Klinikum Mitte führt OP als erste in ganz Norddeutschland aus
Weltweit kleinsten Herzschrittmacher in Bielefeld verpflanzt

Bielefeld (WB). Erstmals wurde am Donnerstag an einem Krankenhaus in OWL beziehungsweise ganz Norddeutschland einem Patienten der weltweit kleinste Herzschrittmacher eingesetzt. Der gerade mal 1,6 Zentimeter große Überlebenshelfer kommt dabei völlig ohne Kabel aus.

Freitag, 03.07.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 03.07.2020, 05:00 Uhr
Stolz präsentierte sich am Donnerstag das OP-Team mit (von links) Daniel Höllige, Ludmilla Massold, Privat-Dozent Dr. Bert Hansky und Prof. Dr. Christoph Stellbrink. Foto: Klinikum Mitte

Die Operation des knapp 80-jährigen Mannes aus OWL fand am Klinikum Bielefeld-Mitte unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Stellbrink statt. Als eines der ersten Krankenhäuser in Deutschland hat die Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin diesen Eingriff mit dem so genannten Micra AV-System vorgenommen.

Schrittmacher funktioniert ohne Kabel

Seit Jahrzehnten werden Herzschrittmacher erfolgreich in der Behandlung von Menschen mit langsamen Herzrhythmusstörungen eingesetzt. Bisher war dazu ein Aggregat erforderlich, dass unter die Haut oder den Brustmuskel eingepflanzt wurde und über Kabel mit dem Herzen verbunden ist. In Deutschland tragen rund 500.000 Menschen einen solchen Herzschrittmacher.

Seit dem Jahr 2012 gibt es die sogenannten „sondenlosen“ Herzschrittmacher. Diese kommen mit einem Zehntel der Größe eines konventionellen Schrittmachers aus und können daher wie eine Kapsel komplett ins Herz eingesetzt werden, ohne dass Kabel aus dem Herzen geleitet werden müssen. Ferner muss auch kein Aggregat unter die Haut oder den Brustmuskel implantiert werden. Der Schrittmacher ist also für den Patienten „unsichtbar“.

US-Unternehmen hat Gerät weiterentwickelt

Bisher war die Einpflanzung dieser Systeme nur bei wenigen Patienten möglich, da sie lediglich die rechte Herzkammer stimulieren können, ohne die elektrische Aktivität der Herzvorhöfe wahrzunehmen – der so genannte „Ein-Kammer-Schrittmacher“.

Nun hat das US-Unternehmen Medtronic (Minneapolis) einen neuen Herzschrittmacher entwickelt – den „Micra AV“. Er ermöglicht über einen Bewegungssensor die Wahrnehmung der Vorhofaktivität. „Dies ist wichtig, um Herzvorhöfe und –kammern aufeinander abzustimmen“, teilte ein Kliniksprecher am Donnerstag mit. Das Herz pumpt somit „physiologisch“, das heißt: Die Pumpaktion läuft weitgehend so ab wie die normale Herzaktivierung, der Schrittmacher arbeitet „AV-synchron“. AV steht für Vorhof (Atrium) und Kammer (Ventrikel). Bei einer Blockierung des AV-Knotens ist die Verbindung zwischen Vorhof und Kammer gestört. Mediziner sprechen hier von einem AV-Block.

„Großer Fortschritt in der Versorgung von Schrittmacherpatienten“

Gleichzeitig mit vier anderen Kliniken in Deutschland wurde der erste Schrittmacher dieses Typs nun im Klinikum Bielefeld bei einem Patienten implantiert, bei dem der konventionelle Herzschrittmacher auf Grund einer Infektion explantiert werden musste und es somit keine andere Möglichkeit der Einpflanzung gab.

„Dies ist ein großer Fortschritt in der Versorgung von Schrittmacherpatienten,“ sagt Professor Dr. Christoph Stellbrink, Chefarzt der Klinik für Kardiologie am Klinikum Bielefeld nach dem Eingriff, der komplikationslos durch Oberarzt Dr. Hansky vorgenommen wurde. „Nun können wir auch Patienten mit AV-Block kabellos mit einem Herzschrittmacher behandeln, die bisher nur mit einem konventionellen Herzschrittmacher versorgt werden konnten. Dies ist wichtig, da dies prinzipiell etwa 35.000 Patienten pro Jahr mit AV-Block betrifft.“

Nur 1,6 Zentimeter misst der Herzschrittmacher.

Nur 1,6 Zentimeter misst der Herzschrittmacher.

Beim AV-Block ist die Überleitung der elektrischen Erregung von den Herzvorhöfen zu den Herzkammern gestört. Durch den Schrittmacher werden Symptome wie Kurzatmigkeit, Schwindel und Ohnmachtsanfälle effektiv behandelt. Professor Dr. Stellbrink: „Allerdings wird die Implantation noch nicht bei jedem Patienten möglich sein. Wir müssen noch Erfahrungen sammeln, ob die Wahrnehmung der Vorhofaktivität bei allen Patienten gut funktioniert. Daher verwenden wir diese Systeme aktuell nur bei sehr wenigen, ausgesuchten Patienten.“

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