Westfälische Präses Annette Kurschus über das Osterfest in schwieriger Zeit
„Die Zukunft wird nicht Corona gehören“

Bielefeld (WB). Karfreitag und Ostern in Zeiten von Corona. Darüber hat Holger Spierig mit Annette Kurschus, der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, gesprochen.

Freitag, 10.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 10.04.2020, 10:48 Uhr
Annette Kurschus (57) ist Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld.

Viele Menschen machen sich angesichts der Corona-Pandemie große Sorgen. Was kann die biblische Ostergeschichte in Zeiten von Corona an Hoffnung vermitteln?

Annette Kurschus: Gott sei Dank gibt es ja nicht die eine biblische Ostergeschichte, sondern mehrere – und die sind ganz unterschiedlich. Da sind die drei Frauen, die sich frühmorgens zum Grab aufmachen und statt des Leichnams Jesu einen Engel dort finden, der sie zurück ins Leben schickt. Da ist Maria Magdalena, die in Trauer versunken am Grab steht und nicht merkt, dass Jesus hinter ihr steht. Und als sie sich umdreht, hält sie ihn für den Gärtner. Da ist der Jünger Thomas, der nicht glauben kann, was er sieht. Er will die Wunden des Auferstandenen berühren, um Beweise zu haben. Und da sind zwei andere Jünger Jesu, die sich nach der Kreuzigung zutiefst entmutigt und enttäuscht auf den Heimweg machen. Während sie einander unterwegs ihr Herz ausschütten, geht Jesus neben ihnen her. Sie halten ihn für einen Fremden und erkennen ihn erst, als er abends mit ihnen am Tisch sitzt und Brot und Wein mit ihnen teilt.

 

Was sehen Sie darin als zentrale Botschaft?

Kurschus: Eins ist all diesen Ostergeschichten gemeinsam: Glaube und Freude brechen sich sehr leise und behutsam Bahn. Der Jubel, der in unseren Osterchorälen steckt, ist keineswegs die erste und spontane Reaktion auf die Auferstehung Jesu. Im Gegenteil: Am Anfang stehen Furcht und Zweifel. Das macht diese Geschichten so stark. Auch und gerade in der gegenwärtigen Situation. Weil die Osterbotschaft nicht alle Furcht, alles Sterben und alles Grauen wegzaubert, sondern – im Gegenteil – sich mitten darin und durch all dies hindurch ausbreitet, kann sie wirklich trösten. Gottes Ziel mit uns ist das Leben. Und die Zukunft wird nicht dem Coronavirus gehören, sondern sie steht in Gottes Hand.

 

Was ist Ihnen persönlich an Ostern besonders wichtig?

Kurschus: Das Leben, das wir zu Ostern feiern, ist stärker als mein manchmal kleiner Glaube. Die Botschaft, die wir zu Ostern verkündigen, ist wahrer als alles, was ich täglich erfahre. Die Choräle, die wir zu Ostern singen, sind meiner bisweilen schwachen Hoffnung weit voraus. Ostern lässt eine Wirklichkeit in dieser Welt aufscheinen, für die sich jeder noch so kleine Einsatz lohnt. Ostern erlaubt mir nicht, mich abzufinden mit dem, was ist. Weil Gott anderes mit uns vorhat. Das gibt meinem Leben jeden Tag aufs Neue Sinn und Ziel.

 

Zu Ostern bleiben die Kirchen wegen der Corona-Pandemie geschlossen, Gottesdienste werden online oder in anderer Weise gefeiert. Was bedeutet das für die westfälische Landeskirche?

Kurschus: Wir werden die österliche Botschaft vom Leben, das stärker ist als der Tod, auf vielerlei Weise unter die Leute bringen. Gerade jetzt – und jetzt erst recht. Durch ökumenisches Glockengeläut in allen Kirchen, durch Gottesdienste in Rundfunk, Fernsehen und Internet, durch österliche Botschaften per Mail, per Post und in den Printmedien, durch Musik. Dankbar und voller Respekt nehme ich wahr, wie unsere Pfarrerinnen und Pfarrer zusammen mit unzähligen engagierten Menschen in unseren westfälischen Kirchengemeinden, Ämtern und Einrichtungen einfallsreiche Mittel und Wege finden, unter den gegebenen Bedingungen das Evangelium zu verkündigen und den Menschen mit Trost und Beistand nah zu bleiben.

 

Und welche Hoffnung verbinden Sie in diesem Jahr mit dem Engagement der Kirchen zu Ostern?

Kurschus: So sehr es schmerzt, das Osterfest in diesem Jahr nicht wie üblich mit festlichen Gottesdiensten begehen zu können, so deutlich werden wir spüren: Die Botschaft des Lebens wird sich überraschend neue und ungewohnte Wege suchen. Ich bin gewiss: Das wird in aller Ungewissheit dieser Zeit eine stärkende und hoffnungsvolle Erfahrung sein.

Annette Kurschus predigt am Ostersonntag im ZDF

Das ZDF strahlt einen Gottesdienst mit Annette Kurschus in der evangelischen Saalkirche Ingelheim in Rheinland-Pfalz am Ostersonntag, 12. April, ab 9.30 Uhr aus. Der Predigt liegt der Bibeltext Johannes 20,11-18 zugrunde: Maria Magdalena sucht am Ostermorgen den toten Jesus im Grab, da begegnet ihr der Auferstandene. Annette Kurschus wird nicht in Ingelheim sein, sondern aus Bielefeld zugeschaltet.

In Nordrhein-Westfalen läuten am Ostersonntag von 9.30 Uhr an außerdem die Glocken der evangelischen und katholischen Kirchen. Auch die freikirchlichen und orthodoxen Gemeinden schließen sich dieser ökumenischen Aktion an. Das gemeinsame Geläut soll gerade in Zeiten der Corona-Pandemie die österliche Freude über den Sieg des Lebens zum Ausdruck bringen. Um 10.15 Uhr, im Anschluss an den Fernsehgottesdienst, sind Bläser, Sängerinnen, Organisten und Pianistinnen zu einem „Flashmob auf Sicherheitsabstand“ aufgerufen: Das alte Osterlied „Christ ist erstanden“ soll dann überall in Deutschland erklingen – am offenen Fenster, auf dem Balkon oder im Garten.

 

Kommentare

Paul Schneider  wrote: 10.04.2020 08:40
Die Zukunft wird nicht Corona gehören
Bislang haben die Menschen ihre Ideen, ihr Wissen und ihren Glauben überwiegend in den Dienst der materiellen Vorteile gestellt und ihre Hoffnungen und Utopien einem vordergründigen, wohlfeilen und materiellen Nutzen geopfert, Nach Corona haben die Kirchen die Chance, globale und geistige "Bruderschaften" mitzugestallten, aus denen dann richtige geistige Führer des Glaubens und des Wissens erwachsen können. Dann besteht die Chance, dass die Menschen mittels ihrer Geistes- und Glaubenskräfte Utopien in die Realität überführen können.
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