Bürger fördern Gastwirte mit 63.000 Euro – Regionales Netzwerk steigt ein
Gutschein-Plattform öffnet sich allen Branchen

Bielefeld (WB). Kneipen und Restaurants stehen vielerorts vor dem Corona-Kollaps: Drei Wochen schon müssen die meisten Gastwirte bei laufenden Kosten ohne Einnahmen überbrücken. Niemand kann ihnen sagen, wann der Albtraum endlich aufhört. Lichtblicke gibt es kaum, aber manche eben schon.

Mittwoch, 08.04.2020, 12:00 Uhr
Eine Idee zur Rettung der heimischen Gastronomie in Bielefeld schlägt Wellen: Brauerei-Betreiber Mike Cacic (31, rechts) und Limonaden-Entwickler Philipp Marsell (33) öffnen ihre Solidaritätsplattform www.from-owl-with-love.de jetzt auch allen anderen Branchen. Foto: Markus Poch

Eine Idee zweier Jungunternehmer aus dem Getränkesektor zieht in dieser schwierigen Situation immer weitere Kreise: Mike Cacic (31, Ravensberger Brauerei/„Flutlicht“) und Philipp Marsell (33, Limoment) wollten die heimische Gastronomie unterstützen und gingen am 20. März mit ihrer uneigennützigen Website www.from-owl-with-love.de online. In weniger als drei Wochen konnten sie darüber bereits 3000 Genussgutscheine im Gesamtwert von mehr als 63.000 Euro vermitteln.

Und die beiden Bielefelder setzen darauf, dass die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ungebrochen anhält. Denn sie haben Großes vor: Nach dem Hotel- und Gaststättenverband OWL sind inzwischen auch Bielefeld Marketing, Lippe Tourismus & Marketing, die Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefeld, der Kreis Lippe, die Touristikzentrale Paderborner Land und die OWL GmbH auf die erfolgreiche Website aufmerksam geworden. Letztere sechs Firmen haben sich in einem regionalen Netzwerk zusammengeschlossen und greifen den Getränkeherstellern finanziell unter die Arme, damit sie ihre Plattform nicht nur der Gastronomie, sondern allen notleidenden Branchen öffnen – vom Friseur bis zum Möbelhändler. Und genau das soll diesen Mittwoch passieren.

„Wir programmieren im Hintergrund eine komplett neue Seite, damit wir den wachsenden Kundenkontakt wuppen können“, versichert Marsell. „Die Plattform muss schnell und übersichtlich sein.“ Den eifrigen hauseigenen Programmierern gehe es darum, die Bearbeitungszeiten für jeden Gutschein von anfangs fünf Minuten über derzeit nur noch 25 Sekunden bis gegen Null weiter zu automatisieren – das alles „natürlich online“. Marsell: „Du operierst praktisch ununterbrochen am offenen Herzen.“

165 Gastwirte hatten sich auf der Website registrieren lassen, um von der Aktion zu profitieren. Viele von ihnen freuen sich dieser Tage bereits über eine schöne vierstellige Summe, die unverhofft auf ihrem Konto landete. „Die Bereitschaft zu solidarischer Soforthilfe in Ostwestfalen ist unglaublich. Damit haben wir im Leben nicht gerechnet“, sagte Philipp Marsell dem WESTFALEN-BLATT. „An manchen Tagen gehen hier hunderte von Bestellungen ein – und das nicht nur für hippe Läden in der Innenstadt, sondern auch für ländliche Lokale, die wir gar nicht im Blick hatten.“

Er und sein Unternehmerkollege Mike Cacic, als Zulieferer beide massiv von der Gastronomie-Flaute betroffen, hatten das Projekt in ihrer coronabedingten Freizeit aus der Taufe gehoben. Sie treten ausschließlich als Geldvermittler auf, verdienen daran selbst keinen Cent. Wie berichtet, werden über die von ihren eigenen Leuten programmierte Plattform www.from-owl-with-love.de Genussgutscheine im Wert zwischen 5 und 100 Euro angeboten, mit denen die Käufer einem oder mehreren Gastwirten dabei helfen können, die übelste Corona-Zeit glimpflich zu überstehen.

Haben sich die Betriebe mit Hilfe des vorgestreckten Geldes wieder erholt, können sie den Käufern die Gutscheine einlösen. Bleiben Betriebe wegen Corona auf der Strecke, bitten Marsell und Cacic vorsorglich um Verständnis, „dass wir als Vermittler keine Garantie dafür übernehmen können, dass euer Lieblingslokal die Krise übersteht“.

Zu den Betrieben, die es unbedingt ins Ziel schaffen wollen, gehört das südafrikanische Restaurant Howzit an der August-Bebel-Straße 167. Filmemacher Max Meis (33) und Geschäftspartnerin Nehla Defli (23) hatten erst im Februar eröffnet, um nach wenigen Tagen in der Phase der größten Euphorie wieder schließen zu müssen. Sämtliche Ersparnisse waren in das Projekt geflossen. „Das Geld von der Plattform ist uns deshalb gerade eine große Hilfe“, sagt Meis. „Wir konnten damit die Miete bezahlen, die Stromrechnung und die erste Rate unseres neuen Kassensystems.“

Damit sei zumindest der April finanziell abgesichert. „Wie es danach weitergeht, sagt uns niemand. Und ob wir die staatliche Soforthilfe kriegen, ist noch nicht sicher.“

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