Millionen Syrer sind Corona, Kälte und Krieg hilflos ausgeliefert
Helfer fürchten Massensterben

Bielefeld/Münster (WB). In Nordsyrien hat das Coronavirus einen der weltweit schlimmsten Kriegsschauplätze erreicht. Aber keiner weiß, wie weit es schon unter den katastrophalen Umständen fortgeschritten ist. Auch Dirk Hegmanns (63) nicht.

Samstag, 04.04.2020, 09:48 Uhr aktualisiert: 04.04.2020, 09:50 Uhr
Flucht aus einer Kellerkrankenstation in Idlib ( von links),Verteilung von Materialien für die Herrichtung zerbombter Wohnungen. Benötigt wird Brennstoff zum Heizen und alles, was wärmt. Foto: Welthungerhilfe / IhsanRD

Dabei hat der erfahrene Nothelfer in seinem Leben schon viel Hilflosigkeit, Elend und Gewalt gesehen. Bereits im Jahr 1986 geriet der damalige Soziologiestudent aus Bielefeld Wochen lang in die Hände von Contra-Milizen in Nicaragua. Als „Humanitärer“ lebte er in Afrikas und Brasiliens Hotspots. Jetzt leitet Hegmanns als Länderdirektor der Welthungerhilfe für Syrien, Libanon und Türkei die Versorgung von Hunderttausenden Kriegsflüchtlingen.

Dirk Hegmanns.

Dirk Hegmanns.

Was er von seiner Basis in Gaziantep in der Südosttürkei aus beobachtet, erschüttert selbst den hartgesottenen Krisenexperten. In Nordsyrien rund um die letzte Rebellenhochburg Idlib herum findet derzeit die größte Vertreibung seit Beginn des Krieges im Jahr 2011 statt. Die Helfer sehen eine Million Menschen, die verzweifelt ums Überleben kämpfen. Traumatisiert, geschwächt, von der Kälte angegriffen, ohne jede medizinische Versorgung wollen alle nur noch weg. Aber wohin?

„Keiner schafft es aus Nordsyrien in die Türkei, der Druck auf die Grenze ist enorm gestiegen“, sagt Hegmanns, der zur Zeit auf Kurzbesuch in Münster ist. Ausgebombte Familien, Kriegsversehrte und Versprengte drängen sich auf engstem Raum in völlig überfüllten Lagern, in provisorischen Camps an Straßenrändern und unter Planen in verschlammten Olivenhainen.

An Händewaschen ist nicht zu denken. Wo Toiletten, frisches Wasser und medizinische Versorgung nach neun Jahren Krieg zerstört sind, drohen ohnehin Cholera und andere ansteckende Krankheiten.

Hegmanns fürchtet: „Wenn Corona vom Iran aus die Lager um Idlib durchseucht hat, kommt es zu einem Massensterben unter einer Million Flüchtlingen allein im Norden.“

Die größte Ansteckungsgefahr mit dem Covid-19 droht aus Richtung Iran. Dort ist es schon vor Wochen zu einem schweren Ausbruch gekommen. Von Iran aus werden Milizen mit Kämpfern aufgefüllt und finanziert, die an Seiten Russlands und der syrischen Armee von Diktator Bashir al-Assad stehen. Teil ihrer Strategie ist die Zerstörung von Wohngebieten und Infrastruktur, um die Kämpfer und ihre Familien zu zermürben.

Zur Person

Dirk Hegmanns (63) studierte in Bielefeld Entwicklungssoziologie und war weltweit in Krisengebieten im Einsatz. Seit fünf Jahren organisiert er für die Welthungerhilfe von der Südosttürkei aus Hilfe für 530.000 Menschen in Syrien. Im Libanon betreut er Projekte für 35.000 und in der Türkei für 130.000 Flüchtlinge. Er war zuvor in Afrika, Süd- und Mittelamerika im Einsatz und hat inzwischen mehrere Bücher geschrieben. Sein erstes Buch entstand 1986, als er in Nicaragua von rechtsgerichteten Milizen entführt wurde: „In den Händen der Contras“.

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„Die Zahl der Menschen in Syrien, die sich nicht mehr allein ernähren können, ist in den letzten Wochen auf fast acht Millionen Menschen angestiegen. Gleichzeitig wird der Zugang für die Helfer immer schwieriger“, sagt auch Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe in Bonn.  „Dort erleben wir die schlimmste Flüchtlingskrise seit Ausbruch des Krieges. Ein Million Menschen sind den militärischen Angriffen schutzlos ausgeliefert.“

Und Fadi Al-Dairi, 44, von der britischen Partnerorganisation „Hand in Hand” (HIHFAD), ergänzt: „Wir haben extrem wenige Krankenhäuser im Nordwesten Syriens. Die wenigen konzentrieren sich auf Entbindungen und Chirurgie. In der Provinz Idlib gibt es im Schnitt ein bis höchstens zwei Ärzte, sechs Krankenschwestern und eine Hebamme auf 10.000 Menschen. Und weil wir seit neun Jahren ein Kriegsgebiet sind, fehlen uns Spezialisten, die sich mit der Epidemie auskennen.”

Die Luftangriffe auf Zivilisten haben schreckliche Folgen: auseinandergerissene Familien, Verstümmelungen, psychische Traumata, Zwangsumsiedlungen, Zerstörung von Straßen, Häfen und Brücken. Nach Homs im Jahr 2012, Aleppo 2016, La Goutha 2017 und Deraa 2018 kommt es immer wieder zum gleichen Szenario.

Inzwischen hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit flächendeckenden Tests begonnen. Auch dringend benötigte Schutzkleidung ist auf den Weg gebracht. Aber fehlende Labore und Kurierwege erlauben bisher nicht mehr als kleine Studien.

Abgestimmt mit anderen Nichtregierungsorganisationen gelingt es, Hilfsgüter von der Türkei aus ins Krisengebiet zu schaffen. 170.000 Menschen versorgte in diesen Wochen allein die Welthungerhilfe. Während der jüngsten Waffenruhe wurden kalorien- und vitaminreiche Ready-to-Eat-Kits sowie Hygiene-Artikeln über die Grenze geschafft. Besonders gefragt sind aktuell Brennstoff zum Kochen und alles, was irgendwie wärmt. Schon im vergangenen Winter brachten Helfer Teppiche und Planen ins Krisengebiet, um in Zelten und in zerbombten Ruinen wenigstens etwas Schutz vor den Nachtfrösten zu schaffen.

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