Mutter und Tochter gleichzeitig wegen Gen-Defekt an Bauchspeicheldrüse unter dem Messer im Evangelischen Klinikum Bethel
Seltene Operation in Bielefeld

Bielefeld (WB). Ein gefährlicher Gen-Defekt: Mutter und Tochter lassen sich zusammen an ihren Bauchspeicheldrüsen operieren. Einträchtig und gut gelaunt sitzen sie auf der Bettkante in Zimmer 228 der Normalstation der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB). Ihnen ist kaum anzusehen, dass sie beide erst vor wenigen Tagen einen großen Baucheingriff hatten. Mutter und Tochter haben jetzt die gleiche, 25 Zentimeter lange Narbe – aber dafür die Chance auf ein längeres Leben.

Montag, 03.08.2020, 13:29 Uhr aktualisiert: 03.08.2020, 13:58 Uhr
Daniela Futterlieb (44) und ihre Tochter Lea-Renée (19) freuen sich über ihre schnelle Genesung und Entlassung. Ihr Operateur, Prof. Jan Schulte am Esch hat beim Foto-Shooting den nötigen Sicherheitsabstand eingehalten.

Seit sie 14 Jahre alt ist hat Abiturientin Lea-Renée aus Bielefeld immer wieder starke Schmerzen in Oberbauch und Rücken, begleitet von Krämpfen und Erbrechen. Für ihre Mutter Daniela Futterlieb war das damals ein Alarmsignal. Sie weiß, was diese typischen Symptome bedeuten könnten: Ihr Vater ist im Alter von 62 Jahren, ihre Oma bereits mit 49 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben.

Ihr Bruder (heute 42) ist ebenfalls betroffen, hatte bereits mit 18 Jahren entzündliche Schübe der Bauchspeicheldrüse und infolgedessen krankhafte Veränderungen des Organs. Als bei Daniela Futterlieb 2015 aufgrund massiver Beschwerden die Gallenblase entfernt wird, entdecken die Ärzte im Rahmen der Diagnostik auch bei ihr Steine in Gallengang und Bauchspeicheldrüse.

Seltene Form einer chronischen Entzündung

Auf Empfehlung wenden sich Mutter und Tochter an das Bauchzentrum Bielefeld im EvKB. Hier werden Patienten mit Bauchspeicheldrüsenerkrankungen interdisziplinär betreut. Nach ausführlicher Diagnostik und genauer Erfragung der Familiengeschichte schickt Prof. Dr. Martin Krüger, Chef der Klinik für Innere Medizin und Gastroenterologie, die Patientinnen zur genetischen Beratung. Die genetische Analyse des Blutes bestätigt: Beide haben eine seltene Form einer vererbbaren, chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung. Eine Gen-Mutationen bringt dabei die Verdauungsenzyme der Bauchspeicheldrüse aus dem Gleichgewicht. Die mögliche Folge: Das Organ verdaut sich selbst, es vernarbt und verhärtet infolge der ständigen Entzündungen. Dies kann nicht nur zum Organausfall und damit zu Diabetes mellitus führen, sondern erhöht auch das Krebsrisiko massiv - auf etwa 40 Prozent bis zum 70. Lebensjahr.

Die Therapie-Empfehlung bei dieser Erkrankung richtet sich immer individuell nach klinischen Symptomen, Krankheitsverlauf und Zustand des Organs. Prof. Krüger und sein Kollege Prof. Dr. Jan Schulte am Esch, Chef der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am EvKB, raten den Patientinnen zur Operation, denn bei beiden ist die Bauchspeicheldrüse bereits deutlich geschädigt. „Uns war schnell klar, dass wir das zusammen durchstehen wollen, und deshalb haben wir den Termin für die ‚Tandem-OP‘ so gelegt, dass Lea vorher das Abitur noch machen kann“, erzählt Daniela Futterlieb.

Bauchspeicheldrüsenkopf ist Motor der Erkrankung

Prof. Schulte am Esch kann den Eingriff organerhaltend durchführen – erst bei Tochter Lea, einen Tag später bei Mutter Daniela. „Um das Krebsrisiko zu reduzieren, muss man die chronische Entzündung aufhalten. Hierzu wird der Bauchspeicheldrüsenkopf entfernt, denn er ist der Motor der Erkrankung. Durch diesen komplexen Eingriff kann man den ersten Teil des Verdauungstraktes hinter dem Magen – den Zwölffingerdarm – und damit eine natürliche Magen-Darm-Passage erhalten“, erklärt der Bauchchirurg den Eingriff.

Zur Unterstützung der Verdauung müssen die Patientinnen nun lediglich täglich Enzyme einnehmen, weiterhin auf eine ausgewogene, fettarme Ernährung achten und auf Alkohol und Zigaretten verzichten, denn beides erhöht das Karzinom-Risiko erheblich. „Wir wollen dem Krebs keine Chance geben“, sagt Lea. „Elf Tage gemeinsam im Krankenzimmer haben uns noch mehr zusammengeschweißt. Wir waren so froh, dass wir uns hatten - denn wegen Corona bestand ja Besuchsverbot. Selbst Blumensträuße von Familie und Freunden mussten an der Rezeption abgegeben werden.“ Beide Frauen wollen ihre Rehabilitation – Ernährungsberatung und Physiotherapie – ambulant von zu Hause aus machen, und Lea ist sicher, bis zu ihrem Ausbildungsbeginn zur Immobilienkauffrau wieder topfit zu sein.

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