Andauernde Trockenheit und Käferplage setzen den Bäumen auch in diesem Jahr zu
Der Wald leidet

Bielefeld (WB). Vieles war dicht, aber in die freie Natur durften die Bielefelder in den vergangenen Wochen. Viele haben dabei den Wald wieder entdeckt. Und manche Spaziergänger waren erschrocken: Selbst Laien erkennen Schäden an Bäumen und große vertrocknete Bereiche. Erhard Oehle ist seit 37 Jahren Revierförster in Bielefeld. Auch er stellt gravierende Veränderungen fest. Der 65-Jährige prophezeit: „Wir werden unseren Wald nicht wiedererkennen.“

Dienstag, 19.05.2020, 09:00 Uhr
Revierförster Erhard Oehle (links) und Ranger Aaron Gellern schauen über den Südhang des Teutoburger Waldes. Der Boden ist knochentrocken. In der Ferne sind Streifen vertrockneter Fichten und lichter Buchen zu erkennen. Foto: Bernhard Pierel

Denn es gehe dem Wald nicht gut, sagt Oehle. Was Fichten, Kiefern, Buchen oder Eichen zusetzt, zeigt er vor Ort, beispielhaft am Südhang des Teutoburger Waldes zwischen Eisernem Anton und Habichtshöhe. Dort ist ein Einschlag von 35 bis 40 Hektar Fläche, pro Hektar wuchsen hier 150 bis 200 Fichten. Der Borkenkäfer hat den 60 bis 100 Jahre alten Bäumen den Garaus gemacht, für einen Waldbesitzer bedeutet das einen enormen Verlust. Tausende Festmeter Holz müssen aus dem Wald geholt werden – und zwar schnell.

Extreme Trockenheit und Wassermangel

Anderenfalls werden Sonne und Trockenheit dafür sorgen, dass das Holz nur noch für Spanplatten taugt. Wichtig ist der Abtransport der gefällten Bäume aber auch, damit sich die Borkenkäfer unter der Rinde nicht noch weiter verbreiten. „Die Lage ist schwierig“, konstatiert Oehle.

Vor gut zwei Jahren nahm die Entwicklung mit dem Sturmtief Friederike ihren Anfang. Danach folgten zwei sehr trockene Sommer. Und auch für dieses Jahr erwartet Oehle wieder extreme Trockenheit und Wassermangel. Dem Borkenkäfer kommt das zupass, die Bäume dürsten. Zudem hat es im Winter viel zu wenig Niederschläge gegeben. „Es hätte über Wochen durchregnen müssen.“

Unter der Rinde tummelt sich der Borkenkäfer, zeigen Aaron Gellern (links) und Erhard Oehle.

Unter der Rinde tummelt sich der Borkenkäfer, zeigen Aaron Gellern (links) und Erhard Oehle. Foto: Pierel

Der Profi sieht, dass es längst nicht nur die Fichten sind, die leiden. „Die Blätter der Buchen sind zum Beispiel seit Jahren nur bedingt gut ausgeformt, die Kronen der Buchen sind licht.“ Früher habe man beim Blick von unten in die Kronen keinen Himmel sehen können, heute bildet das Blattwerk kaum noch einen geschlossenen Schirm.

Bielefeld-spezifisch, sagt Oehle, sei das nicht: „Überall gibt es abgängige Waldflächen. Das macht uns Förstern enorme Sorgen.“ Auch die Kiefern, in der Senne heimisch und auf den Kammlagen des Hermannsweges durchaus standortgerecht gesetzt, werden weniger. „Und ganze Lärchenkomplexe sind tot.“ Das gilt auch für einige Hektar Esche: Ein Pilz, das „Eschentriebsterben“, richtet sie zugrunde. „Da kann man nichts machen.“

Der milde Winter begünstigte Schädlinge

Dass die Eichen unter dem Eichenprozessionsspinner leiden, ist längst bekannt. Die Härchen der Raupen sind toxisch und verbreiten sich in der Luft. Sie lösen auf der Haut allergische Reaktionen aus und reizen, wenn sie eingeatmet werden, die Lunge. „Im vergangenen Jahr hatten wir in Bielefeld ein oder zwei Fälle. Das einzige, was hilft, ist das Absammeln der Raupen durch Spezialfirmen unter Vollschutz.“ Der milde Winter begünstigte auch den Eichenprozessionsspinner. „Wir müssen beobachten, welche Käfer und Pilze sich im Gesamtszenario entwickeln“, sagt Oehle.

Immerhin, gesteht er zu, benötigten manche Tiere durchaus auch Freischläge, wie sie jetzt etwa entlang des Kammweges zu sehen sind und durchaus weite Blicke in die Landschaft ermöglichen. Alles in allem aber, sagt Erhard Oehle, sei der Schaden immens – auch für die Waldbauern. Immerhin 60 Prozent des Bielefelder Waldes seien Privatbesitz, die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei zehn Hektar.

Wie man dem Baumsterben begegnen und mit welchen Bäumen wieder aufgeforstet werden könne, ist für den Förster allerdings noch kein Thema. „Wir arbeiten seit 2018 unter Volllast. Zur Zeit agieren wir wie die Feuerwehr: Wir sind noch im Löschvorgang.“

Denkbar sei natürlich etwa mit Eichen, die sehr tief wurzeln und sich Wasser holen können, aufzuforsten. „Aber so etwas kostet pro Hektar 80.000 bis 100.000 Euro.“ Eine Investition, von der frühestens die Enkel etwas haben. Immer wieder im Gespräch sind auch Douglasien, die mit der Trockenheit besser zurechtzukommen scheinen.

Verjüngung von Natur aus

Eine Chance sieht Oehle darin, die Wälder zu strukturieren und unten Aussamungen heranwachsen und darüber altersgestaffelt verschiedene Bäume stehen zu lassen. „Immerhin gibt es in Bielefeld 17 verschiedene Wirtschaftsbaumarten.“ Eine Verjüngung von Natur aus durch die Zeit zu bringen, verlange aber auch, die junge Pflanzen vor Verbiss zu schützen. „Die Wildbestandsfrage ist nicht gelöst“, sagt Oehle trocken. Der eine oder andere Waldbesitzer habe daher bereits begonnen, Neuanpflanzungen einzuzäunen.

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