Jennifer Erdmann, Vorstandsmitglied Sparkasse Bielefeld, über Folgen der Corona-Krise
OWL-Sparkasse half auch den Bayern

Bielefeld (WB). Viele Firmen stellen aus Verunsicherung wegen der Folgen der Corona-Krise derzeit ihre Investitionen zurück. „Andererseits leiden viele Unternehmen unter akuten Liquiditätsengpässe, die es zu überbrücken gilt“, sagt Jennifer Erdmann, Vorstandsmitglied der Sparkasse Bielefeld. Und wie geht es der Sparkasse selbst? Mit Jennifer Erdmann sprach Paul Edgar Fels.

Freitag, 03.07.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 03.07.2020, 05:01 Uhr
Wenns um Geld geht: Eine Kundin eines Supermarktes bezahlt mit einer EC-Karte hinter einer Scheibe, die zum Schutz vor dem Corona-Virus aufgehängt wurde. Foto: dpa

Frau Erdmann, die Corona-Krise bringt viele Firmen und Solo-Selbstständige in Existenznot. Was ist mit den Geldinstituten in Deutschland? Bleiben sie im Gegensatz zur Finanzkrise 2009 diesmal weitgehend verschont?

Jennifer Erdmann: Die Lage heute ist eine gänzlich andere. Damals waren es international tätige Banken, die die Finanzkrise ausgelöst haben und aufgrund ihrer Größe – wir kennen ja den Ausspruch: too big to fail – gerettet werden mussten. Sparkassen sind aufgrund ihrer Regionalität ganz anders aufgestellt haben gerade deswegen die Krise gut überstanden. Ich glaube aber, dass sich viele Banken seitdem für künftige Krisen gewappnet haben – so wie die Sparkassen schon lange gewappnet sind.

 

Wie sehr belastet die Corona-Pandemie die Sparkasse Bielefeld?

Erdmann: Zunächst möchte ich betonen: Wir sind gut aufgestellt. Wir sind sehr stark ins Jahr 2020 gestartet. Dann kam Corona und die Prioritäten haben sich verschoben. Fortan ging es einerseits um den Gesundheitsschutz unserer Kunden und Mitarbeiter. Andererseits haben wir mit Hochdruck daran gearbeitet, Hilfen zu organisieren, Selbstständige und Unternehmen zu unterstützen, den Privatkunden beizustehen. Wir haben zu keiner Zeit das Geschäft vollständig eingestellt. In welcher Höhe Risiken einmal durchschlagen werden, ist heute nicht absehbar. Denn Kreditrisiken werden in der Regel erst mit einem zeitlichen Nachlauf sichtbar.

 

Sie haben gesagt: Es gibt Belastungen. Wo?

Erdmann: Nun ja, allein das Tagesgeschäft ist ein komplett anderes geworden. Noch immer geht es ums Krisenmanagement. Dazu gehören Fragen wie: Was darf ich machen? Was kann ich machen? Viele Beratungen finden heute telefonisch oder als Videokonferenz statt. Wenn man sich persönlich vor Ort trifft, gelten die üblichen Regeln der Corona-Zeit: Mundschutz, Abstandsregel und eine begrenzte Teilnehmerzahl an Gesprächen. Das sind natürlich schon Einschränkungen und Belastungen.

 

Wie haben die Kunden - Privatkunden und Firmenkunden - reagiert? Viele Filialen waren ja geschlossen.

Erdmann: Ganz überwiegend sehr verständnisvoll. Natürlich gab es gerade zu Beginn der Krise viele Fragen und Sorgen. Wir hatten in der gesamten Zeit acht große Filialen für unsere Kunden offen gehalten. Wenn ich so in die Region zu Mitbewerbern schaue, war das schon fast ein Alleinstellungsmerkmal. Zudem haben wir innerhalb kürzester Zeit eine Förderhotline für Unternehmen und Selbstständige aufgebaut. Da haben wir sogar Anrufe aus ganz Deutschland erhalten, sogar aus München, weil sich unsere Kompetenz und Hilfsbereitschaft so weit herumgesprochen hatte.

 

Und da konnte die Sparkasse Bielefeld sogar dem Münchner helfen?

Erdmann: Im Rahmen ihrer Möglichkeiten haben unsere Kollegen und Kolleginnen natürlich auch da Auskünfte gegeben – auch wenn das nicht unsere Kunden sind. Um die Anfragewelle gut zu überstehen, haben wir unsere Kapazitäten im telefonischen Kundencenter sowie im gewerblichen Beratungsbereich fast verdoppelt. Hier haben auch Mitarbeiter aus den vorübergehend geschlossenen Filialen geholfen.

 

Gibt es die Förderhotline immer noch?

Erdmann: Ja. Aber die Lage hat sich inzwischen wieder normalisiert. Bei der Hotline ging es ja vor allem um die Zuschüsse des Staates. Dazu gab es viele Fragen.

 

Fast alle Unternehmen und Solo-Selbstständigen haben unter dem Lockdown gelitten. Wie hat sich das auf die Kreditvergabe ausgewirkt?

Erdmann: Unsere Kunden – der Bielefelder Mittelstand – kennen ihre Lage sehr genau. Und der Ostwestfale verschuldet sich bekanntlich nicht unnötig. Die Unternehmer prüfen also sehr genau, ob sie überhaupt KfW-Kredite oder Hilfskredite in Anspruche nehmen müssen. Für uns gilt: Wir beraten und begleiten die Unternehmen wie bisher. Krisenbedingt hat sich da von unserer Seite aus nichts verändert. Wir können unsere Kunden auch unabhängig von der Corona-Krise einschätzen.

 

Gibt es mehr Kreditanträge? Und im laufenden Jahr möglicherweise einen Darlehensrekord?

Erdmann: Das können wir derzeit noch nicht sagen. Wir kommen ja aus einer boomenden Wirtschaftslage mit einer Rekordkreditvergabe. Aktuell sind viele Kunden verunsichert und stellen ihre Investitionen daher zurück. Andererseits leiden viele Unternehmen unter akuten Liquiditätsengpässe, die es zu überbrücken gilt. Dazu sind die Hilfskredite ja auch aufgelegt worden. Der ein oder andere Unternehmer nimmt einen Kredit aber auch vorsorglich auf. Von einem Boom kann man allerdings nicht sprechen.

 

Immer wieder hört man, man solle wegen des Coronavirus in den Geschäften möglichst bargeldlos bezahlen. Auch wenn das Risiko einer Virenübertragung auf Scheinen und Münzen als gering bezeichnet wird. Wird Bargeld aus unserem Alltag verschwinden?

Erdmann: Ich meine, jeder sollte auch künftig die Möglichkeit haben, so zu bezahlen wie er es möchte. Die Bedeutung von elektronischen Zahlungsweisen hat in der Krise aber zugenommen. Das zeigen aktuelle Zahlen. So erfolgten im April 57 Prozent aller Zahlungen von Sparkassenkunden kontaktlos. Im Februar waren es nur knapp 28 Prozent. Da steckt eine unheimliche Dynamik drin. Ob das aber nachhaltig ist, bleibt abzuwarten. Meiner Meinung nach liegen diejenigen, die schon heute ein nahes Ende für das Bargeld sehen, falsch. Ich glaube nicht an eine vollständige Abschaffung des Bargeldes. Ich habe seit der Krise angefangen, beim Bäcker selbst für 2,45 Euro kontaktlos zu zahlen – weil es gewünscht war – und werde das sicherlich auch beibehalten.

 

Die anhaltende Phase niedriger oder sogar negativer Zinsen stellt das Geschäftsmodell von Banken oder Sparkassen in Frage. Wie können die Institute darauf reagieren?

Erdmann: Die Sparkassen in Deutschland haben in ihrer mehr als 200-jährigen Geschichte schon viele Krisen und Kriege überstanden. Aber es stimmt: Das klassische Prinzip eines Bankgeschäftes steht unter Druck. Geld von Anlegern gegen einen bestimmten Zins aufnehmen und zu einem etwas höheren Zins wieder auszuleihen – das ist heute eine Herausforderung. Der Zinsüberschuss ist seit Jahren rückläufig. Für uns heißt das: Wir müssen unsere Prozesse besser standardisieren, uns effizienter aufstellen, aber dabei auch unser Leistungsangebot aufrechterhalten – insbesondere im zinsunabhängigen Geschäft, um für unsere Kunden weiter attraktiv zu sein.

 

Tut sich an den Aktienmärkten nach dem Crash im März eine neue Chance für den Anleger auf?

Erdmann: Die drastischen Einbrüche an den Börsen sind ja bereits weitgehend überwunden. Aber natürlich kann niemand vorhersagen, wie die Entwicklung weitergeht. Vielleicht wird es auch in dieser Krise noch mal zu Rückschlägen kommen. Sicher ist: Die Aktie ist das einzige Instrument im langfristigen Rückblick, das sich immer wieder erholt hat und Erträge abgeworfen hat. Wertpapiere bleiben eine Anlageform, die auf mittlere und lange Sicht Erfolg verspricht.

 

Wie lange müssen Kunden noch mit Gesichtsmaske in die Filiale gehen?

Erdmann: So lange die Regelung des Landes NRW das auch für uns Sparkassen so vorsehen. Ich vermute, so lange wir kein Impfstoff gegen das Coronavirus haben und kein Medikament gegen die Krankheit. Wir sehen die Gesichtsmasken ebenso wie die Abstandsregel und die Hygienemaßnahmen als absolute Notwendigkeit zum Schutz für unsere Kunden und Mitarbeiter an.

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