. Mitarbeiter dann aus der Kurzarbeit zurückzuholen und in eine bis zu drei Jahre dauernde Ausbildung zu schicken, sei schlecht denkbar, zumal die Mitarbeiter dann möglicherweise nicht zur Verfügung stünden, wenn sie gebraucht würden. „Es geht für viele Gastronomiebetriebe ums Weiterbestehen“, macht die Dehoga-Geschäftsführerin klar, wenngleich auch sie den Fachkräftemangel sehe. Man sei in Ostwestfalen durchaus stolz, dass es zumeist gelinge, wenigstens die bestehenden Ausbildungsverhältnisse trotz der Krise weiterzuführen.

Nach Angaben der Arbeitsagentur beschäftigt das Hotel- und Gaststättengewerbe in Bielefeld rund 7700 Menschen. Nach Angaben des Ifo-Instituts, so die NGG, waren im August bundesweit 377.000 Beschäftigte des Hotel- und Gaststättengewerbes in Kurzarbeit – gut jeder dritte Arbeitnehmer. Dabei seien die Minijobber nicht mitgerechnet. Sie hätten keinen Anspruch auf das Lohnausfallgeld. Während des Lockdowns zwischen Anfang März und Ende April seien für neun von zehn sozialversicherungspflichtige Beschäftige im Gastgewerbe Kurzarbeit beantragt worden.

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