Handwerkskammer: Konjunktur-Index auf Zehn-Jahres-Tief OWL-Handwerk beklagt „dramatische Einbrüche“

Bielefeld (WB). Die Corona-Krise hat auch das OWL-Handwerk „mit gewaltiger Wucht“ getroffen. Die staatlich verordneten Eindämmungs-Maßnahmen verursachten einen „harten konjunkturellen Absturz mit bislang unbekannter Dynamik“, heißt es im aktuellen Konjunkturbericht der Handwerkskammer OWL.

Von Paul Edgar Fels
Das Ausbaugewerbe – hier ein Fliesenleger – hat zum Teil noch gut zu tun. Aber viele Aufträge werden derzeit storniert. Privathaushalte könnten so schneller an einen Termin kommen.
Das Ausbaugewerbe – hier ein Fliesenleger – hat zum Teil noch gut zu tun. Aber viele Aufträge werden derzeit storniert. Privathaushalte könnten so schneller an einen Termin kommen. Foto: dpa

„Viele Handwerksbetriebe erleben Umsatzeinbrüche von existenzbedrohender Dimension“, sagte Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer OWL, die rund 21.500 Betriebe mit etwa 160.000 Beschäftigten – davon gut 10.500 Auszubildende – vertritt. Alle umgesetzten Maßnahmen würden aber trotzdem vom Handwerk „verantwortungsvoll und aus Überzeugung in ganzem Umfang mitgetragen“, betonte Eul am Donnerstag weiter.

1400 Handwerksbetriebe beteiligt

Der Geschäftsklimaindikator (GKI) des Handwerks stürzte im März im Vergleich zum Frühjahr 2019 von 139 auf nur noch 100 Punkte ab. Der Index markiert exakt die Grenze zwischen positivem und negativem Geschäftsklima. Noch im Herbst stand das Handwerk mit 134 Punkten ebenfalls glänzend da.

Peter Eul ist Präsident der Handwerkskammer.

Der aktuelle Wert sei „der schwächste Wert des Leitindikators seit rund zehn Jahren“, sagte Eul. An der Konjunkturumfrage hatten sich vom 13. bis 24. März fast 1400 Handwerksbetriebe beteiligt. Die Kammer weist darauf hin, dass zu diesem Zeitpunkt viele der massiven Wirtschaftseingriffe noch nicht bekannt oder umgesetzt waren. Daher sei diese konjunkturelle Momentaufnahme zwar bereits völlig überholt. Sie erlaube aber dennoch einen Einblick in das „dramatische Ausmaß“ dieser Krise, die mittlerweile die Folgen der Finanzmarktkrise 2008/2009 deutlich übersteigen dürfte, sagte Handwerkspräsident Eul. „Seinerzeit lag der Tiefpunkt des Geschäftsklimaindikators im Frühjahr 2009 bei 87 Punkten. Heute dürfte er vermutlich noch darunter liegen.“

Denn im Umfrage-Zeitfenster seien nur 41 Prozent der Befragten von rückläufigen Aufträgen, Umsätzen und Investitionen ausgegangen, 59 Prozent sahen noch keine Beeinträchtigungen. Eul: „Während Lebensmittel- und Gesundheitsgewerbe und die Handwerke für den privaten Bedarf wie etwa Friseure bereits weit überwiegend von eigener Betroffenheit ausgingen, wurde dieses von den Bau- und Ausbauberufen noch weit überwiegend verneint.“

„Wenn die Umfrage jetzt stattfinden würde...“

In allen Branchen befürchtete zwar eine Mehrheit bereits Liquiditätsengpässe und Kurzarbeit, ein Personalabbau war aber – mit Ausnahme des Lebensmittelgewerbes – für die Allermeisten unwahrscheinlich, erläuterte der Präsident. Und er ist überzeugt: „Wenn die Umfrage jetzt stattfinden würde, wäre die konjunkturelle Stimmung vermutlich völlig im Keller.“

Aber auch so zeigte sich bei den Erwartungen für das nächste Halbjahr erstmals seit Jahren ein überwiegend negatives Bild: Nur elf Prozent rechneten mit einer positiven Entwicklung, aber 17 Prozent mit einer rückläufigen Beschäftigung. Nur im Bau- und Ausbauhandwerk waren positive und negative Meldungen noch relativ ausgeglichen. In den handwerklichen Lebensmittelberufen gingen bereits 43 Prozent von einem Rückgang aus.

Zuletzt hatten die Handwerksbetriebe in OWL zusammen einen Jahresumsatz von über 18,6 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Gesundheitshandwerke mit massivsten Einbruch

Von der Corona-Krise als erste Branche betroffen wurden die Lebensmittelhandwerke. Absagen von Veranstaltungen und Feiern führten zum „faktischen Zusammenbruch des gesamten Catering-Geschäftes“, so die Kammer.

Den massivsten Einbruch aller Gewerke aber erlebten die Gesundheitshandwerke – hier habe sich der Geschäftsklimaindikator mit 69 Punkten nahezu halbiert. Etwa zwei Drittel der Betriebe erwarteten eine negative Entwicklung von Aufträgen, Umsätzen und Geschäftslage. Vor diesem Hintergrund erfolgt hier auch die stärkste Vollbremsung bei den Investitionen: Jeder Zweite will sich hier zunächst zurückhalten.

Das Kfz-Gewerbe verzeichnet im Branchenvergleich den zweitstärksten Einbruch: Hier fällt der Index um 51 Punkte auf nur noch 74 Punkte. Vier von zehn Betrieben verzeichneten rückläufige Aufträge und Umsätze, nur bei 26 Prozent seien sie gestiegen. Für das nächste Halbjahr gehen 57 Prozent von einer rückläufigen Entwicklung aus.

Handwerkspräsident beklagt Wettbewerbsverzerrung

Die Handwerkskammer OWL begrüßt aktuelle politische Vorschläge zur stufenweisen Lockerung der Kontaktbeschränkungen. Dadurch würde auch das Öffnen kleinerer Läden ermöglicht, in denen sich nicht viele Menschen gleichzeitig aufhalten. Es könne ohnehin niemand verstehen, warum große überregionale Lebensmittelhändler weiter Bekleidung, Elektrogeräte, Fernseher oder Fahrräder verkaufen dürfen, nicht aber die kleinen Fachhändler vor Ort. Diese Wettbewerbsverzerrung müsse beendet werden, fordert Präsident Peter Eul. Er appelliere an die öffentliche Hand, jetzt frei gewordene Kapazitäten zu nutzen und anstehende Sanierungsarbeiten an Schulen und anderen öffentliche Einrichtungen vorzuziehen.

Die Handwerkskammer OWL hat für ihre Mitgliedsbetriebe sofort zu Beginn der Corona-Krise ein umfangreiches Servicepaket geschnürt und ein insgesamt bis zu 30-köpfiges Beratungsteam installiert. Corona-Hotline: 0521/5608444 oder per E-Mail unter: beratung@hwk-owl.de.

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