Lyrikspaziergang des Bielefelder Theaters zwischen Verkehrs- und Waldesrauschen
Schöne Reise!

Bielefeld (WB). Die „bleierne Zeit“, von der Dichter Friedrich Hölderlin in seiner Elegie „Der Gang aufs Land“ von 1800 schreibt – damit könnte auch die Corona-Pandemie gemeint sein. Beim Theater Bielefeld setzt die Krise Kreativität frei: Nach dem „Total verrückten Kassenhäuschen“ mit Vorstellungen für maximal zwei Zuschauer im TAM gibt es jetzt einen Lyrischen Spaziergang ins Grüne vom Adenauerplatz zur Kapelle des Johannisfriedhofes, bei dem jeweils ein Spaziergänger von Schauspielern, Sängern, Tänzern des Theaters begleitet wird.

Dienstag, 09.06.2020, 12:00 Uhr
Schauspieler Doga Gürer gelingt es beim Lyrikspaziergang des Theaters Bielefeld, selbst auf einem überwucherten Abrissgrundstück voller Enthusiasmus „ins Grüne“ einzuladen – natürlich in Reimform. Foto: Sarah Jonek/Theater Bielefeld

Friedrich Hölderlin gibt mit der ersten Zeile von „Der Gang aufs Land“ den Titel vor: „Komm! ins Offene, Freund!“ Bei der Premiere am Sonntag spricht Schauspieler Thomas Wehling, der seine Weggefährten auf einer Ruhebank abholt, die Elegie – bei einem Gang über den Friedhof: „Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings/Aufgegangen ist das Tal...“ Zuhören lohnt. Nachlesen (später im Programmheft) auch.

Spaziergang von 40 Minuten

Gut 40 Minuten dauert der Spaziergang, im Zehn-Minuten-Abstand werden die Lyrik-Wanderer weiterverwiesen – von „Führungspersonal“, an roten Koffern kenntlich. Dass diese Reise „ins Offene“ nicht nur ein Nostalgie-Trip ist, sondern einen Bezug zum Heute hat, machen auch die Handy-Anrufe auf der Strecke deutlich: Poetische Reime („Ach Liebste, lass uns eilen...“) werden auf diesem Wege überbracht.

Schauspieler Doga Gürer taucht gleich zu Beginn auf einem überwucherten Grundstück auf und lädt mit großen Enthusiasmus dazu ein, die Natur zu genießen – mitten im Verkehrslärm zwischen OWD und Artur-Ladebeck-Straße. Aber trotzdem.

Handyläuten – und dann Johann Wolfgang von Goethes Sehnsuchts-Gedicht (gerade jetzt!) über das „Land, wo die Zitronen blühn/im dunkeln Laub die Goldorangen glühn...“ Kjell Brutscheidt, Mitglied des spartenübergreifenden Bielefelder Studios, steht unter einem Brückenpfeiler, um die letzte Strophe zu sprechen: „Dahin, dahin/Geht unser Weg. O Vater, lass uns ziehn!“ Simon Heinle gibt dann den klassischen Wandergesell’: Blümchen im Knopfloch, Wanderstock, Bündel. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ von Joseph von Eichendorff ist sein Text und es gelingt ihm, auf der Fußgängerbrücke hoch über dem OWD schwärmerisch die Bächlein springen und die Lerchen schwirren zu lassen. Verabschiedet wird der jeweilige Spaziergänger immer mit einem „Gute Reise!“

Tänzerin Elvira Zuniga Porras spricht und spielt mit dem Koffer in der Hand eindringlich das Gedicht „Dazwischen“ von Alev Tekinay, das von unwiderstehlichem Heimweh und der neuen Heimat erzählt. Lena Paetsch (Studio Bielefeld) ist nur von Ferne zu sehen, übers Handy zu hören, bevor Thomas Wehling als Ablösung kommt. Er ist Begleiter bis zur letzten Station, der Kapelle. Dort gilt es nicht nur, Abstand zu halten, auch Mundschutz ist Pflicht. Dusica Bijelic und Daniel Pataky, am Klavier begleitet von Adam Laslett, sorgen für einen Ausklang nach Noten unter anderem mit Liedern von Franz Schubert („Das Wandern ist des Müllers Lust“), Hugo Wolf („Kennst Du das Land“) und Richard Strauss.

Terminübersicht

Gute Reise! Weitere Termine sind am 11., 14., 18., 21., 25. und 28. Juni jeweils ab 18.30 Uhr im Zehn-Minuten-Abstand bis 21.30 Uhr (nur bei trockenem Wetter). Die Abende werden mit wechselnder künstlerischer Besetzung (und wechselnden Gedichten) gestaltet. Karten sind jeweils zwei Werktage vor der Veranstaltung online buchbar unter www.theater-bielefeld.de .

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