Günter Heinen wehrt sich gegen Kosten von 102 Euro für zwei Fahrten mit dem DRK
„Das ist Abzocke“

Bielefeld (WB). Der Ärger ist Günter Heinen deutlich anzumerken. „Das ist Abzocke, bei der die Unwissenheit alter und kranker Menschen ausgenutzt wird“, sagt der 72-Jährige. 102,10 Euro soll er an das Deutsche Rote Kreuz bezahlen für eine Fahrt von Sieker nach Heepen und zurück, weil er sein Kontingent an Freifahrten pro Monat schon ausgeschöpft hatte – und ihn niemand darauf hingewiesen hatte. Während die Stadt erklärt, dass es wichtig sei, die Betroffenen vorab umfassend zu informieren, teilt das DRK mit, dass es keine Informationspflicht gegenüber den Fahrgästen gebe.

Montag, 10.08.2020, 03:25 Uhr aktualisiert: 10.08.2020, 05:02 Uhr
Günter Heinen ist sauer, weil er für eine Fahrt mit dem Fahrdienst der Stadt, den das DRK durchführt, 102,10 Euro für die Strecke von seiner Wohnung an der Harrogate Allee zum Kusenweg in Heepen und zurück bezahlen soll. Foto: Bernhard Pierel

Seit 2007 schwerbehindert

Seit 2007 ist Günter Heinen schwerbehindert und hat deshalb Anspruch auf die Nutzung des städtischen Fahrdienstes. Zwölf Fahrten im Monat hat er dabei frei. Als er für Ende Mai eine weitere Fahrt bestellte, hatte er diese Grenze überschritten – und hat nun vom Deutschen Roten Kreuz, das den Fahrdienst übernimmt und bei dem die Fahrten auch direkt angemeldet werden müssen, eine Rechnung über 102 Euro und 10 Cent für die acht Kilometer lange Strecke von seiner Wohnung an der Harrogate Allee in Sieker zu einer Bekannten am Kusenweg in Heepen und zurück erhalten. „Man hätte mich bei der Anmeldung der Fahrt doch darauf aufmerksam machen müssen, dass ich schon zwölf Fahrten hatte und diese dann bezahlen muss“, kritisiert Günter Heinen. Denn dann hätte er den Fahrdienst nicht in Anspruch genommen. „Mit dem Taxi kostet der Weg hin und zurück 32 Euro.“

2006 hatte Günter Heinen drei Schlagabfälle, weitere Erkrankungen kamen hinzu. Seit 2007 hat er deshalb einen Schwerbehindertzenausweis mit den Vermerken „aG“ für „außergewöhnlich Gehbehindert“ und „B“ dafür, dass er eine Begleitung benötigt.

Kein Hinweis auf Kosten

Um mobil zu sein, nutzt der frühere Mitarbeiter einer Versicherung einen Elektrorollstuhl, seit gut vier Jahren nutzt er den städtischen Fahrdienst, den Schwerbehinderte zwöf Mal pro Monat kostenlos in Anspruch nehmen können, unter anderem für Besuche von Verwandten und Bekannten, Veranstaltungen jeder Art, Fahrten zum Einkaufen oder für Erledigungen bei Behörden.

Bei den Fahrten zu seiner Bekannten in Heepen benötige er den Rollstuhl nicht, „von der Haustür zum Auto sind es jeweils nur zehn Meter, mit Hilfe schaffe ich das auch ohne Rollstuhl“. Deshalb sage er bei den Anmeldungen für diese Strecke stets, dass in seinem Fall ein kleineres Auto ausreiche.

Am 21. Mai dieses Jahres bestellte der 72-Jährige dann eine Fahrt für den darauffolgenden Sonntag. Durchgeführt worden sei diese mit einem Transporter mit zwei Mitarbeitern als Begleitung auf dem Hinweg und einem Fahrer auf dem Rückweg. Einen Hinweis darauf, dass er diese Fahrt selbst bezahlen muss, habe er dabei nicht erhalten. „Sonst hätte ich diese ja nie bestellt“, sagt Günter Heinen und weist darauf hin, dass auch Menschen mit ganz unterschiedlichen Handicaps den Fahrdienst ordern. Und bei ihm bestehe der Verdacht auf eine Demenz-Erkrankung.

Rechnung zwei Tage später

Schon einen Tag nach der Fahrt sei die Rechnung des DRK ausgestellt worden. Er habe dann zurückgeschrieben mit dem Hinweis, dass er nicht auf die Kosten aufmerksam gemacht worden sei – und habe daraufhin eine Mahnung erhalten. „Darin stand auch, dass die Daten an die Creditreform übergeben würden, wenn ich nicht zahle“, sagt Günter Heinen.

Daraufhin habe er Einspruch eingelegt und angekündigt, dass er rechtliche Schritte einleiten und einen Anwalt einschalten werde, wenn der Fall nicht zu seiner Zufriedenheit geregelt wird. „Vor allem der Hinwies auf die Creditreform ist ja beinahe Erpressung“, ärgert er sich.

Die Stadt Bielefeld werde sich nun mit dem DRK in Verbindung setzen, um den Fall zu klären, erklärt dazu Sozialdezernent Ingo Nürnberger. Offensichtlich sei Günter Heinen versehentlich vor Antritt der 13. und 14. Fahrt nicht darüber informiert worden, dass er das Kontingent überschreitet und dies zu einer Inrechnungstellung führen würde, so der Sozialdezernent. Auf Nachfrage habe das Rote Kreuz die Stadt informiert, dass seitens des DRK für überschreitende Fahrten eine Grundpauschale von 43,65 Euro zuzüglich 2,40 Euro je gefahrenen Kilometer bei Fahrten über fünf Kilometer Entfernung in Rechnung gestellt werden. „Dieses Vorgehen ist wohl neu“, so Ingo Nürnberger.

Stadt will mit DRK sprechen

Die Stadt wolle deshalb mit dem DRK besprechen, wie zukünftig in ähnlich gelagerten Fällen verfahren werden sollte. Nürnberger: „Es ist wichtig, die Betroffenen vorab umfassend zu informieren. Ich gehe auf der Basis der langjährigen guten Zusammenarbeit davon aus, dass das DRK dies normalerweise auch tut und auch künftig umsetzen wird.“

DRK sieht keine Infopflicht

Das DRK selbst erklärt in einer Stellungsnahme, dass eine Informationspflicht von Seiten des Deutschen Roten Kreuzes gegenüber den Fahrgästen in Bezug auf die Anzahl der bereits erbrachten Fahrten nicht bestehe. „Für die Fahrgäste des Deutschen Roten Kreuzes ist das nichts Neues“, heißt es darin.

Als professioneller Dienstleistungsanbieter sei das Deutsche Rote Kreuz dazu angehalten, sich an die bestehenden Regularien und gesetzlichen Vorschriften zu halten. Hierbei bestehe wenig Spielraum zur Finanzierung von individuelle Zusatzleistungen, so das DRK. „Zusatzfahrten, die über das bereitgestellte Kontingent der Stadt Bielefeld hinausgehen können durch die Fahrgäste selbstverständlich gerne gebucht werden; die entstehenden Kosten hierfür muss der Fahrgast jedoch jeweils selber tragen“, teilt das DRK dazu mit. Die Kosten für private Fahrten seien zum 1. Januar dieses Jahres 2020 festgesetzt worden und seien seither bindend.

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