4132 tote Vögel aus NRW gemeldet – 22 Prozent Bestandsverlust?
Blaumeisen-Sterben ebbt ab

Düsseldorf (WB). Das Blaumeisen-Sterben in NRW hat seinen Höhepunkt überschritten. „Es gehen kaum noch Meldungen ein”, sagt der stellvertretende NABU-Landesvorsitzende Heinz Kowalski. Allerdings hat die Krankheit den Bestand deutlich dezimiert.

Mittwoch, 03.06.2020, 02:52 Uhr aktualisiert: 03.06.2020, 05:01 Uhr
Eine infizierte Blaumeise sitzt reglos an einer Futterstelle. Sie ist aufgeplustert, und ihre Augen sind geschlossen. Foto: Christian Althoff

Ursache des Sterbens soll das Bakterium Suttonella ornithocola sein. Heinz Kowalski: „Die Blaumeisen fangen es sich durch eine Tröpfcheninfektion ein und sterben schließlich an einer Lungenentzündung.” Typische Symptome kranker Tiere: Sie sind regungslos, aufgeplustert und fliegen nicht weg, wenn sich Menschen nähern. „Oft sind auch die Augen verklebt, und die Blaumeisen machen einen apathischen Eindruck.”

Die Karte mit Stand vom Mai zeigt die Sichtungen toter Blaumeisen pro 100.000 Einwohner. Karte: Bernhard-Noch-Institut/Lühken

Die Karte mit Stand vom Mai zeigt die Sichtungen toter Blaumeisen pro 100.000 Einwohner. Karte: Bernhard-Noch-Institut/Lühken

Die ersten Meldungen von Vogelfreunden und Gartenbesitzern gingen im Februar ein, wobei die meisten Fälle aus NRW und Rheinland-Pfalz gemeldet wurden. „Im Osten Deutschlands gibt es dagegen nur wenig Sichtungen.” Das zeigt auch eine Deutschlandkarte, die Dr. Renke Lühken vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg veröffentlicht hat, bei dem die Zahlen des NABU zusammenlaufen. „Die Karte bildet die Meldungen pro 100.000 Einwohner ab. Aus Nordrhein-Westfalen lagen uns bis zum 5. Mai Berichte über insgesamt 4132 tote Blaumeisen vor.”

Heinz Kowalski sagt, Futterstellen seien Orte, an denen das Bakterium leicht übertragen werden könne. „Wer dort kranke Vögel beobachtet, sollte das Vogelhäuschen entfernen, säubern und für einige Zeit nicht wieder aufstellen.” Ohnehin sei es unter Ornithologen umstritten, ob eine Fütterung über den Winter hinaus sinnvoll sei. „Es gibt für beide Meinungen Argumente.” Allerdings sollten Vogelfreunde außerhalb des Winters zum Beispiel keine Sonnenblumenkerne anbieten. „Meisen, die zum ersten Mal Nachwuchs haben, sind noch unerfahren. Sie füttern ihren Jungen die Sonnenblumenkerne, und die gehen daran elendig zugrunde, weil sie sie nicht verdauen können.” Das könne man auch im Moment wieder beobachten.

Dass das Blaumeisensterben wieder abebbe, sei zu erwarten gewesen, sagt der NABU-Vizevorsitzende. „Das kennen wir von anderen Infektionen. Das war auch beim Amselsterben 2018 und 2019 so.” Dass bestimmte Vögel von Krankheitserregern heimgesucht würden, werde seit Mitte der 90er Jahre beobachtet.

19.500 Verdachtsmeldungen

Etwa 19.500 Verdachtsmeldungen zu insgesamt 36.000 toten Blaumeisen sind bundesweit bis zum 14. Mai beim NABU eingegangen. Bei der „Stunde der Gartenvögel” am 10. Mai, der großen Vogelzählung in Deutschland , war der NABU deshalb besonders auf die Blaumeisen-Zahlen gespannt. Bundesweit wurden pro Garten 22 Prozent weniger Blaumeisen gemeldet als im Vorjahr. Statt 2,16 Blaumeisen pro Meldung waren es in diesmal nur noch 1,66 – der mit Abstand niedrigste Wert seit Beginn der Vogelzählung vor 15 Jahren.

Um herauszufinden, ob der Rückgang auf die Epidemie zurückzuführen ist, verglichen Ornithologen des NABU für jeden Landkreis die Veränderungen der Blaumeisenzahlen zwischen 2019 und 2020 mit der Zahl der Meldungen kranker Meisen. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang: Je mehr Berichte toter Meisen es aus einem Landkreis gab, umso weniger Vögel wurden dort gezählt. Der NABU geht deshalb davon aus, dass zumindest ein Teil des Rückgangs gegenüber dem Vorjahr direkt auf das Blaumeisen-Sterben zurückzuführen ist.

Der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDV) in Münster schätzt in seinem letzten Bericht zur Lage der Vogelwelt den Blaumeisenbestand in Deutschland auf 3,25 bis 4,8 Millionen. Ein Rückgang um 22 Prozent, wie ihn die aktuelle Vogelzählung befürchten lässt, bedeutete einen Verlust zwischen 720.000 und 1,06 Millionen Blaumeisen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7433356?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Krisenstab mietet Wohnsiedlung für positiv getestete Tönnies-Mitarbeiter an
Symbolbild. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker