Bielefelderin leidet an den Folgen des Virus und spendet wertvolles Blutplasma
Nach Corona: „Essig schmeckt wie Wasser“

Bielefeld (WB). Von oben betrachtet, gleicht das Gerät einem Plattenspieler. Zwei Scheiben drehen sich, aber es ist keine Musik zu hören. Zu sehen sind Schläuche, in denen Blut fließt. Neben dem Gerät liegt Janina Milde aus Bielefeld (31). Anfang März hat sie sich mit dem Coronavirus infiziert. Obwohl sie noch selbst stark an den Folgen leidet, möchte sie anderen helfen.

Donnerstag, 03.09.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 03.09.2020, 18:24 Uhr
Janina Milde (31) aus Bielefeld hat sich Anfang März mit dem Coronavirus infiziert. Sie leidet noch heute unter den Folgen, spendet aber bereits zum sechsten Mal wertvolles Blutplasma, um anderen Menschen zu helfen. Links: Professor Dr. Cornelius Knabbe, Direktor des Instituts für Laboratoriums- und Transfusionsmedizin beim Herz- und Diabeteszentrums NRW in Bad Oeynhausen. Foto: Bernhard Pierel

Ortstermin im Uni.Blutspendedienst OWL, Obertorwall 22 am Jahnplatz. Janina Milde erzählt von ihrem Skiurlaub Anfang März in St. Anton. Dort war sie mit ihrem Partner. Zu dieser Zeit war die Wintersportregion noch kein Risikogebiet. Die ersten Fälle im späteren Hotspot Ischgl wurden erst ein paar Tage später bekannt. „Zwei Tage vor unserem Abreisetermin wurden plötzlich Restaurants und Bars geschlossen. Alle erzählten nur noch von Corona. Und einige sagten, wir sollten besser unsere Koffer packen“, sagt Janina Milde. Die beiden reisten ab.

Freitag, der 13.

Ausgerechnet am Freitag, dem 13. März, begannen die Gelenkschmerzen, ihr Partner bekam leichtes Fieber. Den beiden war schnell klar, was los ist. Vorsorglich begaben sie sich in Quarantäne. Die Corona-Notfallhotline hatte eine Stunde Wartezeit. Eine kurzfristige Testung war nicht möglich. Erst am darauffolgenden Donnerstag wurde die Immobilienkauffrau, die bei der Bielefelder Gesellschaft für Wohnen und Immobiliendienstleistungen (BGW) arbeitet, getestet. Ihr Zustand verschlimmerte sich. Kopf- und Gliederschmerzen, Kreislaufprobleme, Schwindel. Ihr Arbeitgeber hat richtig reagiert. Die 31-Jährige möge zu Hause bleiben, obwohl das Testergebnis noch nicht vorlag und sie bis dahin noch keine Krankschreibung hatte. Arbeiten hätte sie aber ohnehin nicht können.

Angst

Samstag kam das Testergebnis: beide positiv. Gleichzeitig verschlechterte sich ihr Zustand. „Ich habe nichts mehr geschmeckt und gerochen“, sagt die junge Frau. Atemnot machte ihr auch zu schaffen. „Ich fühlte mich, als wenn jemand auf meinem Brustkorb sitzt und mir gleichzeitig die Kehle zuhält. Da bekommt man Angst.“

Nach und nach ging es ihr besser, aber der Geschmack blieb weg. Und auch die Lunge war nicht wieder hergestellt. Janina Milde treibt viel Sport. Sie ist schlank und topfit. „Aber beim Laufen merkte ich, dass mir beim Atmen die letzten zwanzig Prozent fehlen. Außerdem spürte ich leichte Zuckungen im Körper, die sich wie kleine Stromschläge anfühlten.“

Ekel vor Chips

Seit der Infektion sind sechs Monate vergangen. Die Bielefelderin fühlt sich zwar insgesamt besser, aber schmecken kann sie immer noch nicht so wie vorher. „Ich trinke Essig, aber es schmeckt wie Wasser.“ Auch der Geruchssinn ist noch gestört. In der Phase der vollständigen Geruchslosigkeit hat sie mit Chlorreiniger und Nagellack ausprobiert, ob ihr Geruchssinn noch funktioniert. „Es hat sich angefühlt, als wenn ich normale Luft einatme.“ Janina Milde ekelt sich zudem vor dem Geruch von Zwiebeln, Kartoffelchips und Eiern.

Bislang sind diese Symptome noch nicht medizinisch behandelt worden. Um auszuschließen, dass das Virus nicht auch noch Folgen am Herzen verursacht hat, müsste sie von einem Kardiologen untersucht werden. Aber Termine sind erst in Monaten möglich. Janina Milde hofft aber weiterhin, einen Arzt zu finden, der ihr schneller helfen kann.

Lebensretterin

Dennoch soll die Virusinfektion auch etwas Gutes haben. Durch Berichterstattungen in den Medien wurde sie zur Blutplasmaspenderin – und möglicherweise sogar zur Lebensretterin. „Das Blutplasma von Patienten, die nach einer Sars-Cov-2-Infektion genesen sind, enthält Antikörper. Wenn diese in ausreichender Konzentration enthalten sind, können wir damit solchen Patienten helfen, die schwer erkrankt sind“, sagt Professor Dr. Cornelius Knabbe, Direktor des Instituts für Laboratoriums- und Transfusionsmedizin beim Herz- und Diabeteszentrums NRW in Bad Oeynhausen (HDZ).

Drei Jahre haltbar

Der Uni.Blutspendedienst OWL zählt mit sechs Spendeeinrichtungen in der Region zu den größten Universitätsblutspendediensten in Deutschland. Das Institut in Bad Oeynhausen hat die Genehmigung zur Herstellung und Anwendung von therapeutischem Plasma zur Behandlung von Corona-Patienten erhalten. An zwei Standorten sind von Montag bis Freitag Plasmaspenden möglich, in Bielefeld und in Bad Oeynhausen.

Das Plasma mit den wertvollen Antikörpern wird unterhalb von minus 30 Grad eingefroren und ist dann drei Jahre haltbar. Zusammen mit anderen Medikamenten und der Intensivversorgung sei das im Moment vermutlich das Beste, was man für die Schwerkranken tun könne. Aktuell wird das Plasma kaum benötigt, da es derzeit keine schwersten Fälle gibt.

Dank vom Professor

Sechs mal war Janina Milde bereits beim Blutspendedienst. 45 Minuten dauert der Vorgang. Dabei fließen etwa 750 Milliliter Blut aus dem Arm. Eine Maschine filtert das Plasma, eine klare, gelbe Flüssigkeit, heraus, und leitet die übrigen Blutbestandteile zurück in den Körper. Wöchentlich spenden 30 bis 40 ehemalige Infizierte ihr Plasma an den Standorten in Bielefeld und Bad Oeynhausen.

Professor Knabbe war persönlich in Bielefeld und dankte der Spenderin. „Es ist vorbildlich, dass Sie zum sechsten Mal hier sind. Sie retten möglicherweise Leben, aber mindestens sorgen Sie mit ihrer Spende dafür, dass es sehr kranken Menschen besser gehen kann.“

Was ist Blutplasma?

Blutplasma ist der flüssige und zellfreie Anteil des Blutes, den man erhält, wenn eine ungerinnbar gemachte Blutprobe zentrifugiert wird. Diese Flüssigkeit enthält durch die Zentrifugation keine Blutzellen mehr. Blutplasma dient als Transportmedium für Glukose, Lipide, Hormone, Stoffwechselprodukte, Kohlenstoffdioxid und Sauerstoff. Die aus dem Blutplasma gewonnenen Antikörper werden nach strengen Richtlinien aufbereitet. Lebensbedrohlich an der Coronavirusinfektion erkrankten Menschen kann die Therapie helfen. „Das bestätigen erste Beobachtungen an der Mayo Klinik in den USA wie auch an einigen Kliniken in Deutschland, vor allem in Regensburg, aber auch am HDZ NRW“, sagt der dortige Professor Dr. Cornelius Knabbe. Die HDZ- Info-Hotline für Spender: 05731/972400 (werktags von 10 bis 19 Uhr). Mail: corona@blutspendedienst-owl.de.

Janina Milde (31) aus Bielefeld wird vor ihrer Blutplasmaspende von Ärztin Andrea Rutz-Stumpf (rechts) untersucht.

Janina Milde (31) aus Bielefeld wird vor ihrer Blutplasmaspende von Ärztin Andrea Rutz-Stumpf (rechts) untersucht. Foto: Bernhard Pierel

Annika Zimmermann (rechts), Medizinische Fachangestellte beim Blutspendedienst OWL, bereitet die Blutentnahme vor. Links: Janina Milde, die zum sechsten Mal ihr Blutplasma gespendet hat.

Annika Zimmermann (rechts), Medizinische Fachangestellte beim Blutspendedienst OWL, bereitet die Blutentnahme vor. Links: Janina Milde, die zum sechsten Mal ihr Blutplasma gespendet hat. Foto: Bernhard Pierel

Kommentare

Leo-Armine  wrote: 03.09.2020 15:18
Frau Milde ist auch dafür zu danken, daß sie sich für diesen Bericht zur Verfügung gestellt hat um ein wenig - dringend benötigte - Aufklärung zu leisten.
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