Die Vor- und Nachteile der vier Methoden, die Corona-Patienten helfen sollen
Beatmen – wie geht das eigentlich?

Bielefeld (WB). In Nordrhein-Westfalen sind aktuell 134 Corona-Patienten so krank, dass sie beatmet werden müssen. Die Zahl der freien Intensivbetten zu erhöhen, neben denen ein Beatmungsgerät steht – das war in den vergangenen Wochen Aufgabe aller Krankenhäuser, um bei einer Corona-Welle ein Massensterben wie in Italien, Spanien oder Frankreich zu verhindern. Heute ist NRW gut aufgestellt: Es gibt im Moment mehr als 1700 solcher freien Betten.

Mittwoch, 20.05.2020, 03:04 Uhr aktualisiert: 20.05.2020, 05:40 Uhr
Beatmung ist nicht gleich Beatmung: Je nach schwere der Erkrankung gibt es vier Möglichkeiten. Foto: Christian Althoff

Aber was bedeutet Beatmen eigentlich? „Ein gesunder, 70 Kilogramm schwerer Mensch atmet pro Minute zehn bis 15 Mal ein und aus und bewegt dabei etwa fünf bis acht Liter Luft – je nachdem, was er gerade tut“, sagt der Anästhesist und Notfallmediziner Dr. Carsten Obermann, Oberarzt am Klinikum Bielefeld.

Atmen funktioniere, indem das Zwerchfell und die Zwischenrippenmuskeln den Brustraum vergrößerten. „Dabei geht die Lunge auseinander. Sie hat also plötzlich mehr Volumen, und durch die Nase strömt Luft ein, um diesen Platz zu füllen.“ Die Luft gelange in die sogenannten Lungenbläschen, die von Blutgefäßen umgeben seien, und der Sauerstoff wandere durch die Wände der Bläschen ins Blut. „Das verteilt ihn dann im Körper.“

Coronavirus stört natürlichen Atemprozess

Krankheiten wie Lungenentzündungen oder auch das Coronavirus können diesen Ablauf stören. „Wenn viele Lungenbläschen entzündet oder verschleimt sind, nimmt die wirksame Fläche der Lunge ab, und aus der einströmenden Luft kann nicht mehr genügend Sauerstoff gewonnen werden.”

Je nach Schwere des Lungenschadens haben die Ärzte mehrere Möglichkeiten, den Patienten mit Luft zu unterstützen. Das soll ihm nicht nur genügend Sauerstoff zuführen und die Atemnot nehmen (dieses Gefühl kann zudem mit Medikamenten unterdrückt werden). Es soll auch die Lunge entlasten, damit sie sich besser erholen kann.

Methode 1: Mund-Nasen-Maske

„In leichteren Fällen versuchen wir es zuerst mit einer nicht-invasiven Beatmung”, sagt der Oberarzt. Dabei wird dem Patienten eine Mund-Nasen-Maske aufgesetzt, die an eine Maske zur Schnarchtherapie erinnert. Durch sie wird dem Kranken ein Gemisch aus Umgebungsluft und reinem Sauerstoff mit leichtem Überdruck zur Verfügung gestellt.

„Normale Luft enthält 21 Prozent Sauerstoff. Dadurch, dass wir diesen Anteil auf 30 bis 40 Prozent erhöhen, können wir einen Teil der nicht funktionierenden Lungenbläschen kompensieren.“ Und der leicht erhöhte Druck (bis zu 30 Millibar, ein Autoreifen hat etwa 2000 Millibar) entlastet die Atemmuskulatur.

Diese nicht-invasive Beatmung hat allerdings den Nachteil, dass – wie bei jedem gesunden Menschen auch – aufgestoßene Magensäure oder auch Essensbestandteile in die Luftröhre gelangen können und im schlimmsten Fall die Lunge weiter schädigen.

Methode 2: Tubus

Muss ein Patient länger beatmet werden, stellen die Ärzte deshalb auf die invasive Beatmung um. Dr. Obermann: „Dabei führen wir einen Schlauch, den sogenannten Tubus, durch den Mund in die Luftröhre, und zwar bis unter den Kehlkopf.“ Der Schlauch wird ringsherum zur Luftröhre mit einem aufblasbaren Polster abgedichtet, so dass keine Fremdstoffe in die Lunge gelangen können.

Invasiv beatmet werden Patienten mit so einem etwa ein Zentimeter dicken Schlauch durch den Mund

Invasiv beatmet werden Patienten mit so einem etwa ein Zentimeter dicken Schlauch durch den Mund Foto: Christian Althoff

Ein Nachteil dieser Beatmung ist, dass der Patient wegen des Schlauchs, der aus dem Mund kommt, nichts mehr essen kann und in der Regel durch eine Magensonde ernährt wird.

Der Vorteil ist, dass die Sauerstoffkonzentration und der Druck viel feinfühliger eingestellt werden können als mit der Atemmaske, und das ist wichtig. Dr. Obermann: „Wir Menschen sind an 21 Prozent Sauerstoffgehalt in der Luft gewöhnt. Ist der Gehalt auf Dauer erheblich höher, finden in der Lunge chemische Prozesse statt, die die Bläschen angreifen. Auch zu hoher Druck kann Schäden anrichten und Bläschen platzen lassen. Künstliche Beatmung bedeutet also immer, den Mittelweg zu finden. Dem Körper möglichst ausreichend Sauerstoff zu geben und ihn möglichst wenig zu schädigen.” Das erfordere viel Erfahrung und eine intensive Beobachtung des Patienten. „Die Werte müssen immer wieder an seinen Zustand angepasst werden.”

Methode 3: Luftröhrenschnitt

Wird ein Patient Wochen oder Monate so beatmet, kann es durch den Schlauch zu Druckgeschwüren, Entzündungen und Blutungen im Rachen kommen. Dann wechseln die Ärzte zur Tracheotomie – dem Luftröhrenschnitt. Bei dieser kleinen Operation wird eine Beatmungskanüle durch einen Schnitt unterhalb des Kehlkopfs in die Luftröhre eingeführt und in der Luftröhre nach oben abgedichtet. Nun kann wieder von der Sondenernährung auf normales Essen umgestellt werden.

Die invasive Beatmung ist auch durch einen kleinen Schnitt in der Luftröhre möglich, durch den diese Kanüle gesteckt wird.

Die invasive Beatmung ist auch durch einen kleinen Schnitt in der Luftröhre möglich, durch den diese Kanüle gesteckt wird. Foto: Christian Althoff

Bei beiden invasiven Beatmungstechniken besteht das Risiko, dass trotz aller Vorsicht mit dem Luft-Sauerstoff-Gemisch auch Krankheitserreger in die Lunge gelangen. „Bei gesunden Menschen ist die Nase eine gute Barriere, die vieles zurückhält”, sagt Dr. Obermann. „Dieser natürliche Filter fehlt bei der künstlichen Beatmung.”

Methode 4: ECMO

In Extremfällen wie bei einigen Corona-Patienten kann die Lunge allerdings so schwer geschädigt sein, dass das Atmen irgendwann trotz der maschinellen Hilfe nicht mehr funktioniert. Dann können die Ärzte nur noch versuchen, den Menschen mit einer Art künstlicher Lunge zu retten. Extrakorporale Membranoxygenierung heißt das Verfahren, kurz ECMO genannt. Längst nicht jedes Krankenhaus hat die dafür notwendigen Geräte, die die Größe einer Mikrowelle haben.

ECMO heißt dieses Gerät, das Oberarzt Dr. Carsten Obermann zeigt und das bei Todkranken die Funktion der Lunge übernimmt.

ECMO heißt dieses Gerät, das Oberarzt Dr. Carsten Obermann zeigt und das bei Todkranken die Funktion der Lunge übernimmt. Foto: Christian Althoff

Dr. Obermann: „Wir verbinden das Gerät über Schläuche mit der Halsvene und der Beinvene. Das Blut wird dann durch die Maschine geleitet und darin mit Sauerstoff angereichert.“ Patienten können über Wochen an so einer Maschine liegen. Im NRW-Herzzentrum Bad Oeynhausen hilft man damit sogar Neugeborenen mit Lungenschäden über die erste Zeit.

Dr. Obermann: „Während eine künstliche Beatmung immer auch Stress für die kranke Lunge bedeutet, verhilft die ECMO der Lunge zu einer Ruhepause, in der sie sich, so hoffen wir, regeneriert.“

Das Verfahren wird allerdings nur als letzter Versuch einer Lebensrettung angewandt, denn auch die ECMO birgt Risiken: In der Maschine können sich Blutgerinnsel bilden, die zu einer Lungenembolie, einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt führen können – je nachdem, wo das Gerinnsel ein Blutgefäß blockiert. Immerhin: Fast jeder zweite Todkranke erholt sich an der ECMO und überlebt.

Kommentare

I. Buche  wrote: 20.05.2020 16:25
Hallo Herr Althoff!
Danke für diesen Artikel. Das ist Information pur und verständlich.

Herzliche Grüße


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