Anstieg der Verdachtsfälle erklärt nicht automatisch die Zunahme von Gewalt
Das Wohl der Kinder im Blick

Bielefeld (St). Die Verdachtsfälle auf Kindswohlgefährdung in Bielefeld haben im vergangenen Jahr um knapp 35 Prozent zugenommen. Das belegen Zahlen der Abteilung Information und Technik NRW des Statistischen Landesamtes. 1626 Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindswohls wurden eingeleitet, lediglich in 101 Fällen wurde tatsächlich eine akute Gefährdung festgestellt.

Dienstag, 14.07.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 14.07.2020, 09:28 Uhr
Die gemeldeten Fälle von Kindeswohlgefährdung haben in der Corona-Zeit in Bielefeld nicht zugenommen.

In gut der Hälfte der Fälle (849) stellte das Jugendamt keine Kindswohlgefährdung fest, erkannte wohl aber einen Hilfebedarf für die betroffenen Familien. In 505 Fällen gab es weder Anzeichen einer Kindswohlgefährdung noch Hinweise auf einen Hilfebedarf.

Die meisten Hinweise auf Verdacht der Gefährdung von Kindern gingen 2019 von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten beim Jugendamt ein (588), 274 Fälle wurden von Schulen oder Kitas gemeldet, 254 von Verwandten oder Bekannten.

Die Zahlen des Statistischen Landesamtes seit 2013 belegen eine deutliche Zunahme der gemeldeten Verdachtsfälle in Bielefeld von 475 im Jahre 2013 auf 1626 im vergangenen Jahr. Dafür macht Georg Epp, Leiter des Bielefelder Jugendamtes, drei Gründe verantwortlich: eine gestiegene Sensibilität in der Bevölkerung, ein verändertes Verfahren in Bielefeld und eine seit 2017 bestehende verstärkte Kooperation mit der Polizei. „Das Thema Kindeswohlgefährdung ist nicht zuletzt durch Fälle wie in Lügde verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gerückt,“ so Epp. Zudem habe sich Bielefeld organisatorisch schon vor längerer Zeit in diesem Bereich neu aufgestellt, viel Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit würden das Thema „Kinderschutz“ in der öffentlichen Wahrnehmung präsent halten.

Ein zweiter Punkt für die große Zunahme der Kindeswohl-Meldungen in Bielefeld ist für den Jugendamtsleiter die Veränderung der Verfahren in Bielefeld, jede Meldung werde einem Prüfverfahren unterzogen. Außerdem besteht, so Epp, seit 2017 eine Verfahrensabsprache mit der Polizei dergestalt, dass bei jedem Fall von häuslicher Gewalt, bei dem Kinder involviert sind, automatisch eine Meldung an das Jugendamt erfolgt. „Dies alles erklärt die starke Zunahme der Verfahren in Bielefeld speziell seit 2017,“ erklärt Epp, sorge aber dafür, dass sich die Zahlen der Städte und Kreise in NRW nur schwer bis gar nicht miteinander vergleichen ließe.

Die Zahl der tatsächlichen Kindeswohlgefährdungen hingegen hat in Bielefeld in den vergangenen sieben Jahren nicht so stark zugenommen, von 70 im Jahre 2013 auf eben 101 im vergangenen Jahr. Von 2018 bis 2019 gab es eine Zunahme von 7,5 Prozent. „Ob die Gewalt tatsächlich zugenommen hat und es mehr Fälle gibt, oder ob so in Teil der Dunkelziffer aufgedeckt worden ist, lässt sich jedoch nicht sagen,“ erklärt Epp.

Genau beobachtet werde vom Jugendamt, wie sich die Häufigkeit von Kindeswohlgefährdung in der Corona-Zeit entwickelt. In den ersten sechs Monaten des Jahres habe sich die Zahl der Meldungen jedoch kaum verändert. Man habe jedoch darauf geachtet, dass latent gefährdete Kinder trotz Corona in der Notbetreuung von Kita oder Schule untergebracht waren, „um sie im Blick zu behalten .“

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