Händeschütteln war in Firmen schon vor Corona umstritten
Das Ende eines Rituals?

Bielefeld (WB). Früher gaben sich die Menschen die Hand, um sicherzugehen, dass das Gegenüber nicht bewaffnet ist. Daraus entwickelten sich eine jahrhundertealte Kulturtechnik und eine Geste der Sympathie. Bis das Coronavirus zu grassieren begann. Wegen dieser tückischen Waffe der Natur ist das Händeschütteln zur Gefahr für die Gesundheit geworden.

Dienstag, 07.04.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 07.04.2020, 08:46 Uhr
Illustration. Foto: imago

Verschwindet das fast zur Selbstverständlichkeit gewordene Händeschütteln wegen des Coronavirus gar? Wird es geradezu unhöflich, jemandem die Hand zu reichen? Es gebe Alternativen zum Händeschütteln, sagt die Bielefelder Expertin für gutes Benehmen, Inge Wolff: „Ein fröhliches ‚Guten Morgen‘ mit einem lächelnden Gesicht ist genauso schön.“ Wolff leitet den Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI), und der hat schon vor Corona etwa bei der Schweinepest und Grippeepidemien dazu geraten, auf den Händedruck zu verzichten. Dass er ganz aus der Mode kommt, befürchtet Inge Wolff nicht: „Vielen Deutschen ist der Händedruck sehr wichtig, es fällt ihnen jetzt schon schwer, darauf zu verzichten.“

Mit der Geschichte der Umgangsformen hat sich der finnische Journalist Ari Turunen intensiv beschäftigt. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte er 2016 in dem Buch „Bitte nach ihnen, Madame“ (Verlag Nagel & Kimche). Turunen kam zu dem Schluss: „Höflichkeitsregeln und Grußrituale waren Schutzmaßnahmen gegen Gewalt in einer gefährlichen Gesellschaft. Sie stammen aus Zeiten, in denen kein staatliches Gewaltmonopol die Kontrolle über das Alltagsleben ausübte und ein ständiger Kampf aller gegen alle herrschte. Da jeder Mitmensch entweder Freund oder Feind war, mussten die Verhaltensweisen und Gesten deutlich zeigen, zu welcher Gruppe der Betreffende gehörte.“

Zu diesen Gesten zählten das Heben der Hand und das Händeschütteln. Der Ursprung ist den meisten Menschen heute gar nicht bewusst. Ari Turunen berichtet: „Viele von uns heben automatisch die rechte Hand, wenn sie einem Bekannten begegnen. Dieser Brauch geht auf die römischen Soldaten zurück, die ihre rechte Hand hoben, um zu zeigen, dass sie darin keine Waffe hielten.“ Das Händeschütteln signalisierte ebenfalls Abrüstung. Wenn jemand einem anderen seine Hand entgegenstreckte, sah der, dass sich darin kein Messer befand.

Grußritual erst seit dem 19. Jahrhundert

Was heute absurd anmutet, war in Zeiten wie dem Mittelalter eine berechtigte Sorge. Auch wenn die katholische Kirche Nächstenliebe predigte und die tierische Natur des Menschen zu zähmen versuchte, zählten Menschenleben in dieser Epoche nur wenig. So wie die Frühe Neuzeit war das Mittelalter eine der gewalttätigsten Phasen der Geschichte. Es herrschte der Ritter mit dem Schwert, nicht der Mönch mit dem Federkiel. Und in den Jahrhunderten danach dominierte eine in heutigen Augen makabre und abstoßende Faszination für Folter und drakonische Strafen. Gewalt war Schauspiel und wurde öffentlich zelebriert. Als ein Beispiel dafür können die Hexenverbrennungen gelten. „Das Händeschütteln erhielt seine heutige Funktion als Grußritual erst im Europa des 19. Jahrhunderts“, weiß Ari Turunen. Einen ähnlichen Ursprung wie das Händeschütteln hat das Ziehen des Hutes. Dieser Brauch geht, so der Journalist, auf die Ritter zurück, die ihren Helm abnahmen, um deutlich zu machen, dass sie in Frieden kamen. Wenn sie das taten, konnten sie aber leicht vom Gegenüber mit einem Schwerthieb auf den Kopf verletzt oder getötet werden. „Indem er den Kopf entblößte, begab sich der Ritter in Lebensgefahr“, erklärt Turunen.

Übrigens empfahl sich das Hutabnehmen auch, wenn Epidemien grassierten. Durch Küsse auf Hand und Wange verbreiteten sich Viren schnell; wer stattdessen den Hut zog, verringerte das Risiko, selbst krank zu werden.

Zurück zum Händeschütteln. Mit ihm gingen Menschen nicht nur Freundschaften ein, sondern vereinbarten auch Geschäfte. Das „Hand drauf“ als Vorstufe der Unterschrift verweist auf die Welt der Wirtschaft und ist als Formulierung heute noch gebräuchlich. Das Händeschütteln war in der Vergangenheit auch ein Protest gegen Affektiertheit, gegen eine ausufernde Selbstdarstellung, gegen das Überbetonen von Rang- und Standesunterschieden. Die englischen Quäker, eine Variante des Protestantismus, wollten sich nicht vor anderen verbeugen, niederknien und den Hut ziehen. Das Händeschütteln empfanden sie als christlich schlichte, angemessene Art der Begrüßung in einer Gemeinschaft von Gleichberechtigten. Die Geste sollte von Herzen kommen.

Wie Umgangsformen zu peinlicher Unterwürfigkeit und Heuchelei verkommen können, zeigte das Getue am Hof von Versailles im 17. und 18. Jahrhundert. An der Etikette war alles gekünstelt, nichts echt. Der angeblich vornehme Adel ging in die Knie, um sich der Huld des Königs zu versichern. An die Zustände bei Hofe erinnert das Wort Höflichkeit bis heute. Aber gegenüber damals ist sie weniger künstlich und auffällig.

Wie halten es Firmen künftig?

Die Bielefelderin Inge Wolff sagt, das Coronavirus könne dazu führen, dass sich zum Beispiel Abteilungen einer Firma Gedanken über eine einheitliche Regelung machten. Sie wisse aus Seminaren, dass es zum Beispiel eine Hälfte der Mitarbeiter nerve, wenn der Vorgesetzte jeden Morgen herumgehe und jedem die Hand drücke, während die andere Hälfte der Mitarbeiter das zu schätzen wisse.

Kommentare

HM  wrote: 07.04.2020 13:14
Es würde ja schon reichen...
...wenn diese elende Umarmerei zur Begrüssung, die seit ein paar Jahren um sich greift, in Vergessenheit gerät.
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