Gutachter taxieren Airport Paderborn-Lippstadt - Insolvenz Mitte Oktober möglich - Kreis Gütersloh will aussteigen
Flughafen 36,8 Millionen Euro wert

Paderborn (WB). 90 Prozent weniger Passagiere und jeden Monat mehr als eine Million Euro neuer Schulden, von denen wohl 700.000 Euro coronabedingt sind: Dem Flughafen Paderborn-Lippstadt läuft die Zeit davon.

Dienstag, 11.08.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 11.08.2020, 13:54 Uhr
Düstere Wolken über dem Flughafen Paderborn-Lippstadt, aber Licht am Horizont: In den kommenden Wochen entscheiden Kommunalpolitiker zahlreicher Kreistage und der Stadt Bielefeld über die Zukunft des Verkehrsflughafens, der im Moment jeden Monat mehr als eine Million Euro Verlust macht. Foto: Althoff

Das Geld der Betriebs-GmbH reicht voraussichtlich noch bis etwa Mitte Oktober, dann soll der Airport nach dem Willen des Kreises Paderborn, der mit gut 56 Prozent der Hauptgesellschafter ist, mit einer Insolvenz in Eigenverantwortung neu aufgestellt werden – viel kleiner, mit weniger als der Hälfte der etwa 200 Mitarbeiter und ausgerichtet auf nur noch 300.000 Passagiere pro Jahr. Zehn Jahre ist es her, da wurden hier noch mehr als eine Million Reisende abgefertigt – Urlauber und Geschäftsleute.

Seit Monaten wird hinter den Kulissen um den Fortbestand des Flughafens gerungen , und dabei stellte sich auch die Frage: Was ist der Airport eigentlich wert, für den es keinen Kaufinteressenten gibt? Den Gesellschaftern, das sind neben dem Kreis Paderborn die Kreise Soest, Gütersloh, Lippe, Höxter, der Hochsauerlandkreis sowie die Stadt Bielefeld, liegt inzwischen ein 66-seitiges Verkehrswert-Gutachten vor.

66 Seiten Gutachten

Erstellt hat es die bundesweit tätige Industrie-Verwertungs-Gesellschaft IVG aus Kirchlengern (Kreis Herford). Die Fachleute haben die 3,4 Millionen Quadratmeter Grund und Boden, die fast 50.000 Quadratmeter Gebäude sowie alle beweglichen Güter begutachtet und zwei Szenarien untersucht: Welchen Wert stellt der Flughafen dar, wenn er weiter betrieben wird, und was könnte bei einer Schließung erlöst werden?

Nach Angaben aus Gesellschafterkreisen kommen die Gutachter zu dem Ergebnis, dass der Flughafen beim Weiterbetrieb einen Marktwert von 36,8 Millionen Euro darstellt. Würde man den Airport schließen, die nicht mehr nutzbaren Einrichtungen abreißen und ihn zu einem Gewerbegebiet entwickeln, wäre er noch 20,1 Millionen Euro wert.

Eine Renaturierung der Flächen mit anschließender land- und forstwirtschaftlicher Nutzung wäre die teuerste Lösung: Hier würde dem Gutachten zufolge nur noch ein Restwert von 600.000 Euro zu Buche stehen, weil der Abriss der Gebäude und die Beseitigung aller befestigten Flächen mehr als zwölf Millionen Euro kosten würden. Den Bodenwert des Flughafens (bebaute Flächen, unbebaute Grundstücksflächen und landwirtschaftliche Flächen) beziffert das Gutachten mit 19,8 Millionen Euro.

Für Landrat Manfred Müller ist die Schließung des Flughafens keine Option.

Für Landrat Manfred Müller ist die Schließung des Flughafens keine Option.

„Eine Schließung des Flughafens ist für mich keine Option”, sagt Manfred Müller (CDU), der Landrat des Kreises Paderborn und Aufsichtsratsvorsitzende der Flughafen-GmbH. „Der Flughafen ist ein wichtiges Stück Infrastruktur. Er hat in den letzten Jahrzehnten zum Wohlstand und zur wirtschaftlichen Entwicklung Ostwestfalen-Lippes beigetragen, und es geht um Arbeitsplätze.”

Der Flughafen wäre im September zahlungsunfähig geworden, doch hatte die GmbH Geld, das für Investitionen geplant war, für laufende Kosten freigegeben. So verschaffte sich der Flughafen Zeit. Manfred Müller: „Die brauchen wir auch, um einen Insolvenzplan aufzustellen und mit Geld auszustatten. Wenn wir das nicht tun, werden wir irgendwann in eine gewöhnliche Insolvenz stolpern, und dann fehlen voraussichtlich die Mittel für einen Neustart.”

Während Großflughäfen Gewinne machen (Frankfurt vor der Krise 327 Millionen Euro, Düsseldorf 60 Millionen Euro) benötigen kleine Verkehrsflughäfen wie Paderborn jedes Jahr Zuschüsse ihrer Gesellschafter. Bisher hatten die Anteilseigner des Flughafens Paderborn vereinbart, zusammen jedes Jahr 2,5 Millionen Euro aufzubringen. Nachdem der Jahresverlust 2019 auf fünf Millionen Euro gestiegen war, sollte der Zuschuss für vier Jahre auf diesen Betrag erhöht werden, doch dazu waren nicht alle Gesellschafter bereit.

23,7 Millionen Euro nötig

Deshalb steht jetzt die Frage im Raum, ob die Parlamente der Kreistage in den kommenden Wochen grünes Licht für die Insolvenz in Eigenverantwortung geben, denn die kostet Geld. Müller: „Wir brauchen 23,7 Millionen Euro, um den Flughafen bis zum Sommerflugplan 2021 neu auszurichten und so zu verkleinern, dass der Jahreszuschuss nur noch 2,5 Millionen Euro beträgt.” Der Kreis Paderborn übernähme mit 13,7 Millionen Euro den Großteil der Kosten, auf Bielefeld entfielen 1,5 Millionen Euro, auf den Kreis Höxter eine Million, der Kreis Gütersloh und der Kreis Lippe müssten jeweils 2,1 Millionen Euro zahlen, der Kreis Soest 3,3 Millionen und der Hochsauerlandkreis eine Million Euro.

„Ich appelliere eindringlich an die Verantwortung aller Beteiligten, das Konzept mitzutragen, damit wir den Flughafen halten”, sagt Müller. Es sei bitter, dass viele Arbeitsplätze verloren gingen, aber bei einer ungeordneten Insolvenz würden möglicherweise alle Stellen wegfallen. „Ich bin mit Gewerkschaften, dem Betriebsrat, der Flughafenfeuerwehr und der Arbeitsagentur im Gespräch, um eine Arbeitsgruppe zu bilden. Sie soll versuchen, Mitarbeitern neue Stellen zu beschaffen.” Vielleicht könnten Kreis- und Stadtverwaltungen im Rahmen gesetzlicher Einstellungsbestimmungen Mitarbeiter übernehmen.

Am 8. Oktober berät der Kreistag Soest als letzter Gesellschafter des Flughafens den Insolvenzplan. Am 9. Oktober könnte die GmbH dann die Weichen stellen.

Kreis Gütersloh kündig Ausstieg an

Der Kreis Gütersloh, der mit acht Prozent an der Gesellschaft beteiligt ist, hatte am Dienstag mitgeteilt, mit der Stadt Paderborn über einen möglichen Ausstieg verhandeln zu wollen. Der Kreis wolle keine weiteren finanziellen Verpflichtungen mehr eingehen.

Kommentare

Sempeer  wrote: 11.08.2020 23:10
Standpunkt
Obwohl sich die meisten Einwohner an der A2 liegenden Städte befinden, (zwischen Rheda-WD und Bad Oeynhausen leben ca. 600.000 Menschen) wurde der Flughafen in PB/Lippstadt gebaut. Da die Erreichbarkeit und das Angebot anderer Flughafen wie D‘Dorf und Hannover besser sind werden diese mehr in Anspruch genommen. Ich denke das ist auch ein Grund für die rückläufigen Zahlen.
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