Wo werden Infizierte registriert? Wo werden Entscheidungen getroffen?
So managt Bielefeld die Krise

Bielefeld (WB). Im Rochdale-Raum des Alten Rathauses wird eigentlich Kommunalpolitik gemacht. Manchmal bittet Oberbürgermeister Pit Clausen dort auch zum Empfang. Jetzt ist er der Ort, wo die Corona-Krise in Bielefeld gemanagt wird.

Donnerstag, 02.04.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 02.04.2020, 13:34 Uhr

Hier tagt täglich ab zehn Uhr der städtische Krisenstab, tauschen sich Vertreter von Gesundheitsamt, Ordnungsamt, Feuerwehr, Polizei und weiteren städtischen Einrichtungen über die aktuelle Lage aus. Wie viele Neuinfizierte hat es gegeben? Konnten alle versorgt werden? Wurden Intensivbetten benötigt? Gibt es genügend Schutzmasken? Halten sich die Menschen ans Kontaktverbot? Wie wird mit Quarantäne-Verweigerern umgegangen? All das wird dort erörtert. In gebührendem Abstand versteht sich. Die 15 bis 20 Teilnehmer der täglichen Runde verteilen sich auf den großflächigen Raum. Hier wäre es noch fataler, wenn einer der Beteiligten sich mit dem gefährlichen Virus infiziert hätte.

Böse Überraschung

Luftlinie nur ein paar hundert Meter entfernt liegt das städtische Gesundheitsamt an der Nikolaus-Dürkopp-Straße. Die Büros dort haben sich inzwischen zu einer Mischung aus Call Center und Detektei verwandelt. Wer aus Bielefeld positiv auf Corona getestet worden ist, wird dorthin gemeldet. „Und dann beginnt oft die Recherchearbeit“, sagt Sozialdezernent Ingo Nürnberger, Chef des städtischen Krisenstabs. Meistens sind Name und Anschrift des betroffenen Patienten bekannt. Manchmal aber auch nicht. Dann müssen erst einmal die Meldedaten des Infizierten herausgefunden werden, er möglichst schnell über das Testergebnis informiert werden.

Und dann geht es darum, die Kontaktpersonen des Betroffenen herauszufinden. Familie, Kollegen, Freunde. Hatten sie engen Kontakt, bedeutet das auch für sie: zwei Wochen Quarantäne. Und zwar ab sofort. Aktuell kommen auf einen Infizierten rund 15 Quarantänefälle. Es ist oft eine böse Überraschung, die die städtischen Mitarbeiter da überbringen müssen.

Strenge Regeln

Normalerweise sind im Gesundheitsamt zwei Mitarbeiter im Bereich Infektionsschutz eingesetzt. Jetzt sind es 30. „Längst nicht mehr nur Leute aus dem Gesundheitsamt“, betont Nürnberger. Auch Beschäftigte anderer städtischer Ämter sind dorthin abgeordnet, darunter auch Auszubildende für den gehobenen Dienst. Ausbildungsstation Krisenmanagement sozusagen.

Bei wachsenden Infektionszahlen werden wohl noch weitere Mitarbeiter hinzukommen. Dann muss andere Arbeit im Rathaus eben liegen bleiben. Aber ganz gleich ob gerade in der Ausbildung oder alter Verwaltungs-Hase – alle bekommen erst einmal eine Schulung. Denn ihr Job ist mit hoher Verantwortung für die Gesundheit in der Stadt verbunden. Und auch für den einzelnen Betroffenen. „Wir fragen, wie sich die Menschen fühlen, ob ihre Versorgung gesichert ist, ob sich jemand um sie kümmert“, erläutert Nürnberger. Ist dies nicht der Fall, kann etwa die Corona-Hilfe Bielefeld einspringen, eine Initiative der Stiftung Solidarität . Sie sorgt dann für die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln. Manchmal muss auch ärztliche Hilfe vermittelt werden.

Für Infizierte und diejenigen, die vorsichtshalber in Quarantäne geschickt werden, gelten strenge Regeln. Die eigenen vier Wände dürfen sie nicht verlassen. Wer das tut, begeht kein Kavaliersdelikt, sondern macht sich strafbar. Das wird allen gesagt, und die meisten halten sich auch an die Vorgaben.

Vollzeitjob

Die Kontrolle könne bei wachsenden Quarantänezahlen nicht flächendeckend sein, räumt Nürnberger ein. Stichprobenartig finde sie aber doch statt. Auch Papierkram ist zu erledigen. Infizierte werden krank geschrieben. Wer „nur“ in Quarantäne ist, bekommt eine entsprechende Verfügung zugestellt. Damit kann sich der Arbeitgeber das Geld vom Staat zurückholen, das er seinem Mitarbeiter während dessen unfreiwilliger Arbeitspause zahlt.

Für Nürnberger, der sich sonst um Kitas, das städtische Sozialamt oder Obdachlose kümmert, ist Krisenmanagement derzeit ein Vollzeitjob. Er betont aber ausdrücklich, dass die Bewältigung der Krise nur im Team funktioniert. „Alle machen hervorragende Arbeit. Da guckt keiner auf die Uhr.“ Wichtig ist auch der Austausch mit anderen Städten. Dazu gibt es regelmäßige Telefonkonferenzen. „Und es gibt täglich neue Herausforderungen“, sagt Nürnberger.

Die werden meist im Anschluss an die Krisenstabssitzung in kleinen Arbeitsgruppen angepackt. Etwa, wenn es um zunehmende häusliche Gewalt geht oder darum, wo Quarantäneverweigerer unter Aufsicht untergebracht werden könnten, wie die Situation in den Pflegeheimen ist. „Haben unsere Plenumssitzungen anfangs manchmal länger als zwei Stunden gedauert, schaffen wir es jetzt in einer“, sagt Nürnberger. Ein bisschen ist der Krisenmodus schon zur Routine geworden.

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