Rund 300.000 Arbeitnehmer betroffen – „Zehn Mal mehr als in der Finanzkrise“ Rekord bei Kurzarbeit in OWL

Bielefeld/Düsseldorf (WB). Die Corona-Krise hat die Kurzarbeit in Ostwestfalen-Lippe auf einen neuen Höchststand getrieben. Wie der Leiter der Arbeitsagentur Bielefeld/Gütersloh, Thomas Richter, am Donnerstag sagte, zeigten in OWL im März und April gut 19.000 Unternehmen für rund 300.000 der 850.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine Verringerung der regulären Arbeitszeit an.

Von Paul Edgar Fels
Die Agentur für Arbeit Bielefeld bearbeitet die Anträge für die gesamte Region OWL und den Bezirk Meschede-Soest.
Die Agentur für Arbeit Bielefeld bearbeitet die Anträge für die gesamte Region OWL und den Bezirk Meschede-Soest. Foto: dpa

„Damit sind im Vergleich zur Finanzkrise 2009/2010 mehr als zehnmal soviele Betriebe und Menschen betroffen“, machte Richter das Ausmaß der Situation am Arbeitsmarkt deutlich. In vielen Betrieben gebe es einen Arbeitsausfall von 50 Prozent, „in nicht wenigen“ von 100 Prozent, so Richter.

Die Flut der Anträge bearbeitet die Agentur in Bielefeld für die gesamte Region OWL sowie für den Bezirk Meschede-Soest mit einem von 30 auf 150 Personen aufgestockten Team – von sechs bis 22 Uhr werktags sowie zusätzlich an drei von vier Samstagen. Etwa die Hälfte der Betriebe habe ihr Geld schon bekommen.

Gastgewerbe ist der Hauptverlierer

Richter zufolge hat in der Region rund jedes dritte Unternehmen Kurzarbeit angezeigt. Beim Blick auf die Kreise gibt es gleichwohl Unterschiede: Im Kreis Höxter hat fast jedes zweite Unternehmen (44,5 Prozent) Kurzarbeit angezeigt. Bei über 40 Prozent liegen auch die Kreise Herford (41,9) und Paderborn (40,9). Was die Branchen angeht, gibt es einen Hauptverlierer: das Gastgewerbe.

Deutschlandweit haben 751.000 Unternehmen für 10,14 Millionen Menschen Kurzarbeit angemeldet. Weit mehr, als Volkswirte prognostiziert hatten. Die Schätzungen der Experten hatten zwischen drei und sieben Millionen Menschen gelegen. Der bisherige Rekordwert der Bundesagentur für Arbeit für dieses arbeitsmarktpolitische Instrument stammt aus dem Mai 2009. Damals waren 1,44 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Im gesamten Krisenjahr 2009 waren 3,3 Millionen Anzeigen für Kurzarbeit bei der Bundesagentur eingegangen.

Die Kurzarbeit dient dazu, Arbeitnehmer mit staatlicher Hilfe im Job zu belassen und Entlassungen zu vermeiden. Das kostet viel Geld. Die Bundesagentur für Arbeit hat für das laufende Jahr Rücklagen von 26 Milliarden Euro gebildet. Ob dieses dicke Finanzpolster womöglich nicht reichen wird, hängst von der weiteren Entwicklung rund um die Corona-Krise ab.

Höhere Arbeitslosenzahlen sind saisonuntypisch

Trotz der extrem hohen Zahl von Anzeigen für Kurzarbeit stieg auch die Zahl der Arbeitslosen im April saisonuntypisch an. In OWL sind 68.400 Personen ohne Job gemeldet – im Vergleich zum März ein Plus von 11,3 Prozent oder knapp 7000 Personen. Im April des Vorjahres waren noch 19,3 Prozent oder gut 11.000 Menschen weniger ohne Arbeit registriert. „Wir nähern uns wieder der Marke von 70.000“, sagte Richter. „Ich will nicht ausschließen, dass wir Ende des Jahres bei über 80.000 Arbeitslosen liegen.“ Insgesamt hat Ostwestfalen-Lippe eine Arbeitslosenquote von 6,0 Prozent, in Bielefeld liegt sie bereits bei 8,4 Prozent. Die günstigste Arbeitslosenquote in OWL weisen die Kreis Höxter (4,4 Prozent) und Gütersloh (4,6 Prozent) auf.

In Nordrhein-Westfalen ist die Situation ähnlich. Hier stieg die Arbeitslosenzahl um fast elf Prozent auf mehr als 718.000 Menschen. Gleichzeitig erreichte die Kurzarbeit infolge der Pandemie Rekordniveau. Seit Anfang März meldeten fast 152.000 Betriebe in NRW Pläne an, möglicherweise mehr als 2,1 Millionen Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken.

Der April habe damit in NRW den stärksten Anstieg der Arbeitslosigkeit innerhalb eines Monats seit dem Februar 2005 gebracht, sagte der Chef der Regionaldirektion NRW, Torsten Withake. Dennoch sei das Land nach wie vor weit entfernt von den hohen Arbeitslosenzahlen der Jahre 2005 bis 2010. Dies sei nicht zuletzt der Kurzarbeit zu verdanken. „Wir haben mit Kurzarbeit für über zwei Millionen Menschen das Thema Arbeitslosigkeit vermieden. Das ist eine wirklich gute Nachricht in dieser schwierigen Situation“, sagte Withake.

Die eigentlich übliche Frühjahrsbelebung auf dem Arbeitsmarkt sei in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie ausgebliebe. Es seien nicht einmal halb so viele offene Stellen gemeldet worden wie im April 2019. Viele Unternehmen hätten sogar Job-Offerten aus den vergangenen Monaten zurückgezogen. Die Arbeitslosenquote stieg in NRW von 6,7 auf 7,4 Prozent.

Spuren auch auf dem Ausbildungsmarkt

Auch beim Thema Kurzarbeit sieht Withake den Höhepunkt überschritten. „In den letzten Tagen hatten wir nur noch einen relativ geringen Anstieg an Anzeigen“, betonte er. Ohnehin sei schwer abzuschätzen, in welchem Ausmaß die Unternehmen am Ende wirklich von der angemeldeten Kurzarbeit Gebrauch machen werden. Die meisten Anzeigen von Kurzarbeit kamen aus dem Gaststättengewerbe (18.108) und dem Handel (17.492). Auch Dienstleistungsunternehmen wie Friseure waren zahlreich vertreten. Allein im Einzelhandel waren fast 200.000 Mitarbeiter betroffen.

Auch auf dem Ausbildungsmarkt in NRW hinterließen die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie ihre Spuren. „Viele Unternehmen sind derzeit damit beschäftigt, ihre Existenz zu sichern. Sie haben Entscheidungen zur Ausbildung erst einmal auf Mai vertagt.“ In einigen Unternehmen könnten sogar bestehende Ausbildungsverhältnisse auf der Kippe stehen.

Diese Entwicklung sieht der Präsident der Handwerkskammer OWL, Peter Eul, mit großer Sorge: „Rückgänge bei den angebotenen Lehrstellen und auch bei den Lehrstellenbewerbern lassen für das kommende Ausbildungsjahr Schlimmes befürchten“, teilte er am Donnerstag mit. „Ein Rückgang bei der Ausbildungsleistung der Betriebe wird den Fachkräftebedarf enorm verschärfen.“ Ausbildung brauche gerade in dieser schwierigen Zeit Perspektiven.

Eul fordert daher – um Anreize für zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen – einen Ausbildungsbonus. Konkret schlägt er einen einmaligen Zuschuss vor, „der sich an 75 Prozent einer durchschnittlichen tariflichen oder Mindestausbildungsvergütung über einen Zeitraum von drei Monaten orientiert.“

Derweil ist sich Bielefelds Arbeitsagentur-Chef Thomas Richter sicher: „Wir werden noch lange die Folgen dieser Krise als Gesellschaft tragen.“ Bundesweit werde die Zahl der Arbeitslosen „deutlich über die drei Millionen“ hinausgehen. In der Spitze vielleicht sogar auf fünf Millionen.

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