So viele Anträge wie nie zuvor im Bezirk Bielefeld-Gütersloh – Steuerberater gibt Tipps Kurzarbeit: Was jetzt wichtig ist

Bielefeld (WB). In Bielefeld und dem Kreis Gütersloh haben im März 4000 Firmen Kurzarbeit beantragt – so viele wie noch nie zuvor. Nach Angaben der Agentur für Arbeit waren es im Bezirk Bielefeld-Gütersloh im Februar nur 33. Im gesamten Jahr der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 hatten 1305 Betriebe Kurzarbeit beantragt. Zum Thema Kurzarbeit beantwortet Dominik Moch, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer der Bielefelder Kanzlei HRP von Hollen, Rott und Partner, die Fragen von André Best.

Dominik Moch ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer der Bielefelder Kanzlei HRP von Hollen, Rott und Partner.
Dominik Moch ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer der Bielefelder Kanzlei HRP von Hollen, Rott und Partner.

Zahlreiche Bielefelder Firmen haben Kurzarbeit beantragt. Viele Bielefelder sind somit direkt betroffen. Wie groß ist die Nachfrage dieser Menschen nach Beratung?

Dominik Moch: Viele Betriebe und Arbeitnehmer aus Bielefeld und Umgebung brauchen Beratung, denn mit der Kurzarbeit haben bisher die wenigsten Erfahrungen. Die Covid-19-Pandemie hat finanzielle Auswirkungen auf  die Unternehmen, Selbstständige und Arbeitnehmer. Betroffen sind Unternehmen aller Branchen und Größe.  Die Kurzarbeit ermöglicht den Firmen in dieser Krisenzeit die Personalkosten zu senken und gleichzeitig die Arbeitsplätze zu erhalten, um für die Zeit nach der Krise weiterhin auf die Arbeitnehmer setzen zu können.

Die Grundsätze der Kurzarbeit sind den allermeisten bekannt. Worauf sollten die Arbeitnehmer am meisten achten? Was ist jetzt wichtig?

Moch: Alle verwaltungstechnischen Arbeiten zur Beantragung des Kurzarbeitergeldes werden vom Arbeitgeber vorgenommen.  Das Kurzarbeitergeld wird längstens für einen Zeitraum von zwölf Monaten gewährt. Wurden  Kinder bisher im Rahmen der Gehaltsabrechnung nicht berücksichtigt, empfehlen wir dem Arbeitnehmer, den Bescheid über Kindergeld oder einen anderen Nachweis dem Arbeitgeber vorzulegen, da das Kurzarbeitergeld bei Arbeitnehmern mit Kind 67 Prozent des bisherigen Nettoentgeltes beträgt und bei Arbeitnehmern ohne Kind 60 Prozent. Zu beachten ist, dass das Kurzarbeitergeld dem Progressionsvorbehalt nach § 32b EStG unterliegt und somit eine Steuererklärung abgegeben werden muss, wenn im Jahr das Kurzarbeitergeld mehr als 410 Euro betragen hat.

Ist es ratsam, Geld hinzuzuverdienen und – wenn ja – ist das überhaupt möglich?

Moch: Bei Nebentätigkeiten, die bereits vor der Kurzarbeit begründet wurden, erfolgt keine Anrechnung auf das Kurzarbeitergeld. Nehmen Beschäftigte allerdings eine Nebentätigkeit während des Bezugs von Kurzarbeitergeld auf, so erfolgt eine Anrechnung des daraus erzielten Entgelts. Eine Anrechnung erfolgt bis zum 31. Dezember 2020 hingegen nicht bei der Aufnahme einer Nebentätigkeit in einem systemrelevanten Beruf. Darunter fallen alle Berufsgruppen im medizinischen Bereich, Verkehr sowie Lebensmittelhandel.

Arbeitnehmer in Kurzarbeit haben möglicherweise noch Kreditverpflichtungen, denen sie jetzt nicht voll oder gar nicht nachkommen können. Was nun?

Moch: Mit dem Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Covid-19-Pandemie im Zivil-, Insolvenz- und Strafverfahrensrecht hat der Deutsche Bundestag eine Reihe von Normen verabschiedet, die helfen können, die Corona-Krise finanziell zu überstehen.  Für Verbraucherdarlehensverträge, die vor dem 15. März 2020 geschlossen wurden, werden Ansprüche des Darlehensgebers auf Rückzahlungs-, Zins- und Tilgungsleistungen, die zwischen dem 1. April 2020 und dem 30. Juni 2020 fällig werden, gestundet. Voraussetzung für die Stundung ist, dass der Verbraucher gerade durch die Covid-19-Pandemie Einnahmeausfälle hat, die dazu führen, dass die weitere Erbringung von Rückzahlungs-, Zins- oder Tilgungsleistungen aus dem Darlehensvertrag den angemessenen Lebensunterhalt des Verbrauchers gefährden würde.

Spielt die Steuerklasse bei der Kurzarbeit eine Rolle? Kann sich für Betroffene ein Wechsel in eine andere Steuerklasse lohnen?

Moch: Das Kurzarbeitergeld errechnet sich als Unterschiedsbetrag aus dem Arbeitsentgelt, das ohne den Arbeitsausfall im Anspruchszeitraum erzielt worden wäre und dem Arbeitsentgelt, welches in der Kurzarbeit tatsächlich erzielt wird. Dementsprechend ist die Nettoentgeltdifferenz bei gleichem Gehalt in der Steuerklasse drei höher als in der Steuerklasse  fünf, mit der Folge  eines höheren auszahlungsfähigen Kurzarbeitergeldes. Ob ein Wechsel der Steuerklasse im Einzelfall sinnvoll ist, sollte jedoch geprüft werden.

Wenn ein Arbeitnehmer in Kurzarbeit ist: Wie wirken sich die Krankenkassenbeiträge und Rentenversicherungsbeiträge aus?

Moch: Beziehen Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld, so ist der Arbeitgeber weiterhin verpflichtet die Beiträge zur Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung abzuführen.  Die Betragshöhe richtet sich jedoch nach dem Bruttoarbeitsentgelt der reduzierten Arbeitszeit. Der Verdienstausfall unterliegt ebenfalls der Beitragspflicht, jedoch nur zu 80 Prozent.

Welche Auswirkungen hat eine etwaige Arbeitsunfähigkeit bei Kurzarbeit?

Moch: Erkrankt ein Arbeitnehmer während des Bezugs von Kurzarbeitergeld, bleibt sein Anspruch auf Kurzarbeitergeld erhalten. Das gilt so lange, wie er auch Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall hat, dies sind sechs Wochen.  Lag die Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer Erkrankung bereits vor dem Bezug von Kurzarbeitergeld vor, so hat der Arbeitnehmer einen unter Umständen erhöhten Anspruch auf Krankengeld gegen die Krankenkasse. Hier muss im Einzelfall geprüft werden.

Was ist die Beitragsbemessungsgrenze bei Kurzarbeit und bei wem und wie wirkt diese sich aus?

Moch: Die Kurzarbeit ist eine Leistung aus der Arbeitslosenversicherung. Die Beitragsbemessungsgrenze liegt bei einem Einkommen von 6900 Euro brutto im Monat. Liegt das Gehalt eines Arbeitnehmers trotz einer Kürzung wegen Kurzarbeit über diesem Betrag, wird kein Kurzarbeitergeld gezahlt. Das maximal auszahlbare Kurzarbeitergeld beträgt bei kinderlosen Arbeitnehmern 4140 Euro und bei Kurzarbeitsgeldbeziehern mit Kindern 4623 Euro.

Durch steuerliche Begünstigungen könnten im kommenden Jahr Steuernachzahlungen drohen. Stimmt das?

Moch: Das Kurzarbeitergeld ist steuerfrei,  unterliegt aber – wie die meisten Lohnersatzleistungen – dem sogenannten Progressionsvorbehalt.  Danach wird das Kurzarbeitergeld für die Ermittlung des Steuersatzes einbezogen. Das kann in vielen Fällen zu einer Einkommensteuernachzahlung für das Veranlagungsjahr des Kurzarbeitergeldbezugs führen.  Wie sich das Kurzarbeitergeld auf die Steuerbelastung auswirkt, bedarf einer individuellen Berechnung.

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