Rainer Ludwig ist der Oberbürgermeister-Kandidat der BfB
„Schönwetter-Kapitäne hatten wir genug“

Bielefeld (WB). Mit 72 Jahren ist Rainer Ludwig der älteste Bewerber um das Oberbürgermeister-Amt in Bielefeld. Sein großer Vorteil: Er kennt das Rathaus aus dem Eff-Eff, hat dort 16 Jahre als Dezernent auf den unterschiedlichsten Positionen gewirkt. Dafür muss er wettmachen, dass sich die Bürgergemeinschaft für Bielefeld (BfB), für die er antritt, in den vergangenen sechs Jahren als ziemlich zerstrittener Haufen präsentiert hat. Aber Ludwig gibt sich selbstbewusst: „Wer den Wechsel in Bielefeld will, kommt an uns nicht vorbei“, sagt er im Gespräch mit Michael Schläger.

Freitag, 07.08.2020, 05:50 Uhr
Rainer Ludwig war 16 Jahre Rathaus-Dezernent. Jetzt will er auf den Chefsessel. Foto: Bernhard Pierel

Sie sind über 70, könnten den Ruhestand genießen und wollen Oberbürgermeister werden. Was treibt Sie an?

Rainer Ludwig: Schauen Sie sich die Bewerber ums Weiße Haus an: beide weit über 70. Das Alter kann kein Kriterium sein. Es geht um einen Neuanfang im Bielefelder Rathaus. Den kann ich mit meiner Erfahrung bewirken. Ich war dort 16 Jahre Dezernent. Da kann mir keiner etwas vormachen, wie der Laden läuft.

Aber zunächst haben Sie sich für eine Verschiebung der Wahl eingesetzt. Warum sind Sie und die BfB vor den Verfassungsgerichtshof gezogen?

Ludwig: Mit der Beschwerde ging es nicht um die Verlegung des Wahltages – die wäre nur nötig geworden, wenn das Land nicht die Versammlungsfreiheit auch zu Wahlkundgebungen und Treffen eingeräumt hätte. Der BfB ging es hauptsächlich um die Möglichkeit, sich in Versammlungen vor Ort den Wählern zu stellen, um ihre Ansichten effektiv vertreten zu können. Diese Forderung hat die Landesregierung erfüllt.

Sie treten für die „kleine“ BfB an. Ist da der Chefsessel im Rathaus ein realistisches Ziel?

Ludwig: In die Stichwahl zu kommen, traue ich mir zu, und dann wird es spannend. Es gibt zwölf OB-Bewerber, aber nur vier mit realistischen Chancen. Vor Amtsinhaber Pit Clausen habe ich durchaus Respekt. Er hat ein gewisses Standing. Ralf Nettelstroth von der CDU bringt immerhin Erfahrung aus dem Rat und dem Landtag ein. Kerstin Haarmann von den Grünen kann deren Stimmenpotenzial abschöpfen, und ich bin die parteiungebundene bürgerliche Alternative.

Um was zu ändern?

Ludwig: Das große Thema im Rat werden nicht der Jahnplatz oder neue Radwege sein. Das große Thema wird sein, wie die Bielefelder mit den Folgen von Corona klar kommen. Fast 60.000 sind in Kurzarbeit, die Arbeitslosenzahlen steigen. Zieht man die Betroffenen und Angehörigen zusammen, ist in Bielefeld jeder Zweite von den Corona-Folgen bedroht. Viele Menschen haben also Existenzängste. Da kann ich nicht mit dem Radwegebau auf der Artur-Ladebeck-Straße kommen.

Sondern?

Ludwig: Sondern mit einer Verwaltung, die die Stadt effizient durch die Krise steuert. Schön-Wetter-Kapitäne haben wir genug gehabt. Diese Zeiten sind jetzt vorbei. Wir brauchen ein gutes Team an der Spitze des Rathauses. Der Einzige im Verwaltungsvorstand, der die Klaviatur noch einigermaßen beherrscht, ist Sozialdezernent Ingo Nürnberger. Man muss anerkennen, dass er sich den Entscheidungen stellt.

Wie wollen Sie die Verwaltungsspitze effektiver machen?

Ludwig: Zunächst einmal sind vier Beigeordnete genug. Das alte, so genannte Bielefelder Landrecht, wonach die Dezernate auf zwei SPD- und zwei CDU-Leute sowie einen Grünen aufgeteilt werden, hatte sich schon vor Jahren überholt. Ich habe gelernt, wie man mit Profis umgeht. Vier Dezernenten reichen aus. Und dazu Amtsleiter, die wie Ausführungsgestalter arbeiten, also Aufgaben verteilen. Darüber hinaus ist viel Kommunikation erforderlich, also ein ständiges Zusammenraufen.

So ganz kommen Sie an den aktuellen Bielefelder Themen nicht vorbei. Wie wollen sie umgehen mit der Verkehrswende?

Ludwig: Nicht so wie der amtierende Oberbürgermeister. Der musste das Bürgerbegehren zum Radentscheid aus formalen Gründen ablehnen und macht dann mit den Initiatoren kurz vor der Wahl einen Vertrag, in dem finanzielle Bindungen in Höhe von bis zu 160 Millionen eingegangen werden. Das ist unverantwortlich. In meiner Zeit als Dezernent stand kurz vor einer Wahl der Abschluss für den Bau des Freizeitbades Teuto-Therme an. Ich habe das nicht gemacht, um einem neuen Rat nichts vorwegzunehmen. Der wollte die Therme am Ende nicht. Meine Entscheidung war richtig.

In der Stadt fehlen Wohnungen. Wie wollen Sie das lösen?

Ludwig: Die beschlossene Baulandstrategie wird nicht funktionieren. Als OB würde ich eine parteiübergreifende Taskforce ins Leben rufen, in der man sich gemeinsam auf zu nutzende Flächen einigt.

Es fehlt auch an Gewerbeflächen.

Ludwig: Bei der Wirtschaft muss man regional denken und darf nicht an den Stadtgrenzen halt machen. Gemeinsame Gewerbeparks mit Nachbarkommunen sind sinnvoll. Wichtig ist ein gutes Netzwerk. Das hat zum Beispiel auch unser Einsatz für die Schausteller gezeigt, die jetzt an der Radrennbahn einen kleinen Freizeitpark betreiben können und damit einen Teil ihres Verdienstausfalls wettmachen können.

Bei der Wahl 2014 war die BfB überaus erfolgreich. Dann kam der Streit. Jetzt sagen manche, die BfB sei überaltert.

Ludwig: Wir haben Köpfe, wir haben neue Köpfe. Wir bieten eine Mannschaft, mit der wir etwas erreichen können. Wer einen Wechsel in Bielefeld will, kommt an uns nicht vorbei. Unser Vorteil ist, dass wir als Wählergemeinschaft nicht Parteipolitik machen, sondern Politik für Bielefeld.

Wenn Sie es auf den Chefsessel im Rathaus schaffen, was wird Ihre erste Amtshandlung sein?

Ludwig: Ich werde mich mit den maßgeblichen Leuten zusammensetzen, sagen, wo künftig Schwerpunkte gesetzt werden. Und ich werde einen Kassensturz machen, noch einmal: Corona und seine Folgen werden uns noch lange beschäftigen, und das wird massive Auswirkungen auf den städtischen Haushalt haben.

Zur Person

Rainer Ludwig (72) wurde in Mannheim geboren. 1990 war er aus Frankfurt nach Bielefeld gekommen – zunächst als Wirtschaftsdezernent auf dem Ticket der BfB. Im Römer, dem Frankfurter Rathaus, hatte der Jurist zuvor im Stab des CDU-Oberbürgermeisters Walter Wallmann gearbeitet. In Bielefeld wurde er später zum »Superdezernenten«, der eine Vielzahl von Ressorts, darunter das Soziale, verantwortete. Ludwig gehört neben der BfB auch der CDU an. Der Vater zweier erwachsener Kinder ist in zweiter Ehe mit Kirsten Ludwig, der Schwester von „Lotto-Fee“ Karin Tietze-Ludwig, verheiratet.

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