Die Eisenbahnfreunde Bielefeld sanieren 76 Jahre alten Kesselwagen aus Lengerich
Zehn Eimer voller Rost und Farbreste

Bielefeld (WB). „Das Ergebnis versöhnt mit den Mühen“, sagt Stefan Oehmke zurückhaltend. „Jaahaah, stimmt. Das klingt schön“, steuern sechs seiner Kollegen beinahe unisono bei. Was die aktivsten der 62 Bielefelder Eisenbahnfreunde dabei mit kritischen Blicken aber nicht ohne Stolz mustern, steht vor ihnen auf der Drehscheibe des Bielefelder Lokschuppens – im Sonnenschein fast wie neu glänzend: ein 76 Jahre alter Kesselwagen, 8,80 Meter lang, 14,3 Tonnen schwer, den ihnen der Lengericher Verein Eisenbahn-Tradition im November 2019 verdreckt und angegammelt zur Sanierung überlassen hatte.

Dienstag, 22.09.2020, 05:00 Uhr
Teamarbeit auf der Drehscheibe am Lokschuppen: Zusammen haben die Eisenbahnfreunde Bielefeld einen alten Kesselwagen wieder aufpoliert (von links): Vorsitzender Marco Riffelmann, André Philipper, Gerhard Stengel, Robin Riffelmann, Helmut Beinhorn, zweiter Vorsitzender Sebastian Dille, Stephan Oehmke. Foto: Markus Poch

Der Wagen, obwohl Baujahr 1944, ist nach wie vor betriebsbereit und macht seine Kilometer üblicherweise bei historischen Ausfahrten direkt hinter der Dampflokomotive 78 468 aus dem Jahre 1923, die ebenfalls von den Lengerichern betrieben wird. In Bielefeld kennt man die Lok vor allem über ihre Vatertagseinsätze auf der Strecke „Haller Willem“ Richtung Osnabrück. Durch Ablagerungen von Fett und Kohlerückständen aus dem Dampf der 1140 PS starken Maschine – in Verbindung mit Regen – leiden Aussehen und Funktionalität des Wasserspeichers auf Rädern massiv, so dass er alle paar Jahre gründlich gereinigt, durchgecheckt und gestrichen werden muss.

„Einmal richtig schön gemacht“

„Wir haben ihn jetzt einmal richtig schön gemacht“, fasst Marco Riffelmann, Vorsitzender der Eisenbahnfreunde Bielefeld, ihren Dienst für den befreundeten Verein bescheiden zusammen. „Den Aufwand hatten wir bei unserer Zusage allerdings deutlich unterschätzt. Zwar ist da noch nichts durchgerostet, aber der Allgemeinzustand war schlecht.“

Riffelmann schätzt den geleisteten Arbeitsaufwand auf „mindestens 700 Stunden“. Es galt, den gesamten, 26,25 Kubikmeter fassenden Kessel samt Unterbau anzuschleifen, eine Rostschutzgrundierung aufzutragen sowie alles mit einem besonders strapazierfähigen Zwei-Komponenten-Lack zweimal zu streichen. Um alle Flächen überhaupt erreichen zu können, mussten einzelne Bauteile demontiert werden, darunter zum Beispiel Gitterroste, Ablassventile und Beschriftungstafeln.

Einsatz bis in die Nacht

Den größten Einsatz auf der „Baustelle“ zeigte nach Einschätzung seiner Kollegen der 68-jährige Helmut Beinhorn, pensionierter Elektriker: An etlichen Abenden war er bis weit in die Nacht mit der so genannten Nadelpistole an verwinkelten Stahlverstrebungen des Fahrzeugrahmens zugange. „Normalerweise braucht man dafür einen Schlangenmenschen – wir haben den Helmut“, scherzt Riffelmann. „Bestimmt zehn Malereimer voller Rost und Farbreste habe ich da weggetragen“, sagt Beinhorn, der sich bei den Eisenbahnfreunden als „Aushilfsmaleranwärter“ an der Seite des pensionierten Queller Malermeisters Gerhard Stengel (80) sieht. Der wiederum hat den dreiteiligen Kessel mehr oder weniger im Alleingang angestrichen.

Jetzt ist der Wagen fertig, wird im Oktober von seinen Besitzern abgeholt und final beschriftet. Als Dank für ihre Hilfsbereitschaft haben die Bielefelder aus Lengerich einen verrotteten Druckgaslagerwagen erhalten, den sie sich als originelles Werkzeug- und Materialdepot herrichten wollen.

 

■ Wer ein ungewöhnliches Weihnachtsgeschenk sucht, kommt vielleicht mit den Eisenbahnfreunden ins Geschäft: Die planen für den 27. Dezember 2020 eine Ausfahrt mit der Dampflok 78 468 und einigen ebenso historischen Personenwaggons. Es geht von Bielefeld nach Paderborn und zurück – über 120 Kilometer Trassen in OWL, mit mehreren Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten. Informationen und Buchungen unter Telefon 0521/48896668 oder per E-Mail an ticket@bielefelder-eisenbahnfreunde.de.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7595562?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Hakenkreuz-Christbaumkugel in Chat-Gruppe der Polizei
Im Dritten Reich gab es Christbaumkugeln mit Hakenkreuz. Dieses Bild entstand in einer Ausstellung über historischen Weihnachtsschmuck. Das Gesetz erlaubt das Zeigen eines solchen Fotos in Berichten über zeitgeschichtliche Vorgänge. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker