Teil 3 der WESTFALEN-BLATT-Serie
Coronavirus: Leser fragen, Experten antworten

Bielefeld (WB). Überlebt das Coronavirus in der Tiefkühltruhe? Bekomme ich jetzt als Minijobber Kurzarbeitergeld? Die Redaktion hat Ihre Fragen Experten vorgelegt und andere Quellen zu Rate gezogen. Hier Teil 3 der Serie „Leser fragen, Experten antworten”.

Samstag, 28.03.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 29.03.2020, 07:10 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa

„Wie heiß soll man seine Sachen waschen, wenn man in den Ärmel geniest hat.”

Dr. Ulrich Rieke, Oberarzt und Infektiologe am Klinikum Bielefeld: „Ich würde 60 Grad wählen. Aber eigentlich ist die Temperatur nicht ganz so wichtig, weil das Virus von einer Fetthülle umgeben ist und das Waschmittel es tötet.” Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt ebenfalls 60 Grad – auch für Spülmaschinen.

„Ich bin Minijobberin und putze in Schulen, die jetzt ja zum Teil geschlossen sind. Habe ich Anspruch auf Lohnfortzahlung?”

Dr. Wolfgang Buschfort, Sprecher der für Minijobs zuständigen Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See in Bochum: „Kommt es wegen einer behördlichen Anordnung zu einer Schulschließung, haben Arbeitnehmer weiter Anspruch auf ihre Vergütung für die Zeit der Schließung. Denn das Betriebsrisiko trägt der Arbeitgeber. Ausgefallene Arbeitszeit muss nicht nachgearbeitet werden.”

„Unsere Tochter ist 33 Jahre und hat einen Termin zum Corona-Abstrich. Wir würden gerne wissen, ob sie unser Enkelkind weiter stillen darf, falls sie positiv sein sollte.”

Prof. Dr. Philipp Soergel, Direktor der Uniklinik für Frauenheilkunde in Minden:. „Es gibt nicht viele Erfahrungen zur Coronavirus-Infektion bei Frauen in der Stillzeit. Nach aktuellem Stand gibt es keine Hinweise, dass das Coronavirus über die Muttermilch übertragen wird. Die Fachwelt geht davon aus, dass die Vorteile des Stillens die potenziellen Risiken einer Übertragung des Coronavirus überwiegen. Durch gründliches Händewaschen vor und nach dem Kontakt mit dem Kind und einen Mundschutz sollten Frauen mit Verdacht auf eine Coronainfektion das Risiko einer Weitergabe verringern. Muttermilch enthält Antikörper, die das Kind vor einer Infektion schützen. Daher ist davon auszugehen, dass nach einer durchgemachten Coronavirus-Infektion der Mutter das Kind durch das Stillen einen gewissen Schutz vor einer Coronavirus-Infektion haben wird.“

„Wir haben eine Busreise nach Polen gebucht und angezahlt, die am 22. April stattfinden soll. Können wir zurücktreten?”

Arndt Schirneker-Reineke, Fachanwalt für Arbeits- und Versicherungsrecht aus Bad Salzuflen: „Ich empfehle, die Einschätzung des Auswärtigen Amtes unter www.auswaertiges-amt.de zu verfolgen. Wenn auch am 22. April, wie im Moment, eine Reise nach Polen nicht möglich ist oder dringend davon abgeraten wird, können Sie die Reise kostenlos stornieren. Die Anzahlung muss Ihnen dann erstattet werden. Sie sollten die Entwicklung abwarten und im Zweifel erst kurz vor der geplanten Reise handeln.”

„Überlebt das Virus in meiner Tiefkühltruhe, oder kann ich Lebensmittel durch das Einfrieren quasi virenfrei machen?”

Infektiologe Dr. Rieke: „Viren können Kälte überstehen. In Laboren werden Viren auch tiefgekühlt gelagert.” Die bisher bekannten Coronaviren SARS- und MERS-Viren können nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung bei minus 20 Grad bis zu zwei Jahre infektiös bleiben.

„Ich habe nach meinem Urlaub am Urlaubsort festgesessen und konnte zwei Wochen nicht arbeiten. Bekomme ich für diesen Zeitraum mein Gehalt?”

Prof. Dr. Friedrich Meyer, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Paderborn: „Auch wenn Sie unverschuldet Ihre Arbeitsleistung nicht erbringen, haben Sie grundsätzlich ohne Arbeitsleistung keinen Anspruch auf Vergütung. Es gilt: Ohne Leistung keine Gegenleistung. Von diesem Grundsatz gibt es Ausnahmen, wie Krankheit oder Urlaub. Aber die verspätete Rückkehr aus dem Urlaub gehört nicht dazu. Sie könnten mit dem Arbeitgeber sprechen, ob er nicht für den Zeitraum nachträglich Urlaub bewilligt oder die Zeit als Überstundenabbau verbucht wird.”

„Ich bin im sechsten Monat schwanger und gesund. Gibt es für mich andere Verhaltensregeln als für die Allgemeinheit?”

Prof. Soergel: „Aktuell gibt es keine Hinweise, dass Schwangere durch eine Infektion mit dem Coronavirus gefährdeter sind als der Rest der Bevölkerung. Es wird davon ausgegangen, dass die große Mehrheit der Schwangeren nur leichte oder mittelschwere Symptome wie bei einer Erkältung oder Grippe haben wird. Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten oder Fehlbildungen des Kindes gibt es bislang nicht. Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass das Virus während der Schwangerschaft auf das Baby übertragen werden kann. Solche Fälle sind in den bisherigen Berichten aus China nicht aufgetreten. Deshalb sollten Schwangere genau dieselben Verhaltensregeln wie die Allgemeinheit einhalten.

Damit eine Geburtsstation oder ein Kreißsaal sich darauf einstellen kann, sollten Frauen, bei denen eine Coronavirusinfektion gesichert oder vermutet wird, sich vor einer Vorstellung im Kreißsaal telefonisch ankündigen.“

„Wir wollen von Delbrück nach Paderborn umziehen. Ist das erlaubt?”

Ein Sprecher der NRW-Landesregierung: „Umzüge dürfen von Unternehmen durchgeführt werden. Wer privat umzieht, muss die Zahl der Helfer möglichst gering halten und den Sicherheitsabstand beachten.”

„Meine Frau wollte im April ihren Rentenantrag stellen, aber jetzt sind die Versicherungsämter und Rentenberatungsstellen geschlossen. Was nun?”

Marcus Kloppenborg von der Deutschen Rentenversicherung Westfalen in Münster: „Wir haben unsere Beratungsstellen nur für den persönlichen Kontakt geschlossen. Die telefonische Beratungskapazität wurde deutlich erhöht, und dazu gehört auch eine telefonische Antragsaufnahme. Das funktioniert auch ohne Unterschrift. Werden noch Unterlagen benötigt, können Sie die per Post schicken. Sie erreichen uns im Moment unter 0800/1000 480 11 oder über www.deutsche-rentenversicherung.de/online-dienste.“

„Ich habe gelesen, dass jetzt viele Menschen zur Blutspende gehen. Angenommen, einer ist positiv: Wir das Virus dann über das Blut weitergegeben?”

Prof. Dr. Franz-Josef Schmitz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin, Mikrobiologie, Hygiene, Umweltmedizin und Transfusionsmedizin am Uniklinikum Minden: „In einer deutschen Untersuchung von 31 Patienten mit milden grippalen Symptomen konnte in den Blutproben trotz positivem SARS-CoV-2-Test (so wird das Coronavirus genannt) kein Virus nachgewiesen werden. Es gibt bisher keine Berichte über Infektionen mit SARS-CoV2 durch eine Bluttransfusion. Somit gibt es zur Zeit keine wissenschaftliche Grundlage für die Annahme, dass das Virus durch Blutprodukte übertragen werden kann. Allerdings erfolgt diese Einschätzung auf Basis zur Zeit vorhandener Daten.“

„Ich beschäftige in unserer Weiterbildungseinrichtung Minijobber, für die ich keine Verwendung mehr habe. Ich möchte sie nicht entlassen. Kann ich Kurzarbeitergeld beantragen?”

Dr. Wolfgang Buschfort, Sprecher der Minijobzentrale: „Kurzarbeitergeld kann für Arbeitnehmer beantragt werden, die versicherungspflichtig in der Arbeitslosenversicherung sind. Da 450-Euro-Minijobber versicherungsfrei sind, haben sie keinen Kurzarbeitergeldanspruch.”

„Soll ich Lebensmittelpackungen wie Spaghettitüten und Konservendosen nach dem Einkaufen mit Spülmittel abwaschen?”

Infektiologe Dr. Rieke:„Das halte ich nicht für nötig, aber es schadet natürlich auch nicht. Wenn Sie sich gründlich die Hände waschen, reicht das aber eigentlich.” So sieht es auch das Bundesinstitut für Risikobewertung. Nach seinen Angaben sind auch für andere Coronaviren keine Berichte über Infektionen durch den Kontakt mit trockenen Oberflächen oder durch Lebensmittel bekannt.

„Ich habe in einem Café gearbeitet, das mir den Minijob zum 30. April gekündigt hat. Bekomme ich Arbeitslosengeld?”

Dr. Wolfgang Buschfort von der Minijobzentrale: „Als 450-Euro-Minijobber haben Sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I. Zu prüfen ist, ob die kurzfristige Kündigung rechtmäßig ist, denn für Minijobber gelten identische Kündigungsfristen wie bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, also bei Menschen, die mehr als 450 Euro verdienen.”

„Ich hätte gerne gewusst, wer uns eigentlich vor den zigtausenden Urlaubern schützt, die aus Spanien wiederkommen.”

Niemand. Gesundheitsminister Jens Spahn hat Rückkehrer aus Italien, Österreich und Spanien aufgefordert, sich für zwei Wochen freiwillig in Quarantäne zu begeben, aber das war keine Anweisung. Pflichten gibt es in NRW für Menschen, die aus RKI-Risikogebieten zurückkommen. Das sind aktuell Ägypten (ganzes Land), China (Provinz Hubei inkl. Stadt Wuhan), Frankreich (Region Grand Est mit Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne), Iran (ganzes Land), Italien (ganzes Land), Österreich (Bundesland Tirol), Spanien (Regionen Madrid, Navarra, La Riojs, Oais Vasco), Südkorea (drei Provinzen) und die USA (Bundesstaaten Kalifornien, Washington und New York).

Wer aus diesen Gebieten zurückkommt, darf in NRW zwei Wochen keine Kitas, Heime, Schulen, Krankenhäuser, Rehaeinrichtungen, Dialyseeinrichtungen, Pflegeheime, Berufsschulen und Unis betreten. Die Träger von medizinischen oder pflegerischen Einrichtungen können im Notfall Ausnahmen für entsprechende Mitarbeiter genehmigen.

Allerdings gibt es einzelne Gesundheitsämter, die strenger vorgehen, als das RKI empfiehlt. Am Montag stellte das Gesundheitsamt Köln Passagiere einer ganzen Eurowings-Maschine unter Quarantäne, die aus Teneriffa kam. Auch Urlauber aus Ostwestfalen-Lippe sind betroffen und müssen zwei Wochen zu Hause bleiben.

„Kann man nicht das Blut von Menschen, die die Infektion durchgemacht haben, anderen transfundieren, um ihnen die Antikörper zu vermitteln?“

Prof. Dr. Eva Hummers, Direktorin des Institut für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Göttingen und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO): „Es gibt bisher ja gar nicht so viele Menschen, die von Covid 19 genesen sind, als dass man dort mit Blutspenden weit käme – falls diese Menschen überhaupt fit genug dazu wären und keine sonstigen Kontraindikationen gegen eine Spende haben. Bluttransfusionen bergen zudem eine Vielzahl Gefahren und müssen daher vorsichtig eingesetzt werden. Theoretisch denkbar wäre allenfalls eine Anreicherung von Antikörpern in einem (humanen) Serum, auch das mit allen damit verbundenen Risiken. Zudem gibt es das entsprechende Subs­trat – antikörperhaltiges Blut – überhaupt nicht in geeigneten Mengen.

„Ich habe einen Minijob, aber da ist jetzt nichts mehr zu tun. Die Chefin sagt, ich muss jetzt meinen Jahresurlaub nehmen. Ist das richtig?”

Dr. Wolfgang Buschfort: „Grundsätzlich kann der Arbeitgeber Arbeitnehmer nicht gegen ihren Willen in Urlaub schicken. Allerdings verlangt die derzeitige besondere Situation nach besonderen Lösungen. Es empfiehlt sich, die Sache mit dem Arbeitgeber zu besprechen und nach flexiblen, einvernehmlichen Lösungen zu suchen.”

„Ich arbeite in einer Kita und habe natürlich engen Kontakt zu Kindern. Muss mir der Träger nicht einen Mundschutz zur Verfügung stellen?”

Joachim Schulte, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Lichtenau: „Auf jeden Fall. Laut BGB muss ein Arbeitgeber Dienstleistungen, die unter seiner Anordnung geschehen, so regeln, dass der Arbeitnehmer gegen Gefahr für Leben und Gesundheit soweit geschützt ist, wie es die Natur der Dienstleistung gestattet. Eine Mundschutzmaske wäre in Ihrem Fall ein angemessenes Mittel, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Ich würde den Kitaträger darauf ansprechen.”

Hier geht es zu den bisherigen Folgen:

Teil 1

Teil 2

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