Der frühere Senner Pfarrer Hans-Martin Waltemath feiert goldenes Ordinationsjubiläum
„Menschen auf Augenhöhe begegnen“

Senne (WB). „Das ist ja gar kein richtiger Religionsunterricht gewesen“, stellte einst eine Schülerin des Städtischen Gymnasiums Gütersloh nach einer Stunde bei Hans-Martin Waltemath fest. Der Pfarrer, der nach seiner Pensionierung dort unterrichtete, fragte nach dem Grund. „Weil das ganz viel mit unserem Leben zu tun hatte“, entgegnete ihm die 16-Jährige.

Samstag, 05.09.2020, 06:00 Uhr
Hans-Martin Waltemath, der sich 2001 in den Ruhestand verabschiedet hat und zuvor 34 Jahre an der Christuskirche in Senne tätig war, feiert in diesem Jahr sein goldenes Ordinationsjubiläum.

„Viel mit dem Leben zu tun haben“, das war für Waltemath stets eine Maxime. „Es gibt kaum ein Buch, das so dicht an den Menschen ist wie die Bibel. Es hat ihnen viel zu sagen, wenn wir es mit ihrem Leben in Kontakt bringen“, sagt der 77-Jährige.

In diesem Jahr feiert Waltemath sein goldenes Ordinationsjubiläum – oder zumindest war es so geplant. Die Matthäusgemeinde Gütersloh, in der der Theologe heute wohnt, würde es gerne feiern, allerdings mussten die Planungen wegen der Corona-Pandemie vorerst auf Eis gelegt werden. Ordiniert wurde der Pfarrer 1970 in der Senner Christuskirche, wo er insgesamt 34 Jahre tätig war.

Viele Familien über Generationen begleitet

„Ich bin mein ganzes Berufsleben lang Pfarrer in Senne gewesen“, erzählt Waltemath. „Ich hätte verschiedentlich die Möglichkeit gehabt zu wechseln, aber ich fühlte mich der Gemeinde verbunden, mich für sie verantwortlich“. Viele Familien hat er über Generationen hinweg begleitet und so das nötige Vertrauen geschaffen, um als Seelsorger tätig zu sein.

Um dennoch nicht in eingefahrene Gleise zu geraten, setzte sich Waltemath in den 34 Jahren in Senne immer neue Akzente, angefangen von der Kindergartenbetreuung über Familiengottesdienst, Mitarbeit in kirchlichen Gremien bis zur Betreuung von Vikaren.

Sein Berufswunsch wurde dem Westfalen in die Wiege gelegt, er wuchs auf in einem Pfarrhaus im heutigen Hille im Kreis Minden-Lübbecke: „Meine Eltern haben mir ein offenes Pfarrhaus vorgelebt, in dem man immer ansprechbar ist. Die Nähe meiner Eltern zur Gemeinde und das damit geschaffene Vertrauen sowie die Bedeutung des christlichen Glaubens hat Generationen auf dem Dorf geprägt und mich sicherlich auch“. Waltemath hatte eine schöne, freie Jugend, auch wenn die Gemeinde natürlich ein wachsames Auge auf den Filius des Geistlichen hatte und es schon mal hieß: „Herr Pastor, finden sie es richtig, dass ihr Sohn im Schulbus Skat spielt?“

Zukunft der Kirche liegt in der Verkündigung

Nach dem Studium in Bethel, Erlangen, Göttingen und Münster trat Waltemath sein Vikariat in Bielefeld-Senne an beim damaligen Superintendenten des Kirchenkreises, Dr. Eduard Gronau. „Die Entscheidungen über die Zukunft der Kirche fallen nicht in Aktionsprogrammen, sondern in der Theologie und Verkündigung“ hatte der vor 50 Jahren in seiner letzten Rede vor der Kreissynode gesagt und damit Hans-Martin Waltemath nachhaltig geprägt.

Zu Beginn seiner Beschäftigung waren die drei Senner Gemeinden noch selbständig, erst 2006 nach Waltemaths Ruhestand fusionierten sie zur Emmaus-Gemeinde. „Das ist für mich ein trauriges Kapitel. Als nach der Berufung meines Nachfolgers Frank Schneider zum Superintendenten die Gemeinde in drei Teile aufgespalten wurde, da hat sich kaum jemand von den Gemeindegliedern noch zu Hause gefühlt“.

Später wurde auch noch die Christuskirche aufgrund der zurückgehenden Gemeindezahlen geschlossen und entwidmet. „Wenn eine Gemeinde so aufgegeben wird ein Stückchen, in die man so viel Herzblut gesteckt hat, dann fühlt sich das so an als hätte man vergeblich gearbeitet. So als müsste man eine Firma, die man jahrelang aufgebaut hat, schließen“, sagt Hans-Martin Waltemath. Eigentlich ist dieser wirtschaftliche Vergleich aber genau das, was der Theologe nicht mag.

Ehrenamtliches Engagement im Projekt 55 plus

In der Kirche ging es für ihn in letzter Zeit fast nur noch um Finanzen und Strukturen. Prognosen über die Entwicklung von Gemeinden hält er für problematisch, gerade im Hinblick auf die gerade erst herausgegebene Zahl von einer voraussichtlichen Halbierung der Finanzen und Gemeindemitglieder bis 2060. „Da steckt für mich wenig Vertrauen in die Kraft des Heiligen Geistes und in das Wirken Gottes drin. Dadurch entsteht der Eindruck eines sinkenden Schiffes“.

Vor 50 Jahren wurde Hans-Martin Waltemath (rechts) im Beisein vom damaligen Superintendenten Joachim Hennig (links) und seinem Vikariatsmentor Pfarrer Dr. Eduard Gronau ordiniert.

Vor 50 Jahren wurde Hans-Martin Waltemath (rechts) im Beisein vom damaligen Superintendenten Joachim Hennig (links) und seinem Vikariatsmentor Pfarrer Dr. Eduard Gronau ordiniert.

Stattdessen sollte man die Menschen lieber ermutigen und den Kontakt suchen, meint Waltemath. In der Matthäusgemeinde in Gütersloh organisiert er deshalb ehrenamtlich das Projekt 55 Plus. In inzwischen mehr als einen Dutzend Gruppen werden Aktivitäten von Kegeln über Kochen bis Fahrradfahren angeboten für Menschen, die kurz vor der Rente stehen. „Ein Mann in der Fahrradgruppe hat mir erzählt, das er seit seiner Konfirmation vor 40 Jahren nichts mehr mit der Kirche am Hut hatte. Menschen können also ihre Sicht auf die Kirche verändern, wenn die Kirche ihnen auf Augenhöhe begegnet“.

Niedrigschwellige Angebote sind für ihn eine gute Möglichkeit zu solch einer Begegnung: „Früher gehörte der Gottesdienstbesuch für die Menschen zum Leben dazu, aber das hat sich geändert und dieser Traditionsabbruch geht weiter. Deshalb müssen wir es den Menschen leichter machen, einen Zugang zur Kirche zu finden. Wir müssen die Menschen aufsuchen und können nicht darauf warten, dass sie zu uns kommen.“

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