Prozess in Bielefeld wegen versuchten Mordes: Mutmaßlicher Brandstifter weist Schuld von sich „Mein Bruder ist ein Teufel“

Bielefeld (WB). Einer der dramatischsten Feuerwehreinsätze des vergangenen Jahres in Bielefeld wird seit diesem Montag vor einem Schwurgericht verhandelt. Die Staatsanwaltschaft wirft einem Jordanier (47) fünffachen versuchten Mord an seinen Nachbarn vor. Der Angeklagte streitet vor den Richtern der 10. Großen Strafkammer alles ab und weist seinem Bruder die Schuld zu.

Von Jens Heinze
Nachdem der mutmaßliche Brandstifter von zwei Justizwachtmeistern in den großen Schwurgerichtssaal geführt wurde, hält sich der Angeklagte vor Prozessauftakt einen Aktendeckel vor das Gesicht. Neben ihm sitzt sein Verteidiger Claas Schmitz.
Nachdem der mutmaßliche Brandstifter von zwei Justizwachtmeistern in den großen Schwurgerichtssaal geführt wurde, hält sich der Angeklagte vor Prozessauftakt einen Aktendeckel vor das Gesicht. Neben ihm sitzt sein Verteidiger Claas Schmitz. Foto: Thomas F. Starke

Staatsanwalt Christopher York fasste das Geschehen vom 21. Oktober vergangenen Jahres gegen 11.50 Uhr in der Anklage wie folgt zusammen. Der Bielefelder Sozialhilfeempfänger soll in seiner Wohnung im ersten Obergeschoss eines Sechs-Parteien-Hauses am Moenkamp in Altenhagen erst in allen Wohnräumen Feuer gelegt haben. Dann soll der Mann in den Keller gelaufen sein und dort dreimal gezündelt haben. Damit die Brandstiftung nicht sofort auffiel, soll der Angeklagte in seiner Wohnung die Rauchmelder demontiert haben.

Nachbarn mit Kindern eingeschlossen

Fünf Nachbarn, darunter ein Kleinkind und eine Jugendliche, waren nach Brandausbruch in ihren Wohnungen im zweiten Obergeschoss des dreistöckigen Gebäudes hilflos eingeschlossen. Rauch und Qualm im Treppenhaus versperrten den Menschen den Fluchtweg. Das ältere der beiden Kinder erlitt beim vergeblichen Fluchtversuch eine Rauchgasvergiftung und wurde stationär im Krankenhaus behandelt. Die vier Nachbarn aus dem Erdgeschoss rannten über ihre Terrassen aus den Wohnungen.

Die Feuerwehr war stundenlang im Einsatz, um die eingeschlossenen Nachbarn zu retten und die verschiedenen Brandherde im Mehrfamilienhaus zu löschen. Der vom Brandstifter angerichtete Schaden war immens. Staatsanwalt York nannte eine Summe von mehr als 127.130 Euro.

Drei verschiedene Namen

Zum Prozessauftakt vor dem Schwurgericht wies der Angeklagte alle Schuld von sich. Er sei bei Brandausbruch gar nicht zu Hause gewesen, sagte der den deutschen Asylbehörden unter drei verschiedenen Namen bekannte Jordanier. Als der Löscheinsatz der Feuerwehr am Moenkamp in Altenhagen begann, sei er an einem Supermarkt gewesen, um dort Altkleider zu entsorgen. „Dann haben sie mich festgenommen“, berichtete der 47-Jährige von seiner Rückkehr nach Hause.

Der Brandstifter sei vielmehr sein Bruder, sagte der Angeklagte. Dieser Mann besitze ebenfalls die Schlüssel zu seiner Wohnung und zu seinem Keller im Altenhagener Sechs-Parteien-Haus. „Mein Bruder ist ein Teufel. Er mag mich nicht und ich ihn auch nicht“, behauptete der Jordanier, sich unmittelbar vor dem Brand in Altenhagen mit dem engen Angehörigen heftig gestritten zu haben.

Verstörendes Profilfoto

Nach Meinung der Staatsanwaltschaft sind das alles Schutzbehauptungen des Angeklagten. Das Leben des 47-Jährigen habe im Herbst vergangenen Jahres in Trümmern gelegen. Seine schwangere Ehefrau habe ihn mit drei Kindern im Juli 2019 verlassen. Weil der Jordanier fortan alleine in der großen Wohnung lebte, wollte das Sozialamt die Miete nicht mehr zahlen. Der Asylbewerber war angewiesen, nach zehn Jahren aus dem Mehrfamilienhaus auszuziehen. Offenbar war der Streit mit dem Bruder um ein neues Mobiltelefon der Tropfen, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte.

Für Verstörung zum Prozessauftakt sorgte ein Foto, das Vorsitzender Richter Christoph Meiring auf einem Großbildschirm im Gerichtssaal zeigte. Dass Profilbild des Angeklagten beim Kurznachrichtendienst WhatsApp war der schwarzen Flagge der Terrororganisation Islamischer Saat (IS) nachempfunden. „Ich habe keine Wünsche mehr außer den Tod“ las ein Übersetzer die weißen arabischen Schriftzeichen auf schwarzem Grund vor.

Der Prozess gegen den Jordanier ist zunächst auf vier Verhandlungstage ausgelegt. Das Urteil wird für den 26. Mai erwartet.

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