Hans Schumacher besitzt große Sammlung von Bielefeld-Medaillen
Unverwüstliche Zeitzeugen

Bielefeld (WB). „Hinter jeder Medaille steckt eine Geschichte“, sagt Hans Schumacher und greift sich ein rundes Bronzestück, doppelt so groß wie zwei Euro. Es handelt sich um eine Medaille zur Einweihung des Dreikaiserturmes 1894 in Quelle. „Ich habe sie in Silber und Zink“, sagt Schumacher. Das Edelmetall war für die Ehrengäste, Zink für das Fußvolk. Wie auf Knopfdruck kann der 83-Jährige zu jedem Sammlerstück etwas Passendes erzählen.

Montag, 03.08.2020, 04:36 Uhr aktualisiert: 03.08.2020, 05:01 Uhr
Die älteste bekannte Medaille mit Bielefeld-Bezug geht auf das Ende des 17. Jahrhunderts zurück und zeigt das Konterfei des Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Foto: Bernhard Pierel

Ganze 945 Medaillen umfasst die Sammlung des Senners. Einige hat er doppelt – um bei Ausstellungen gleichzeitig die Vorder- und die Rückseite präsentieren zu können. Hans Schumacher kommt auf 600 verschiedene Medaillen. Ihnen ist eines gemein: Sie alle haben einen Bezug zur Leineweberstadt, zeigen ein Bielefelder Motiv, wurden in Bielefeld geprägt oder von einem heimischen Künstler entworfen. In 40 Jahren hat der ehemalige Heimatpfleger Sennes die wohl größte Sammlung an Bielefeld-Medaillen zusammengetragen.

Drei Bücher hat Schumacher schon über Bielefeld-Medaillen verfasst. Mit viel Akribie beschreibt er nicht nur die Medaillen sondern auch Prägeanstalten und Gießereien; die Firma Schlemming zum Beispiel: 56 Jahre lang wurden zunächst in der Piggenstraße, später in der Viktoria­straße Medaillen hergestellt, bis die nächste Generation 1906 das Gewerk aufgab und das Geschäft nur noch als Stempel- und Schablonenfabrik firmierte.

„Medaillen sind zehnmal interessanter als Münzen“, ist Schumacher überzeugt. Die Münzen seien alle erfasst, es gebe sie in der Regel in großer Anzahl. „Aber bei Medaillen ist man nie sicher, wann man komplett ist“, meint der Sammler, der zumindest von einer Medaille weiß, die ihm noch in seiner Sammlung fehlt: Sie wurde in den 50er Jahren beim Seifenkistenrennen vom Rüttli bis nach Sieker verliehen.

Diese Medaille entstand zur Grundsteinlegung des Sennestadthauses.

Diese Medaille entstand zur Grundsteinlegung des Sennestadthauses. Foto: Pierel

Die älteren Medaillen sind aus Metall, meist Bronze. Schumacher hat in seiner Sammlung aber auch hochkarätiges Gold und Silber. Sogar Medaillen aus Porzellan oder Kohle gibt es. Schumacher scheut allerdings auch vor Kitsch nicht zurück. „Am schrecklichsten ist die Medaille vom Schlittenhunderennen – sie kommt aus China, ist aus Plastik und zeigt ein aufgeklebtes Hundefoto“, sagt Schumacher, der seine Chronistenpflicht über den guten Geschmack stellt.

Sein Herz hängt natürlich an den betagteren Exemplaren. Die Geschichte der Münzen reicht bis in die italienische Frührenaissance im 15. Jahrhundert zurück. In Deutschland tauchen die Schau- und Gedenkobjekte erst im 16. Jahrhundert auf. Die erste in Bielefeld bekannte Medaille trägt das Datum 1673/1675 und zeigt ein Portrait des Kurfürsten Friedrich Wilhelm sowie auf der Rückseite einen Adler mit Jungen im Horst. Sie zählt zu den wertvollsten Exemplaren.

Natürlich hat Schumacher das Silberstück in seiner Sammlung, sein liebstes ist es aber nicht, wie er freimütig einräumt. Gefragt nach seiner Herzensmünze zeigt er ein Bronzerund, auf dem die Altstädter Nicolaikirche zu sehen ist. Medailleurin ist Eva Limberg, mit der Schumacher bis zu deren Lebensende eine persönliche Freundschaft pflegte. Die Medaille war eine Auftragsarbeit. Sie sollte als Anerkennung an Presbyter verteilt werden. „Die Künstlerin fertigte zwei Entwürfe“, erzählt Schumacher. Die von der Kirche abgelehnte Medaille ist die ihm liebste. „Die ging nicht in Serie und ist ein unbezahlbares Unikat“, meint der Sammler.

Die vordere der beiden Medaillen von Eva Limberg ist ein Unikat.

Die vordere der beiden Medaillen von Eva Limberg ist ein Unikat. Foto: Pierel

Seine große Leidenschaft hat ihm allerdings auch „die größte Enttäuschung seines Lebens“ beschert. Als anlässlich des Bielefelder Stadtjubiläums 2014 Beiträge aus den Bezirken gesucht wurden, reichte Hans Schumacher für das Museum Osthusschule drei Medaillen mit Senne-Bezug ein, die er von den Künstlern Irene Müller und Bruno Buschmann hatte anfertigen lassen. Dazu veröffentlichte er ein Buch über Kunstmedaillen von Bielefelder Bildhauern. Der Beitrag wurde zu seinem Erstaunen abgelehnt.

Wann seine Leidenschaft für Medaillen entfachte, weiß Hans Schumacher noch genau. „Vorher hatte ich einzelne Medaillen, die in die Schublade kamen. Aber bei der zweiten Ehrenmedaille hat es mich gepackt“, erinnert er sich. Verliehen wurden Ehrenmedaillen an verdiente Persönlichkeiten. Sie

So groß wie ein Handteller

zeigen das Stadtwappen, umrankt von Lorbeer, und auf der Rückseite eine Frauengestalt mit Lorbeerzweig sowie die Inschrift „Das Leben gilt nichts ohne Treue“.

Das war Anfang der 1980er Jahre. Es folgten viele Stunden, in denen er in Katalogen stöberte, sich an Auktionen beteiligte und tauschte. Ganz gleich, ob so groß wie ein Handteller oder fast so klein wie ein Daumennagel, ob billiges Zink oder Gold – wenn der Bielefeld-Bezug da ist, bemühte sich Schumacher um die Erweiterung der Sammlung, die mittlerweile wohl 50 Kilogramm auf die Waage bringt.

Der Spur nach möglichen weiteren Medaillen will er weiter nachgehen, seine Sammlung aber einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. „Das Historische Museum ist interessiert, aber es müsste sich ein Sponsor zur Umsetzung finden“, weiß er nach Gesprächen mit der Museumsleitung. „Das Historische Museum wäre der richtige Ort dafür.“

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