Sigurd Prinz wird 90 Jahre alt und ist in der TV-Doku „Die Kinder des Krieges“ zu sehen Ergreifender Zeitzeugenbericht

Bielefeld (WB). „Eigentlich denke ich nicht gerne an diese Zeit zurück“, sagt Sigurd Prinz. Für die ARD-Dokumentation „Die Kinder des Krieges“ hat der Bielefelder dann doch eine Ausnahme gemacht. An diesem Montag, 20.15 Uhr, berichtet Prinz in der Zeitzeugen-Sendung, wie er als 14-Jähriger in Hildesheim die letzten Kriegstage erlebte. Zwei Tage später, am 6. Mai, wird er 90 Jahre alt.

Von Uta Jostwerner
Sigurd Prinz ist an diesem Montag in der ARD-Dokumentation „Die Kinder des Krieges“ zu erleben.
Sigurd Prinz ist an diesem Montag in der ARD-Dokumentation „Die Kinder des Krieges“ zu erleben. Foto: Bernhard Pierel

„Die haben händeringend nach Zeitzeugen gesucht, die zum Kriegsende etwa 15 Jahre alt waren. Auf mich sind sie gekommen, weil ich vor vielen Jahren einmal einen Protestbrief an die Hildesheimer Zeitung geschrieben hatte, der dann auch abgedruckt wurde“, erzählt Sigurd Prinz. Darin beanstandet der Briefeschreiber, der in Hildesheim aufgewachsen war, die lückenhafte Berichterstattung bezüglich der Kongregation der Barmherzigen Schwestern des Heiligen Vinzenz von Paul. „In dem Bericht stand kein Wort darüber, dass dort vorübergehend 500 KZ-Häftlinge einquartiert worden waren, die am Bahnhof Zwangsarbeit leisten mussten“, beklagt der Augenzeuge.

Sechs Nächte auf der Straße geschlafen

Sigurd Prinz, der zu dieser Zeit mit seinen Eltern nebenan in der Stadthalle lebte , erinnert sich noch gut an den Tag, als die Häftlinge kamen. „Man hörte sie lange bevor man sie sah. Das schlürfende rhythmische Geräusch, das ihre Holzpantinen auf den Pflastersteinen machten, war das schlimmste, das ich je in meinem Leben gehört hatte. Sie waren zu schwach, ihre Füße zu heben“, erzählt der Ehrenvorsitzende des Förderkreises der Kunsthalle.

Am 22. März legt Bombenhagel die Stadt zu drei Vierteln in Schutt und Asche. Mehr als 1000 Menschen verlieren ihr Leben. „Vorher waren die Flugzeuge immer über uns hinweggeflogen, deswegen hatten wir Fliegeralarm gar nicht mehr ernst genommen“, so der Zeitzeuge. Doch in den letzten Kriegstagen werfen die Bomber ihre tödliche Fracht auch über Hildesheim ab. „Ich war mit meiner Mutter im Keller. Das ganze Haus hat gezittert“, berichtet Sigurd Prinz.

Die Familie kämpft sich durch mehrere Schuttschichten ins Freie und trägt verbliebene Möbel auf die Straße. „Wir haben dann sechs Nächte in unseren Möbeln auf der Straße geschlafen. Zum Glück hatten wir herrliches Wetter. Es gibt noch ein Foto, darauf sieht man meinen Freund und mich inmitten unserer Möbel“, erzählt Prinz im Fernseh-Interview.

Mit 14 Jahren Zeuge einer Massenhinrichtung

Mit seinem Freund durchstreift der 14-Jährige die zerbombte Stadt und wird Zeuge einer Massenhinrichtung. 30 italienische Zwangsarbeiter werden auf einem öffentlichen Platz gehängt. Sie wurden bezichtigt, angebrannte Lebensmittelkonserven an sich genommen zu haben. „Einer hatte die Hände zum Gebet gefaltet. Die hat ihm ein SS-Mann von unten mit den Stiefeln weggetreten. Das war schrecklich“, erzählt Sigurd Prinz sichtlich betroffen.

Vier Stunden lang stand er im Februar in einem Potsdamer Studio einem Fernsehteam Rede und Antwort. In der Dokumentation kommt er neben zahlreichen anderen Zeitzeugen dann nur in wenigen Minuten zu Wort. Separat dazu ist in der ARD-Mediathek ein weiterer Bericht von zehn Minuten Länge mit Sigurd Prinz zu sehen.

Der macht nach dem Krieg eine Zimmererlehre, studiert Ingenieurwesen in Braunschweig und wird Statiker. 1956 führt ihn eine Arbeitsstelle nach Bielefeld. „Ursprünglich wollte ich nur ein paar Jahre bleiben“, sagt Prinz, der 1959 zusammen mit Erwin Walle die Firma „Beratende Ingenieure für das Bauwesen“ (heute Prinz & Pott GmbH) gründete und sich dauerhaft in Bielefeld niederließ. Als Ingenieur hat Sigurd Prinz zahlreiche öffentliche Bauten in Bielefeld mitbetreut, war etwa an der Sanierung des Stadttheaters beteiligt und betreute den Bau des 360 Grad-Hochhauses am Adenauerplatz. Besonders stolz ist er darauf, mit zum Erhalt der Ravensberger Spinnerei beigetragen zu haben. Abrissbefürworter stellten die Standsicherheit damals in Zweifel. Prinz erbrachte den Beweis, dass das Gebäude durch und durch stabil ist.

Um den Föderkreis der Kunsthalle verdient gemacht

„Ich bin mittlerweile ein Bielefelder“, sagt Prinz, der weit über sein berufliches Umfeld hinaus ehrenamtlich in die Stadt hinein wirkte: Etwa als Vorsitzender des Beirates für Stadtgestaltung oder des Kunstvereins. Große Verdienste erwarb sich Prinz als Vorsitzender des Förderkreises der Kunsthalle. „Als ich im Jahr 2000 den Vorsitz übernahm, hatten wir 112 Mitglieder. Als ich den Vorsitz abgab, waren es 1200 Mitglieder“, berichtet Prinz, der es schaffte, einen Kurswechsel einzuleiten und einen ehemals elitären Zirkel zu einem Freundeskreis für alle zu machen.

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