Streit um Martin-Augustyniak-Platz: CDU fordert Sondersitzung der Bezirksvertretung Bielefeld-Brackwede
Die SPD macht einen Rückzieher

Bielefeld (WB). Die Brackweder SPD rudert zurück und will ihre Absage, einen Platz im Queller Breedenviertel nach dem in Afghanistan gefallenen Soldaten Martin Augustyniak zu benennen , zurücknehmen. CDU und FDP verlangen dafür eine Sondersitzung der Bezirksvertretung.

Donnerstag, 27.08.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 27.08.2020, 12:54 Uhr
Dieser Platz im Breedenviertel soll nach dem gefallenen Soldaten Martin Augustyniak benannt werden – nun doch. Foto: Markus Poch

Am 2. April 2010 ist Augustyniak im Alter von 28 Jahren in Afghanistan gestorben. Da er seine Wurzeln in Quelle hat, wo seine Mutter Ursula Wolf noch heute lebt, sollte seiner dort gedacht werden. Eine Granitbank mit Gravur wurde vor einem Jahr bereits aufgestellt , die Umbenennung des kleinen Platzes sollte folgen. Dem hatte auch die SPD im Januar 2019 in einer Sitzung der Bezirksvertretung zugestimmt – nach durchaus langem Hickhack.

SPD fürchtete „Kultort“

Am vergangenen Donnerstag nun folgte die Rolle rückwärts: „Wir wollen keinen Heldengedenkplatz“, sagte Fraktionssprecher Hans-Werner Plaßmann, der zudem einen „Kultort“ fürchtete. Die Bezirksvertretung stimmte ab, und ein Martin-Augustyniak-Platz wurde mit den Stimmen der SPD und gegen die von CDU und Unabhängigem Bürgerforum zu den Akten gelegt.

Die Entscheidung sorgte für Wirbel und Empörung – auch bundesweit und in den sozialen Medien, in denen es teils geharnischte Kommentare gab. Die Rolle rückwärts, hatte die CDU sofort kritisiert, sei ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen. Gemeinsam mit der FDP fordern die Christdemokraten nun, dies zu korrigieren.

Der heftige Gegenwind hat offenbar etwas bewirkt: Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) bedauert in einer persönlichen Stellungnahme die Entscheidung der Bezirksvertretung Brackwede, der Benennung eines Platzes nach Martin Augustyniak nicht zuzustimmen. „Ich halte sie auch für falsch. Mein persönliches Beileid habe ich der Familie bereits bei der Beerdigung bekundet.“

Partei vollzieht eine Volte

Die Entscheidung, wie ein Platz benannt wird, obliege aber nach der Gemeindeordnung der zuständigen Bezirksvertretung, hier Brackwede. „Ich habe die Bezirksbürgermeisterin (Anmerkung: Regina Kopp-Herr, SPD) gebeten, die Entscheidung zu korrigieren“, schreibt Clausen.

Und tatsächlich vollzieht die Brackwede SPD erneut eine Volte: „Wir werden unseren Beschluss überdenken und empfehlen unserer neuen Fraktion und der neuen Bezirksvertretung den Gedenkplatz für Martin Augustyniak auch offiziell nach ihm zu benennen“, heißt es in einem Pressestatement. Man sei aus rationalen politischen Erwägungen zu dem Abstimmungsverhalten in dieser Frage gekommen. „Uns trieb und treibt die Sorge um, dass dieser Platz dann nicht allein dem Gedenken von Martin Augustyniak dient, sondern politisch missbraucht wird. Dafür entschuldigen wir uns.“ Selbstverständlich erkenne die SPD Brackwede die Leistung aller Soldaten an, die sich für Frieden und Menschenrechte einsetzten. Man sei sich nicht bewusst gewesen, viele Gefühle verletzt zu haben.

Eine Verschiebung der und Umbenennung in die Zukunft wollen CDU und FDP aber nicht mitmachen: Sie drängen auf eine zeitnahe Rückabwicklung des Beschlusses der Bezirksvertretung Brackwede. Carsten Krumhöfner, CDU-Fraktionschef in Brackwede, hat dafür eine Sondersitzung beantragt. Sollte sich Kopp-Herr weigern, werde man gemeinsam prüfen, „das über die nächste Ratssitzung richtig zu stellen“, kündigt FDP-Vorsitzender Jan Maik Schlifter an. Die Verweigerung der bereits zugesagten Umbenennung durch Rot-Rot-Grün sei ein schwerer Schlag für die Bundeswehr.

BfB: SPD blamiert Bielefeld

„Die SPD blamiert sich und ganz Bielefeld“, hat auch die BfB in einer Stellungnahme geschrieben und in dem Kehrtschwenk einen Linksdruck und Linksruck gesehen. OB-Kandidat Rainer Ludwig erinnert daran, dass sich bei der Trauerfeier auch Kanzlerin Merkel vor dem Sarg des Bielefelders verneigt habe. Die SPD habe dem Ansehen des Verstorbenen „aufs Übelste“ mitgespielt. Und die AfD attestiert der SPD Undankbarkeit und Doppelmoral: Schließlich habe sie den Bundeswehr-Einsätzen in Afghanistan zugestimmt und verweigere nun den Leidtragenden dieser Politik die Ehre.

Gegen den Vorwurf, einer Heldenverehrung verwahrt sich auch der Verein Veteranenkultur, der einen Briefwechsel mit der Brackweder SPD öffentlich gemacht hat. Darin begründet die SPD ihre Absage eines Augustyniak-Gedenkplatzes damit, dass für den gefallenen Soldaten eine Gedenkstele errichtet worden sei und man „eine schleichende Entwicklung eines rechten Kultortes“ fürchte. Weder Heldengedenken noch Veteranenveranstaltungen, stellt dagegen der stellvertretende Vorsitzende von Veteranenkultur, Roman Bracht, klar, seien das Ziel, sondern eine „Sichtbarmachung“ der Folgen eines Krieges.

Augustyniak sei von der Zivilgesellschaft in den Auslandseinsatz geschickt worden, aus dem er nicht lebend zurückgekehrt sei. „Es liegt in der Verantwortung einer Zivilgesellschaft, sich mit den Folgen ihrer Entscheidungen auseinanderzusetzen.“ Bracht betont zudem, dass eine Genehmigung zur Errichtung der Stele von Seiten der Stadt vorlag.

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Anlässlich der Aufstellung der Granitbank im Juni 2019 entstand dieses Video, das unter anderem ein Gespräch mit Martin Augustyniaks Mutter Ursula Wolf zeigt:

Kommentare

Mike Groß  wrote: 27.08.2020 23:31
Danke
Danke für die richtigen Worte lieber Volker und mein Kopfschütteln geht gratis an Karlheinz.

Ein Einsatzveteran
IHR SEID NIE VERGESSEN!
Mike  wrote: 27.08.2020 23:11
Kopfschütteln ?
Lieber Karlheinz Path,

über ihren Kommentar kann ich nur mit dem Kopf schütteln.
Ich vermute Sie haben nie gedient und wissen nicht wie sich die Familie des Kameraden fühlt.
Ich selbst war im Auslandseinsatz und das sicher nicht freiwillig, denn Leute wie Sie haben uns Veteranen in diese Einsätze geschickt. Bedenken Sie mal was Sie gewählt haben, damit dies passiert.

LG
Ein Kamerad
Volker Lehmann  wrote: 27.08.2020 18:56
Betrifft Martin Augustyniakplatz
Der Gerdenkplatz für Martin und seine Kameraden ist ein Ort des mitfühlenden Gedenkens im zivilgesellschaftlichen Sinne.
Verstehen, Integration und Respekt , Vernunft sind eine Basis für ein mitfühlendes Gedenken.
Es sind christliche Normen die jeder von uns mit Leben füllen kann, die unsere Gesellschaft braucht.
Es geht darum, eine Sensibilität für die Bedürfnisse der Hinterbliebenen , für den Menschen in Uniform,
für den Veteranen , den Reservisten zu entwickeln. Gerade die Soldaten, Veteranen und Hinterbliebenen, Einsatzreservisten haben erfahren wohin Hass und Gewalt führt. Sie wünschen sich nichts sehnlicher als eine friedliche Gesellschaft im Lande.
Es ist wichtig miteinander ins Gespräch zu kommen. Dazu gehört auch ein gemeinsames Gedenken, ein friedlicher, respektvoller Umgang untereinander. Gedenkplätze dieser Art sind auch ein Ort des Kennelernes untereinander.
Danke für die Unterstützung .

Mit lieben Gruß,

Volker Lehmann

Karlheinz Path  wrote: 27.08.2020 17:38
Held
Unbegreiflich! Einen Freiwilligen der im Dienst gefallen ist als Helden zu bezeichnen und noch öffentliche Plätze nach ihm zu benennen löst bei mir nur Kopfschütteln aus.
Ein Grab mit Inschrift auf dem Sennefriedhof ist das Höchste der Gefühle.
Total 4 comments
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