Bundesärztepräsident aus Bielefeld kritisiert Studie der Bertelsmann-Stiftung
Reinhardt warnt vor Klinik-Kommerz

Bielefeld/Berlin (WB/dpa). In der Diskussion um eine Reform des Klinik-Angebots in Deutschland hat der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt aus Bielefeld, vor kommerziellen Motiven gewarnt. „Krankenhäuser müssen dem Patienten dienen, nicht dem Profit“, sagte der Ärztepräsident am Mittwoch in Berlin.

Donnerstag, 06.08.2020, 02:54 Uhr aktualisiert: 06.08.2020, 06:51 Uhr
Dr. Klaus Reinhardt, seit Mai vergangenen Jahres Präsident der Bundesärztekammer, hat eine Hausarztpraxis im Bielefelder Stadtteil Quelle. Foto: dpa

„Ein Abbau der Versorgungskapazitäten, den uns immer wieder verschiedene politikberatende Stiftungen empfehlen, hätte bei uns im März und April zu gleichen Verhältnissen geführt wie in Spanien und Italien.“ Die Corona-Krise habe aber gezeigt, dass Deutschland im internationalen Vergleich gut aufgestellt sei.

Umstrittene Studie

„Wir haben das schaffen können, weil wir uns in den letzten Jahren gegen die weitere Kommerzialisierung im Gesundheitswesen gestemmt haben, weil wir Kliniken als Einrichtung der Daseinsvorsorge sehen und nicht als Industriebetriebe“, sagte Reinhardt. „Wir haben schnell die notwendigen Kapazitäten im Krankenhaus aufgebaut. Und unser System flächendeckender ambulanter ärztlicher Versorgung hat uns vor einer Überinanspruchnahme der Krankenhäuser bewahrt“, so Reinhardt.

 Im Sommer vergangenen Jahres hatte eine umstrittene Studie im Auftrag der Gütersloher Bertelsmann Stiftung für Aufsehen gesorgt – demnach könnte die Patientenversorgung durch die Schließung von mehr als jedem zweiten Krankenhaus erheblich verbessert werden. Die verbleibenden Häuser könnten deutlich mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten. Reinhardt sagte, es sei anzuerkennen, dass es einen großen Reformstau gebe. „Wir brauchen vor allem eine neue Vergütungssystematik, die nicht mehr ausschließlich auf wirtschaftliche Effizienz ausgerichtet ist.“

„Krankenhausstudie 2020“

Auch die Krankenhauslandschaft sei neu zu organisieren. „Auf dem Land brauchen wir weiterhin flächendeckend eine stationäre Versorgung, bei der Notfälle schnell und gut behandelt werden können. Aber wenn es medizinisch sinnvoll ist, vor allem in urbanen Gebieten, dann müssen auch Standorte zusammengelegt werden können.“ Dies bedeute, Synergieeffekte zu nutzen, um den Arbeitsdruck auf Ärzte und Pflegepersonal zu reduzieren. „Nur bitte diskutieren wir nicht über Einsparung beim Personal, nicht bei dem Behandlungsbedarf der zweitältesten Gesellschaft der Welt, nicht bei unserem Ärzte- und Pflegemangel“, mahnte Reinhardt.

„Im Gegenteil, wir brauchen mehr pflegerische Stellen, gleichzeitig aber darf keine einzige ärztliche Stelle verloren gehen.“ Er verwies zudem darauf, dass die Länder Investitionsverpflichtungen für die Kliniken von inzwischen etwa 30 Milliarden Euro in den vergangenen zehn Jahren nicht nachkämen.

Vor zwei Wochen veröffentlichte die Unternehmensberatung Roland Berger die „Krankenhausstudie 2020”. Darin rechnen 57 Prozent der Geschäftsführer der 600 größten deutschen Kliniken mit einem Defizit. 2019 verzeichneten 32 Prozent ein Minus.

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